/ 20.06.2013
Stefan Braun
Scientology - Eine extremistische Religion. Vergleich der Auseinandersetzung mit einer umstrittenen Organisation in Deutschland und den USA
Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2004 (Extremismus und Demokratie 10); 367 S.; brosch., 44,- €; ISBN 3-8329-0764-5Politikwiss. Diss. TU Chemnitz; Gutachter: E. Jesse. - Braun prüft den Charakter von Scientology anhand extremismustheoretischer Kriterien und vergleicht die Auseinandersetzung in Deutschland und den USA. Zur Beschreibung des Phänomens neuer religiöser Gruppen verwirft er wissenschaftlich nicht exakte, eher diffamierende Begriffe wie „Sekte” „Psychogruppe” usw. zugunsten der von ihm neu eingeführten Bezeichnung „religiös und weltanschaulich minoritäre Kultusgemeinschaft der Moderne”, unter die er Scientology subsumiert. Gemessen am Prüfungsmaßstab des demokratischen Verfassungsstaats kommt Braun zu dem Ergebnis, dass die Lehren Scientologys eindeutig als extremistisch einzustufen sind (Ablehnung u. a. von Gewaltenteilung, Menschenrechten, Prinzipien demokratischer Legitimation und Kontrolle, Pluralismus). Die unterschiedliche Behandlung führt er auf die verschiedenen historischen Traditionen von Religionspluralismus, Religionsfreiheit sowie die hiermit verbundene Ausprägung des Verhältnisses von Kirche und Staat zurück: Im Gegensatz zu den USA war Deutschland „bis in die sechziger des 20. Jahrhunderts hinein nahezu religiös homogen geprägt” (340) – und zwar durch christliche Großkirchen. Eine hieraus resultierende fehlende „Souveränität” im Umgang mit nicht staatlich anerkannten religiösen Gruppen zeigt sich u. a. auch an dem langjährigen, bis zum Verfassungsgericht geführten Streit über den Status der Zeugen Jehovas. Wenn auch in den USA Scientology „keineswegs unumstritten [ist], [...] Kritiker sie ebenfalls im extremistischen Bereich“ verorten, so ist „Scientology – wegen der traditionellen Vielzahl umstrittener religiöser Gemeinschaften – jedoch von nachrangigem Interesse in der breiten Öffentlichkeit” (342). Vor diesem Hintergrund wird für eine „gelassenere” Praxis plädiert, d. h. zwar weitere Beobachtung durch den Verfassungsschutz, aber kein Verbot, sondern verstärkte diskursive Auseinandersetzung und religionswissenschaftliche Aufklärung.
Robert Chr. van Ooyen (RVO)
Dr., ORR, Hochschullehrer für Staats- und Gesellschaftswissenschaften, Fachhochschule des Bundes Lübeck; Lehrbeauftragter am OSI der FU Berlin sowie am Masterstudiengang "Politik und Verfassung" der TU Dresden.
Rubrizierung: 2.25 | 2.23 | 2.64 | 2.37 | 2.35
Empfohlene Zitierweise: Robert Chr. van Ooyen, Rezension zu: Stefan Braun: Scientology - Eine extremistische Religion. Baden-Baden: 2004, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/23260-scientology---eine-extremistische-religion_26650, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 26650
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Dr., ORR, Hochschullehrer für Staats- und Gesellschaftswissenschaften, Fachhochschule des Bundes Lübeck; Lehrbeauftragter am OSI der FU Berlin sowie am Masterstudiengang "Politik und Verfassung" der TU Dresden.
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