/ 20.06.2013
Oskar Lafontaine
Politik für alle. Streitschrift für eine gerechte Gesellschaft
Berlin: Econ 2005; 303 S.; 4. Aufl.; geb., 19,95 €; ISBN 3-430-15949-0Lafontaine hat ein scharfes Plädoyer gegen den „größten Sozialabbau in der Geschichte der Bundesrepublik“ (7) verfasst. Das Buch soll „diejenigen [...] unterstützen, die sich mit der derzeitigen politischen und gesellschaftlichen Entwicklung nicht abfinden wollen“ (9). Scharf kritisiert Lafontaine die „Reformpolitik“ der letzten Jahre, die er als eine interessengeleitete Politik der industriellen Verbände und (internationalen) Finanzmärkte versteht. Um die Fehler und den Irrglauben der scheinbar alternativlosen Politik der Gegenwart aufzudecken, analysiert er ausführlich die Bedeutung und den Inhalt der in den politischen Debatten verwendeten Sprache. Zentrale Begriffe wie „Lohnnebenkosten“ oder „Flexibilität des Arbeitsmarktes“ werden kritisiert. Hier liegt eindeutig die Stärke dieser politischen Streitschrift. Auch der Hinweis auf die Kurzfristigkeit und die gesellschaftlichen Konsequenzen der gegenwärtigen Politik überzeugt. Der Verlust der „Dauerhaftigkeit“ und „Verlässlichkeit“ in der Arbeitswelt – in Anlehnung an Richard Sennetts „Der flexible Mensch“ – führe demnach zu einem erhöhten Maß an Unsicherheit und Orientierungslosigkeit. Im zweiten Teil des Buches wird allerdings die Schwäche der Argumentationsweise Lafontaines deutlich: Nicht nur, dass er sich nicht eindeutig entscheiden mag, ob er Publizist, Analytiker oder Politiker ist, und aus diesem Grunde oft auf unklare Weise mit seinen sehr komplexen Themen umgeht. Lafontaine wird auch selbst zum Vereinfacher und bedient sich der von ihm kritisierten Sprache, die Ängste schürt und subjektive Ansichten verabsolutiert. So ist Lafontaine im Kapitel zu Migration und den staatsbürgerlichen Rechten und Pflichten in der Bundesrepublik einer nationalökonomischen und kulturkonservativen Sichtweise aufgesessen, die zum Beispiel zu der Ansicht führt, dass das Staatsbürgerrecht nicht nur an den Wohnsitz (in Deutschland), sondern auch an ein Beherrschen der deutschen Sprache gebunden sein sollte.
Oliver Trede (OT)
Dr. phil., Historiker/Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 2.3 | 2.331 | 2.34 | 2.35 | 4.21
Empfohlene Zitierweise: Oliver Trede, Rezension zu: Oskar Lafontaine: Politik für alle. Berlin: 2005, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/24054-politik-fuer-alle_27684, veröffentlicht am 25.06.2007.
Buch-Nr.: 27684
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Dr. phil., Historiker/Politikwissenschaftler.
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