Freie Wissenschaft braucht offene Publikationsinfrastrukturen
Der wissenschaftliche Publikationsmarkt wird von einem Oligopol von Großverlagen dominiert. Exorbitante Preise für Veröffentlichungen und der Trend zur Kommodifizierung werden zwar vielfach beklagt, doch ein echter Kurswechsel fällt schwer. Michael Czolkoß-Hettwer, Projektkoordinator bei Pollux, beschreibt den Stand der wissenschaftspolitischen Debatte und stellt einen konkreten Ausweg aus der Misere vor.
Eine Analyse von Michael Czolkoß-Hettwer
Wissenschaftsfreiheit ist ein hohes Gut und als Grundrecht in den Verfassungen westlicher Demokratien verankert. Reale (und vermeintliche) Angriffe auf die Wissenschaftsfreiheit lösen daher in der wissenschaftlichen Community und auch in der breiten Öffentlichkeit bisweilen hitzige Diskussionen aus. In diesen Diskussionen geht es meist um die akademische Debattenkultur und die (wissenschaftliche) Meinungsfreiheit. Diskutiert wird zum Beispiel, wie frei und in welchem Rahmen man seine (wissenschaftliche) Meinung äußern und Forschungsthemen auswählen kann. Aktuelle Beispiele hierfür ließen sich zahlreiche nennen. Man denke nur an die regelmäßigen Auseinandersetzungen um akademische Veranstaltungen, die abgesagt werden, weil bestimmte Akteure gegen eingeladene Referent*innen mobilisieren (Stichwort „Cancel Culture“).[1] Besondere Brisanz hatte die Debatte in Deutschland zuletzt in Folge der Gaza-Proteste an der Freien Universität Berlin, die vor zwei Jahren in der sogenannten „Fördermittelaffäre“ rund um Bundesministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) mündete. Ausgangspunkt waren propalästinensische Demonstrationen an der FU, wo es zur Einrichtung von Protestcamps kam. Dass diese Camps mit Unterstützung der Hochschulleitung von der Polizei geräumt wurden, kritisierten Forscher*innen der Berliner Universitäten in einem offenen Brief. Im Bundesforschungsministerium wurde dies zum Anlass genommen, die Unterzeichnenden zu erfassen und Fördermittelvergaben zu prüfen.
Bei der Fördermittelaffäre ging es um weit mehr als Auseinandersetzungen um den Nahostkonflikt. Laut dem Historiker Michael Wildt, der selbst direkt in die Auseinandersetzungen an der FU Berlin involviert war, ist der Vorgang ein Symptom dafür, dass „wissenschaftliches Arbeiten immer mehr in Relation gesetzt wird zu politischem oder ökonomischem Nutzen und dass somit Politiker für sich das Recht in Anspruch nehmen, wissenschaftliches Arbeiten zu beurteilen und zu fördern oder nicht zu fördern aus politischen Gründen“.[2] Besonders anschaulich zeigt sich diese Entwicklung in den USA seit Donald Trumps (zweitem) Machtantritt, wo die Wissenschaftsförderung mit Bundesmitteln nun auch gesetzlich verbrieft an den Prioritäten der Regierung und des Präsidenten ausgerichtet werden soll.[3] Man muss jedoch nicht über den Atlantik und auch nicht auf populistische Parteien schauen. Die Berliner CDU schlug im Wahlkampf in die gleiche Kerbe und meinte zu wissen, was „wir“ (wer auch immer das sein mag) für ein wirtschaftlich starkes Berlin nicht bräuchten, und zwar: „Gender-Lehrstühle zulasten von Spitzenforschung“.[4]
Für den folgenden Beitrag ist diese politische Dimension wichtig, zugleich soll in doppelter Hinsicht ein anderer Fokus gesetzt werden. Zum einen soll beleuchtet werden, inwieweit durch Fehlentwicklungen im Bereich der Forschungs- bzw. Publikationsinfrastrukturen bereits die Voraussetzungen, die es braucht, um freie Forschung betreiben zu können, bedroht sind. Zudem wird der Blick stärker auf Marktdynamiken als auf politische Einflussnahmen gerichtet sein – auch wenn diese beiden Dimensionen oft ineinandergreifen.
Forschungsinfrastrukturen sind äußerst vielfältig und reichen von der Forschungssoftware bis hin zum Forschungsschiff. Der folgende Beitrag bezieht sich vorrangig auf Forschungsinformationsinfrastrukturen, worunter unter anderem Sammlungen, Archive, strukturierte Informationen wie Datenerhebungen und -sammlungen sowie digitale Datenbanken gefasst werden.[5] (Digitale) Publikationsinfrastrukturen können hierunter subsumiert werden, da diese für die Verbreitung von Forschungsinformationen maßgeblich sind.
Digitalisierung und Open Access
Im 20. Jahrhundert entstand ein Markt für wissenschaftliche Publikationen. Kommerzielle Verlage übernahmen die Herstellung und Verbreitung von (gedruckten) Publikationen und erzielten Gewinne aus Verkaufserlösen an Bibliotheken und Privatpersonen. Bei Buchpublikationen spielten Druckkostenzuschüsse von den Autor*innen und Herausgebenden eine maßgebliche Rolle im Geschäftsmodell der Verlage.
Seit der Jahrtausendwende prägen zwei Trends die Entwicklung des Publikationswesens. Erstens die Digitalisierung: Auch wenn – je nach Fachkultur und Medienart unterschiedlich ausgeprägt – gedruckte Publikationen weiterhin relevant sind, geht der Trend zum digitalen Publizieren. Verbunden damit ist, zweitens, die Entwicklung hin zu Open Access.
Der Wandel von gedruckten zu elektronischen Publikationen hat dieses Geschäftsmodell nicht grundlegend verändert. Für kleinere Wissenschaftsverlage stellt der digitale Wandel jedoch eine größere Herausforderung dar, da für die Herstellung und dauerhafte Bereitstellung von elektronischen Publikationen eine kostenintensive Infrastruktur und viel Expertise notwendig sind. Im Zuge der Open Access-Transformation kam es hingegen zu einer grundlegenden Kostenverlagerung. Da Open Access-Publikationen frei im Netz zugänglich sind und Verkaufserlöse für die Verlage wegfallen,[6] werden die Kosten vorrangig von den Autor*innen selbst über Publikationsgebühren (Article oder Book Processing Charges) getragen. Die Autor*innen bezahlen also die Verlage dafür, dass diese ihre Texte online zur freien Verfügung anbieten.
Im Zeitschriftensektor ist die Open Access-Transformation geprägt von den sogenannten „Publish and Read“-Verträgen mit großen Wissenschaftsverlagen. Prägend sind hierbei die DEAL-Verträge mit Springer Nature, Wiley und Elsevier. Diese Verträge werden von Konsortien für die Wissenschaft verhandelt und Wissenschaftsorganisationen wie Universitäten oder außeruniversitäre Forschungseinrichtungen können diesen Verträgen dann beitreten. Teilnehmende Einrichtungen erhalten Zugriff auf zahlreiche wissenschaftliche Zeitschriften des betreffenden Verlags (Read-Komponente) und Angehörige dieser Forschungseinrichtungen können im Rahmen des Vertrags zu festgelegten Konditionen in den Zeitschriften des Verlags Open Access publizieren (Publish-Komponente).[7] Auch diese Entwicklung begünstigt strukturell größere Verlage.[8]
Marktkonzentration und ihre Folgen
Der wissenschaftliche Publikationsmarkt ist heute geprägt durch ein Oligopol internationaler Großverlage. Die fünf größten Verlage (mit Blick auf die Zahl der von ihnen herausgegebenen Zeitschriften) sind Elsevier, Springer Nature, Taylor & Francis, Wiley und Sage. Die hohe Marktkonzentration führt – wenig überraschend – zu immer weiter steigenden Preisen. Die Profitmargen im wissenschaftlichen Publikationsmarkt sind folglich exorbitant hoch. Elsevier verzeichnete in den letzten Jahren regelmäßig Werte um die 40 Prozent.[9] Die Open Access-Transformation ist nicht die Ursache dieses Problems (die Markkonzentration setzte schon früher ein), verschärft jedoch diese Tendenz.[10]
Um ihre Profitabilität noch weiter zu steigern, nehmen die genannten Verlage zunehmend Einfluss auf die konkrete inhaltliche Arbeit beispielsweise von Zeitschriftenredaktionen. So wird unter anderem Druck ausgeübt, den „Publikationsoutput“ einer Zeitschrift zu erhöhen, da dies deren Profitabilität für den Verlag steigert. Im Jahr 2023 entließ Wiley den Editor-in-Chief von „The Journal of Political Philosophy“, Robert Goodin, weil dieser sich weigerte, mehr Artikel zu veröffentlichen.[11] In der Folge verließ der gesamte Herausgeberkreis die Zeitschrift und wagte eine Neugründung als „Political Philosophy“ unter dem Dach der nicht-kommerziellen „Open Library of Humanities“.[12]
Die großen Verlage haben ihre Geschäftsfelder in der jüngeren Vergangenheit stark ausgedehnt und sich zu Unternehmen entwickelt, die mit ihren Produkten den kompletten digitalen Forschungsprozess bedienen. Dass diese Entwicklung auf diversen Ebenen die Wissenschaftsfreiheit bedroht,[13] zeigt sich am Beispiel Elsevier, das sich mittlerweile selbst als „data analytics company“ bezeichnet.[14]
Elsevier ist Teil der RELX Group, eines börsennotierten Medienkonzerns mit Hauptsitz in London. Vor allem durch strategische Unternehmensakquisitionen hat Elsevier in den vergangenen Jahren sein Dienstleistungsportfolio stetig erweitert. Derzeit gehören unter anderem folgende Produkte zum Konzern:
- „Digital Commons“ (früher: Bepress): Software für den Betrieb von akademischen Repositorien
- Mendeley: Literaturverwaltungsprogramm / Referenzmanager
- Plum Analytics: Analyse von Forschungs-Impact / Altmetrics
- Pure: Software für den Betrieb von Forschungsinformationssystemen
- SciVal: Analysetool (basierend auf Scopus) zu Forschungsleistungsinformationen (beispielsweise Publikations-, Zitations- und Nutzungsdaten)
- Scopus: Bibliografische Datenbank / Zitationsdatenbank
- Social Science Research Network (SSRN): Dokumentenserver für Preprints
Samuel Moore fasst in seinem Buch „Publishing Beyond the Market” sehr gut zusammen, warum diese Entwicklung problematisch ist:
„The totalising approach to the research life cycle now defines the evolution of commercial research infrastructures. Publishers seek to control this life cycle in order to fence individual researchers within the walled gardens they create, thus allowing maximum opportunities to profit from their content and behaviour.“[15]
Blickt man auf die Entwicklungstrends im wissenschaftlichen Publikationsmarkt und im Feld der Forschungsinformationsinfrastrukturen insgesamt, können wir festhalten, dass es einen starken Trend zur Kommodifizierung wissenschaftlichen Wissens und zur Marktkonzentration gibt. Die daraus resultierenden Preissteigerungsdynamiken belasten die ohnehin unter Druck stehenden Hochschuletats. Durch die am Elsevier-Beispiel illustrierte Ausweitung der Geschäftsfelder großer Wissenschaftsverlage ergeben sich Lock-in-Effekte für Wissenschaftler*innen.
Wege aus der Krise? Lösungsansätze in Europa und Deutschland
Auf Ebene der Europäischen Union sind in den vergangenen Jahren zahlreiche Papiere verfasst und Projekte lanciert worden, um die beschriebenen Probleme im Publikationsmarkt und im Bereich der Forschungsinfrastrukturen zu adressieren. Ein prominentes Beispiel hierfür sind die Schlussfolgerungen des Rates der Europäischen Union zum Thema „Wege des hochwertigen, transparenten, offenen, vertrauenswürdigen und fairen wissenschaftlichen Publizierens“ aus dem Jahr 2023. Hierin hebt der Rat hervor, „dass ein unmittelbarer und uneingeschränkter offener Zugang zu Publikationen von öffentlich finanzierter Forschung die Norm sein sollte, wobei die Preisgestaltung transparent und den Publikationsdiensten angemessen sein sollte“. Mit „Besorgnis“ nehme der Rat zur Kenntnis, „dass die steigenden Kosten für Bezahlschranken beim Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen und zum wissenschaftlichen Publizieren zu Ungleichheiten führen und für öffentliche Forschungsförderer und Einrichtungen, die für die Verwendung öffentlicher Mittel verantwortlich sind, untragbar werden, wodurch für die Forschung immer weniger Mittel zur Verfügung stehen“. Betont wird in dem Papier ferner die Bedeutung gemeinnütziger Open Access-Modelle für das wissenschaftliche Publizieren, bei denen für Autor*innen keine Gebühren anfallen (Diamond Open Access). Die EU-Kommission und die Mitgliedsstaaten werden dazu aufgerufen, Infrastrukturen für solche gemeinnützigen Modelle aufzubauen.[16]
Die gegenwärtigen (wissenschafts-)politischen Debatten drehen sich stark um das Konzept der „digitalen Souveränität“, mit dem man im Wissenschaftssystem die Frage nach der Kontrolle über digitale Forschungs- und Informationsinfrastrukturen verbindet.[17] Bei aller Ambivalenz des Konzepts geht es letztlich um die „Fähigkeit von Forschungseinrichtungen und Wissenschaftler*innen, im digitalen Raum unabhängig agieren und entscheiden zu können“.[18] In einem aktuellen Perspektivenpapier schreibt der Wissenschaftsrat, dass das „Angebot wissenschaftlicher Gemeingüter“, die unter anderem die „Souveränität über Daten und Publikationen“ ermöglichen, ein „zentraler Erfolgsfaktor“ für die Zukunft der Wissenschaft in Deutschland sei.[19]
Es stellt sich die Frage, mit welchen Maßnahmen diese postulierten Ziele erreicht werden sollen. Systematisch beleuchtet werden kann dies an dieser Stelle nicht. Grob vereinfacht lässt sich feststellen, dass neben einigen gesetzgeberischen Initiativen vor allem spezifische Projekte initiiert werden – sowohl auf EU-Ebene[20] als auch in den EU-Mitgliedsländern. All diesen Maßnahmen zum Trotz lässt sich laut Expertinnen wie Kathrin Ganz in Europa in vielen Bereichen eine „Unterfinanzierung von Hochschulen und wissenschaftsnahen Infrastrukturen“ beobachten. Zwar gebe es mittlerweile zahlreiche gemeinwohlorientierte, nicht-kommerzielle Modelle im Bereich der Forschungs- und Publikationsinfrastrukturen, jedoch seien diese „oftmals strukturell prekär“: „Noch sind wir nicht an dem Punkt, an dem der Betrieb von Publikationsinfrastrukturen samt der redaktionellen Arbeit, die nötig ist, um Publikationen umzusetzen, ausreichend finanziert wird. Vielmehr sind viele Projekte von […] Ehrenamt bzw. unbezahlter Mehrarbeit und projektbezogener Förderung abhängig“.[21]
Infrastrukturen für Diamond Open Access
Zur Unterstützung von Diamond Open Access-Modellen – die nicht nur für die Leser*innen, sondern auch die Autor*innen kostenfrei sind – startete die EU-Kommission 2021 die Publikationsplattform Open Research Europe (ORE). Zunächst konnten nur Forschende, die über bestimmte Förderlinien der EU in Projekten tätig waren, auf ORE ihre Arbeiten kostenfrei publizieren. Seit 2026 wird ORE von einem Verbund von Forschungs- und Förderorganisationen aus elf europäischen Ländern getragen – auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) ist beteiligt. Die Europäische Kommission fungiert als ständige Beobachterin und leistet zusätzliche finanzielle Unterstützung. Voraussichtlich ab Herbst 2026 können alle Wissenschaftler*innen aus den beteiligten Ländern die Plattform gebührenfrei nutzen. Wissenschaftler*innen können hierbei als Publizierende und als Gutachtende tätig werden, wobei ORE ein Open Peer Review System nutzt. Bei der Neuausrichtung von ORE sollen alle wissenschaftlichen Disziplinen eine aktive Rolle einnehmen. Vor diesem Hintergrund wird derzeit der Wissenschaftliche Beirat neu besetzt.[22] Es wird spannend zu beobachten sein, wie diese Plattform von den Forschenden angenommen wird.
Zur Unterstützung des Wissensaustauschs, der Vernetzung und Etablierung technischer Standards im Bereich des Diamond Open Access-Publizierens existieren seit jüngerer Vergangenheit sowohl auf europäischer als auch auf deutscher Ebene Infrastrukturen. Dies sind der European Diamond Capacity Hub[23] und die von der DFG finanzierte Servicestelle Diamond Open Access (SeDOA).[24]
Als zentrale Akteure sind für Deutschland neben den Universitätsverlagen die maßgeblich von der DFG finanzierten Fachinformationsdienste für die Wissenschaft (FID) zu nennen. Die FID haben sich das Ziel gesetzt, im Zeitraum von 2026 bis 2028 – gemeinsam mit SeDOA – ein „FID Publishing Competence Cluster“ für wissenschaftsgeleitetes Publizieren im (Diamond) Open Access zu etablieren.[25]
Für die Politikwissenschaft ist der FID Politikwissenschaft – Pollux[26] erster Ansprechpartner. Mit „Pollux Publishing“ bringt der FID in 2027 eine Diamond Open Access-Publikationsplattform an den Start, die Politikwissenschaftler*innen die Möglichkeit bieten wird, ihre Fachzeitschrift in ein nicht-kommerzielles Modell zu überführen – Neugründungen von Zeitschriften sind ebenfalls möglich. Als erste Partnerzeitschrift für Pollux Publishing konnte die vom Dresdner Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung herausgegebene „Totalitarismus und Demokratie. Zeitschrift für Internationale Diktatur- und Freiheitsforschung“ gewonnen werden.[27]
Das Angebot von Pollux Publishing umfasst unter anderem die Ersteinrichtung und Konfiguration der Zeitschriften, die fortlaufende technische Unterstützung sowie die Schulung im Umgang mit der Open Source-Publikationssoftware „Open Journal Systems“ (OJS). Die Herausgebenden werden ferner bei der Optimierung der Sichtbarkeit ihrer Zeitschrift unterstützt.[28]
Schwierigkeiten bei der Etablierung nicht-kommerzieller Alternativen
Forschungs(informations)infrastrukturen haben durch die Digitalisierung der Forschungspraxis in den letzten Jahrzehnten einen tiefgreifenden Wandel vollzogen. Der Bereich der Publikationsinfrastrukturen ist dabei durch die Kommodifizierung wissenschaftlichen Wissens, die Oligopolisierung des Verlagsmarktes und die Ausdehnung der Geschäftsfelder der großen Verlage geprägt. Preissteigerungen, Lock-in-Effekte und vielfältige Abhängigkeiten von Privatunternehmen sind die Folge.
Die im vorliegenden Beitrag skizzierten Problemlagen werden von der Wissenschaftscommunity und politisch maßgeblichen Akteuren durchaus erkannt und zugleich ist es schwierig, nicht-kommerzielle Alternativen zu etablieren. Ursächlich hierfür sind die im Bereich Infrastrukturen stets prägenden Pfadabhängigkeiten sowie weitere strukturelle Faktoren.
Erstens sind Forschende mit Blick auf den Publikationsmarkt – sofern sie ihre Karrierechancen im Blick haben – in ihrer Entscheidungsfreiheit auf individueller Ebene stark eingeschränkt. Publikationen sind symbolisches Kapital für Wissenschaftler*innen (im Bourdieuschen Sinne) und die Verlags- beziehungsweise Markenreputation ist hierbei maßgeblich. Selbst wenn sich eine große Mehrheit oder gar alle Forschenden einig wäre(n), dass die derzeit dominierenden Publikationspraktiken reformiert werden sollten, ist ein Wandel nur schwer zu organisieren, da die Individuen aus ihrer Sicht beim Publizieren rational handeln (müssen), auch wenn dies irrationale oder gar dysfunktionale Systemeffekte mit sich bringt (Problem kollektiven Handelns). Dies verweist auf die zentrale Bedeutung des Themas Forschungsevaluation.[29]
Wenn wir zweitens den Anspruch haben, Forschungsinfrastrukturen – man denke hier zur Veranschaulichung der Problematik zum Beispiel an Forschungssoftware, Datenbanken und KI-Tools für Forschungsanwendungen – in nicht-kommerziellen Settings frei zugänglich zur Verfügung zu stellen, steht man vor der komplexen Herausforderung, den Betrieb und die Weiterentwicklung dieser Strukturen einigermaßen effizient und gerecht (Stichwort: Kostenverteilung) zu organisieren, um Trittbrettfahrerproblemen zu begegnen. Nicht-kommerzielle Forschungsinfrastrukturen im geschilderten Sinne sind schließlich öffentliche Güter, und als solche nicht-rivalisierend (ein Gut, dessen Konsum durch eine Person den Konsum durch andere nicht beeinträchtigt) und nicht ausschließbar (es ist unmöglich, jene, die für ein Gut nicht bezahlt haben, vom Konsum desselben abzuhalten).[30]
Drittens bieten Großverlage für die Forschenden komfortabel nutzbare Produkte, die oft (vermeintlich) kostenfrei sind. Ein Wechsel ist in solchen Konstellationen meist mit einem zumindest temporär erhöhten Aufwand verbunden. Nicht-kommerzielle Produkte (wie Open Source-Software) bieten oft weniger Funktionalitäten und Benutzerfreundlichkeit (Komfortdilemma).
Viertens fokussieren die in Deutschland geführten Debatten zur Forschungsinfrastruktur zu stark auf technische Aspekte. Dies gilt insbesondere für das Thema Open Access-Publikationsinfrastrukturen. Die ökonomische, politische und auch soziale Dimension kommt dabei oft zu kurz – wobei sich hier ein Wandel beobachten lässt.[31]
Ein Lösungsansatz liegt in der Dezentralität
Abschließend bleibt festzuhalten: Es gibt (wie so oft) keine einfachen Antworten oder Lösungen. Eine wie auch immer organisierte Überführung des Publikationsmarktes in öffentliche Trägerschaft und staatliche Finanzierung beispielsweise birgt angesichts des erstarkenden Autoritarismus ebenfalls Risiken. Dies zeigt sich derzeit sehr anschaulich mit Blick auf die USA und den dort zu beobachtenden regierungsseitigen Angriffen auf die für die Lebenswissenschaften relevanten öffentlichen Forschungsinfrastrukturen wie PubMed.[32]
Eine zentrale Erkenntnis bringt der Blick auf die Forschungsinfrastrukturentwicklung der letzten Jahre mit sich: Kosten, organisatorische und technische Strukturen sowie auch Verantwortlichkeiten sollten möglichst dezentral und auf viele Akteure verteilt sein. Dies bringt große Herausforderungen im Bereich der Governance mit sich und setzt (arbeitsintensive) Kooperationen im Wissenschaftssystem voraus. Auf lange Sicht jedoch scheint dies die wichtigste Voraussetzung für die Etablierung gemeinnütziger, wissenschaftsgeleiteter Forschungsinfrastrukturen, die helfen, die Wissenschaftsfreiheit zu sichern. Die in diesem Beitrag skizzierten Entwicklungen in Europa und Deutschland geben durchaus Anlass zur Hoffnung.
Literatur:
[1] Vgl. Herford, Lara (2026): Cancel Culture als Positionierungsvehikel im semantischen Kampf um Wissenschaftsfreiheit, in: WOC GradNet (Hg.), Wissenschaftsfreiheit im Widerspruch. Beiträge zu einer Debatte im akademischen Feld, Wiesbaden: Springer Nature, S. 11-37.
[2] Wissenschaftsfreiheit in Deutschland (2026), in: H-Soz-Kult Podcast „Vergangenheitsformen“ (Staffel 4, Episode 2), online unter: https://www.hsozkult.de/podcast/staffel-4/wissenschaftsfreiheit-in-deutschland [letzter Zugriff: 24.07.2026]. Das Zitat setzt ein bei Zeitstempel: -16:10 Min.
[3] Vgl. Vallbracht, Christine (14.07.2026): US-Wissenschaft kritisiert Trump-Ausrichtung bei Fördermitteln, in: Forschung und Lehre, online unter https://www.forschung-und-lehre.de/politik/us-wissenschaft-kritisiert-trump-ausrichtung-bei-foerdermitteln-7791 [letzter Zugriff: 14.07.2026].
[4] CDU Berlin (2026): Berlin wird. Regierungsprogramm 2026-2031, S. 52, online unter https://berlin-wird.de/image/uploads/data/regierungsprogramm2026_2031.pdf [letzter Zugriff: 14.07.2026].
[5] Vgl. Wissenschaftsrat (2011): Empfehlungen zu Forschungsinfrastrukturen in den Geistes- und Sozialwissenschaften (Drucksache 10465-11), S. 19, online unter https://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/10465-11.html [letzter Zugriff: 24.07.2026].
[6] Gerade bei OA-Büchern gibt es meist parallel zur elektronischen Ausgabe weiterhin eine gedruckte Auflage, mit der Verlage Verkaufserlöse erzielen können, die in aller Regel jedoch sehr gering ausfallen.
[7] Vgl. Pampel, Heinz / Mittermaier, Bernhard (2024): Open Access und Zeitschriften, in: Johannsen, Jochen et al. (Hg.), Praxishandbuch Bibliotheksmanagement, 2. Aufl., Berlin / Boston: De Gruyter Saur, S. 315-332, online unter DOI:10.1515/9783111046341-020, S. 321 ff. Hintergründe zu den DEAL-Verträgen finden sich auf der Webseite des DEAL-Konsortiums: https://deal-konsortium.de/ [letzter Zugriff: 16.07.2026].
[8] Vgl. Rux, Johannes / Wrzesinski, Marcel (2023): Die Entwicklung von Open Access vor dem Hintergrund von DEAL und Plan S. Die Perspektive mittelständischer Verlage und verlagsunabhängiger Zeitschriften. Ein Gespräch mit Claudia Czingnon, in: Leviathan – Berliner Zeitschrift für Sozialwissenschaft 51: 1, S. 140-159, online unter DOI:10.5771/0340-0425-2023-1-140.
[9] Vgl. Beigel, Fernanda et al. (2025): The Drain of Scientific Publishing. Version 2, S. 3 und passim, online unter DOI: 10.48550/ARXIV.2511.04820; vgl. ferner Czolkoß-Hettwer, Michael (2025): Zwischen Hoffnung und Ernüchterung. Open Access in der Politikwissenschaft, in: DVPW Blog, online unter https://www.dvpw.de/blog/zwischen-hoffnung-und-ernuechterung-open-access-in-der-politikwissenschaft-ein-beitrag-von-michael-czolkoss-hettwer [letzter Zugriff: 24.07.2026].
[10] Vgl. Ganz, Kathrin (2026): Digitale Souveränität. Zur politischen Dimension von Publikationsinfrastrukturen in der Hand der Wissenschaft, in: kommunikation@gesellschaft 26: 1, S. 1-21, online unter DOI:10.15460/kommges.2025.26.1.1627, S. 5.
[11] Vgl. Winberg, Justin (2024): Solidarity among Philosophers Leads to New Journal. Political Philosophy, in: Daily Nous. News for & about the Philosophy Profession, online unter https://dailynous.com/2024/01/12/solidarity-among-philosophers-leads-to-new-journal-political-philosophy/ [letzter Zugriff: 17.07.2026].
[12] Vgl. https://politicalphilosophyjournal.org/site/about/ [letzter Zugriff: 17.07.2026].
[13] Anschaulich wird dies am vieldiskutierten Thema Datentracking. Vgl. hierzu AWBI: Ausschuss für Wissenschaftliche Bibliotheken und Informationssysteme (2021): Datentracking in der Wissenschaft. Aggregation und Verwendung bzw. Verkauf von Nutzungsdaten durch Wissenschaftsverlage. Ein Informationspapier des AWBI der DFG, online unter DOI:10.5281/ZENODO.5900759 und Fadeeva, Yuliya (2026): Science Tracking über Transformationsverträge und Wissenschaftsplattformen. Vom Beifang zum Hauptziel, in: kommunikation@gesellschaft 26: 1, S. 1-26, online unter DOI:10.15460/kommges.2025.26.1.1643. Vgl. auch Ganz (2026): Digitale Souveränität, S. 4.
[14] Für das Folgende vgl. Moore, Samuel A. (2025): Publishing Beyond the Market. Open Access, Care, and the Commons, Ann Arbor: University of Michigan Press, online unter DOI:10.3998/mpub.11781635, S. 14, 37 ff., 129 f.
[15] Ebd., S. 130.
[16] Rat der Europäischen Union (2023): Wege des hochwertigen, transparenten, offenen, vertrauenswürdigen und fairen wissenschaftlichen Publizierens. Schlussfolgerungen des Rates (Drucksache 8827/23), online unter https://data.consilium.europa.eu/doc/document/ST-9616-2023-INIT/de/pdf [letzter Zugriff: 17.07.2026]. Zitate auf S. 4 f.
[17] Vgl. Ganz (2026): Digitale Souveränität, S. 3, 5 und passim.
[18] Ebd., S. 3.
[19] Wissenschaftsrat: Wissenschaft in Deutschland – Perspektiven bis 2040 (Drucksache 3014-26). 2026, online unter DOI:10.57674/npvj-9804, S. 65. Digitale Souveränität wird insbesondere beim Thema KI als wichtige Herausforderung betont. Vgl. ebd., S. 87.
[20] Vgl. beispielsweise Rüffin, Nicolas V. / Cramer, Katharina C. / Tiemann, Maren (2024): The European Research Infrastructure Consortium (ERIC) as the New Normal? Change and Continuity in Organising European Research Infrastructures since the Early 2000s, in: Journal of European Integration History 30: 2, S. 301-318, online unter DOI:10.5771/0947-9511-2024-2-301; Adler‐Nissen, Rebecca / Eggeling, Kristin Anabel (2024): The Discursive Struggle for Digital Sovereignty. Security, Economy, Rights and the Cloud Project Gaia‐X, in: Journal of Common Market Studies 62: 4, S. 993-1011, online unter DOI: 10.1111/jcms.13594.
[21] Ganz (2026): Digitale Souveränität, S. 15.
[22] Vgl. DFG (2026): Neue Publikationsmöglichkeiten für die Wissenschaft. Deutschland beteiligt sich an Open Research Europe (Information für die Wissenschaft Nr. 21), online unter: https://www.dfg.de/de/aktuelles/neuigkeiten-themen/info-wissenschaft/2026/ifw-26-21 [letzter Zugriff: 22.07.2026]. Für eine kritische Perspektive auf ORE vgl. Moore (2025): Publishing Beyond the Market, S. 89.
[23] Vgl. https://edch.eu/about [letzter Zugriff: 22.07.2026].
[24] Vgl. https://diamond-open-access.de/about/ [letzter Zugriff: 22.07.2026].
[25] Sommer, Dorothea et al. (2025): Aktionsplan des FID-Netzwerks 2026-2028, online unter DOI:10.5281/zenodo.17986798, S. 16.
[26] Vgl. Czolkoß-Hettwer, Michael / Lein, Paula / Mayr, Philipp (2024): Probleme und Potenziale der Forschungsinfrastrukturförderung in Deutschland am Beispiel des Fachinformationsdienstes Politikwissenschaft, in: Zeitschrift für Politikwissenschaft 34: 1, S. 101-122, online unter DOI:10.1007/s41358-024-00371-z.
[27] Vgl. https://hait.tu-dresden.de/ext/publikationen/zeitschrift-totalitarismus-demokratie.asp [letzter Zugriff: 18.09.2026].
[28] Für ausführliche Informationen vgl. https://pollux-fid.de/publishing [letzter Zugriff: 05.08.2026].
[29] „Reforms – such as recognizing or compensating peer review, improving evaluation metrics, and rewarding quality over quantity are vital – but they do not address the drive for productivity that stems from for-profit business models“: Beigel et al. (2025): The Drain of Scientific Publishing, S. 5; vgl. auch Moore (2025): Publishing Beyond the Market, S. 3, 13 f., 59, 123, 163, 167 f.
[30] Vgl. Ostrom, Elinor (2024): Jenseits von Markt und Staat. Über das Potential gemeinsamen Handelns, 2. Aufl., Stuttgart: Reclam, S. 10 f.
[31] Vgl. Gehring, Petra (2026): Shining Diamond? Zum Publizieren bei Bibliotheken als Ausweg aus der Krise des wissenschaftlichen Publikationssystems, in: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken 80: 1. Vgl. ferner Ganz (2026): Digitale Souveränität, S. 17; Moore (2025): Publishing Beyond the Market, S. 86, 166 ff. Moore weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die in Europa geführten Debatten um die OA-Transformation stark in einer neoliberalen Logik verhaftet seien, wodurch Verantwortung auf die Ebene individueller Forscher*innen abgeladen wird, welcher diese nicht gerecht werden können.
[32] Vgl. Albers, Miriam / Förstner, Konrad / Rebholz-Schuhmann, Dietrich (2026): Das Projekt OLSPub. Konzeption, Herausforderungen und Perspektiven einer europäischen Backup-Infrastruktur für PubMed, in: O-bib. Das offene Bibliotheksjournal 13: 2, S. 1-11, online unter DOI:10.5282/o-bib/6223; vgl. auch Ganz (2026): Digitale Souveränität, S. 15 f.
