/ 20.06.2013
Sabine Ruß
Interessenvertretung als Problemkonstruktion. Schwache Interessen im politischen Kräftefeld moderner Demokratie am Beispiel Wohnungsloser in Frankreich und den USA
Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2005; 384 S.; brosch., 79,- €; ISBN 978-3-8329-1611-4Politikwiss. Habilitationsschrift Freiburg. – Wohnungslosigkeit sei in den reichen Staaten das Symbol sozialer Ungleichheit und Ausgrenzung schlechthin, schreibt die Autorin. „Wer auf öffentlichen Plätzen lebt, verliert mit seinem Privatleben gewöhnlich auch seine Stimme im öffentlich-politischen Leben“ (15), mit der Verdrängung aus den Innenstädten mit Hilfe des Ordnungsrechts würden Obdachlose und ihre Interessen unsichtbar. Dennoch sei es in den achtziger Jahren in den USA und in Frankreich zu Thematisierungen des Problems gekommen. Anhand dieser Beispiele fragt die Autorin nach dem Funktionieren demokratischer Systeme, untersucht den Wandel der wohlfahrtstaatlichen Arrangements und beschäftigt sich mit den Theorien kollektiven Handels für den Fall „schwacher Interessen“. Ihre Ausgangsthese ist, dass die Artikulation und Durchsetzung von Interessen extrem ressourcenarmer Gruppen wie die der Obdachlosen von der Art und Weise abhängen, wie diese als politisches Problem konstruiert werden. In beiden Ländern, so zeigt ihre Analyse, vertraten andere Akteure die Wohnungslosen im politischen Kräftefeld. Ihr zentrales Argument sei gewesen, dass Wohnungslosigkeit die Menschenrechte verletze. In den USA allerdings sei Obdachlosigkeit „als moralische Kampfmaschine der amerikanischen liberals gegen den Rückbau bundesstaatlicher Engagements in der Sozialpolitik unter Ronald Reagan begriffen“ (343) worden. In Frankreich dagegen habe unter einer linken Regierung eine eher parteipolitisch neutrale Moralisierung vorgeherrscht. In beiden Ländern sei in der Folge eine Erweiterung des wohlfahrtsstaatlichen Handlungsrahmens zu beobachten, so die Autorin, wobei die Privatinitiativen, die sich für Wohnungslose einsetzten, vom Staat unter Vertrag genommen worden seien und so eine spezifische Vergesellschaft der Sozialpolitik stattgefunden habe. Das Fazit dieser Fallstudie lautet, dass „schwache Interessen“ politisch nicht ohnmächtig seien.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.22 | 2.23 | 2.61 | 2.64
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Sabine Ruß: Interessenvertretung als Problemkonstruktion. Baden-Baden: 2005, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/25469-interessenvertretung-als-problemkonstruktion_29540, veröffentlicht am 25.06.2007.
Buch-Nr.: 29540
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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