/ 18.06.2013
Stephanie Kowitz
Jedwabne. Kollektives Gedächtnis und tabuisierte Vergangenheit
Berlin-Brandenburg: be.bra wissenschaft verlag 2004 (Sifria - Wissenschaftliche Bibliothek VI); 262 S.; pb., 24,90 €; ISBN 3-937233-04-0Polen habe sich an die Zeit des Zweiten Weltkriegs immer aus der Perspektive des Opfers erinnert, schreibt die Autorin. „Diese Opferperspektive stellt ein konstituierendes Element des kollektiven Gedächtnisses der polnischen Gesellschaft dar" (12). Diese Selbstwahrnehmung sei maßgeblich durch das 2000 erschienene Buch des Soziologen Gross erschüttert worden. Er beschreibt die Ermordung der jüdischen Bevölkerung von Jedwabne im Sommer 1941 durch ihre katholischen Nachbarn. Die Taten seien „ohne äußere Anstiftung von deutscher Seite" (11) begangen worden. Die Autorin analysiert die Bedeutung der auf dieses Buch folgenden Debatte für das Kollektivgedächtnis der Gesellschaft. Thematisiert wird damit auch der Antisemitismus in Polen, der nach Kriegsende angedauert habe: „In der Zeit von 1944 bis 1947 wird Polen von einer Welle antisemitischer Gewalt und Pogrome erfasst, die insgesamt 1.500 bis 2.000 Menschen das Leben kosten." (35) Noch 1968 habe der Staat eine antizionistische Kampagne und damit die letzte Vertreibungswelle der jüdischen Bevölkerung inszeniert. Nur etwa 5.000 Juden seien in Polen geblieben. Auch in den folgenden Jahrzehnten sei der größte Teil der polnischen Öffentlichkeit außerdem nicht bereit gewesen, zwischen dem polnischen und dem jüdischen Leid während der NS-Herrschaft zu unterscheiden. Gross aber beschuldige die Einwohner von Jedwabne, alle direkt oder indirekt an der Ermordung ihrer jüdischen Bevölkerung beteiligt gewesen zu sein und werfe den Historikern vor, ebenso wie später die Einwohner dazu geschwiegen zu haben. Damit sitze „die gesamte polnische Gesellschaft für die jahrzehntelange Tabuisierung und Verdrängung der Shoah in Polen auf der Anklagebank" (52 f.). Die auf diese Thesen folgende öffentliche Debatte habe gezeigt, so die Autorin, dass der Opfer-Mythos der polnischen Gesellschaft „den Weg zu einer objektiven und kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte" (104) versperrt habe. Ob sich diese Selbstwahrnehmung aufgrund der Diskussion um Jedwabne ändere, werde wohl erst in einigen Jahren zu erkennen sein. Der zweite Teil dieses Buches besteht aus einer Dokumentation, in der wichtige Beiträge der Jedwabne-Debatte abgedruckt sind.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.62 | 2.23
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Stephanie Kowitz: Jedwabne. Berlin-Brandenburg: 2004, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/19868-jedwabne_23127, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 23127
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