Was tun, falls das Faschismus ist?
In Erfurt fand als Teil des Protests gegen den AfD-Parteitag ein öffentliches und sehr gut besuchtes wissenschaftliches Symposium statt, auf dem einige der bekanntesten Sozialwissenschaftler*innen des Landes über „Perspektiven auf die faschistische Gefahr“ diskutierten. Unser Redakteur David Kirchner war vor Ort.
Ein Veranstaltungsbericht von David Kirchner
Normalerweise finden wissenschaftliche Tagungen nicht zu politischen Anlässen statt, aber dies war keine gewöhnliche akademische Konferenz. Einen Tag bevor sich die AfD zu ihrem Bundesparteitag in Erfurt traf, fand nur wenige Kilometer entfernt eine bemerkenswerte Veranstaltung statt. Unter dem Titel „Bevor es zu spät ist: Wissenschaftliche Perspektiven auf die faschistische Gefahr“ hatten sich einige der bekanntesten deutschsprachigen Politikwissenschaftler*innen, Soziolog*innen und Jurist*innen zusammengefunden, um über die Erfolge der AfD, mögliche Gegenstrategien und die Frage, wie die aktuelle historische Situation analytisch zu beschreiben sei, zu diskutieren. Die meisten der Diskutantin*innen, darunter so bekannte Namen wie Carolin Amlinger, Oliver Nachtwey, Hartmut Rosa, Naika Foroutan, Franziska Martinsen, Klaus Dörre und Maximilian Steinbeis, lassen sich klar dem kritischen Lager der Sozialwissenschaften zuordnen. Geteilter Ausgangspunkt vieler Analyse war die Feststellung, dass der Aufstieg der AfD nur als Teil einer umfassenden gesellschaftlichen Rechtsentwicklungen zu begreifen sei und der Kampf gegen die „faschistische Gefahr“ auch ein Kampf für ein progressives politisches Projekt und ein anderes Wirtschaftssystem sein müsse.
Die Veranstaltung verstand sich explizit als Beitrag der Wissenschaft zum Protest und der antifaschistischen Gegenmobilisierung gegen die AfD auf der Straße. Damit schloss sie direkt an die Themenwoche „Wissenschaft gegen Faschismus“ an, in deren Rahmen Studierende und Lehrende im Juni bundesweit rund 600 Veranstaltungen organisiert hatten. Das Wissen über eine „antidemokratische Partei, die auf massenhafte Ausgrenzung und Entrechtung setzt und zudem die Wissenschaftsfreiheit bedroht“, dürfe nicht in den Hörsälen bleiben, begründete die Jenaer Soziologieprofessorin und Mitorganisatorin Silke van Dyk den Entschluss, das Symposium als Teil der Proteste gegen die AfD zu organisieren. Sophia Hoffmann, Professorin für Internationale Politik und Konfliktforschung in Erfurt und ebenfalls Teil des Vorbereitungsteams, erklärte, dass die Wissenschaft schon aus Gründen des Selbstschutzes nicht schweigen dürfe: „Als Forschende und Lehrende sind wir unmittelbar selbst betroffen: Die Wahlprogramme der AfD und Kommentare von AfD-Politikern sind eindeutige Angriffe auf die Wissenschafts- und Kunstfreiheit“. Im AfD-Wahlprogramm für Sachsen-Anhalt, wo die Partei ab September erstmals regieren könnte, droht sie offen damit, im Falle einer Regierungsbeteiligung, den „Sumpf aus Genderismus, Postkolonialismus und sonstiger poststrukturalistischer Phrasendrescherei“ zu beenden, um „die deutsche Wissenschaft durch grundlegende Reformen wieder zu sich selbst befreien“.[1]
Dass die Veranstaltung einen Nerv traf, zeigte sich am bemerkenswerten Andrang. Über 600 Menschen waren auf das kurzfristig angemietete und sehr gut gefüllte Veranstaltungsareal am Erfurter Zugbahnhof gekommen und sorgten für eine soziale Durchmischung, wie man sie von rein wissenschaftlichen Konferenzen nicht kennt. Das bunte Publikum wirkte sich auch demokratisierend auf das Kima der Veranstaltung aus: Alle Beteiligten waren offenkundig darum bemüht, ihre Argumente allgemeinverständlich zu formulieren und auf disziplintypischen Jargon möglichst zu verzichten. Dafür ging es deutlich politischer zu.
Die Klassenpolitik der AfD: Konstant marktradikal
Los ging es mit einem Panel, das sich mit der Klassenpolitik der AfD und damit der Frage beschäftigte, wie sich die Partei wirtschafts- und sozialpolitisch positioniert. Die Frage nach dem ökonomischen Angebot der AfD hatte dieses Jahr nicht zuletzt durch zwei prominente politikwissenschaftliche Buchveröffentlichungen größere öffentliche Aufmerksamkeit erhalten,[2] nachdem die AfD zuvor insbesondere in Hinblick auf die Sozialstruktur ihrer Wähler*innen und kulturelle Themen diskutiert worden war.
Entgegen der These, dass die AfD, in deren Wählerschaft Arbeiter*innen und Arbeitslose zweifelsfrei überrepräsentiert sind, sich ökonomisch nach links entwickelt habe und nun für Umverteilung sowie einen starken Sozialstaat kämpfe, betonte Floris Biskamp die wirtschaftspolitischen Kontinuitäten der AfD: Ein Blick in die Wahlprogramme der letzten Jahre zeige, dass sich die AfD zwar in fast jeder Hinsicht radikalisiert habe, sie in ökonomischer Hinsicht aber seit ihrer Gründung als neoliberale Wirtschaftsprofessorenpartei unverändert marktradikal und fiskalkonservativ geblieben sei. Von einer Umsetzung ihrer steuer- und sozialpolitischen Forderungen wie der völligen Abschaffung der Erbschafts- und Schenkungssteuer würden vor allem Reiche und Unternehmen profitieren. Der starke Zuspruch seitens der Arbeiter*innen sei daher keineswegs als Ausdruck der wirtschaftspolitischen Kongruenz ihrer Interessen mit der AfD zu interpretieren. Stattdessen sei die Affinität vieler (aber keineswegs der Mehrheit) der Arbeiter*innen Ausdruck einer „demobilisierten Klassengesellschaft“ (Dörre), also einer Konstellation, in der sich soziale Ungleichheiten sogar verschärfen, ökonomische Fragen aber politisch kaum mobilisierbar sind. Aller anderslautenden Rhetorik zum Trotz: Die AfD hat Menschen, denen es wirtschaftlich schlecht geht oder die Angst vor dem sozialen Abstieg haben, materiell weiterhin nichts zu bieten, so Biskamp.
Ambivalenzen institutioneller Resilienzstärkung
Das Schreckensszenario, das viele der Gespräche prägte, war die drohende AfD-Regierung nach den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt. Es wäre die erste Regierungsbeteiligung einer rechtsradikalen Partei in Deutschland seit 1945. Daran, dass die AfD, die in Umfragen stabil bei rund 40 Prozent liegt, als stärkste Partei aus den Wahlen hervorgehen wird, gibt es kaum noch Zweifel. Dieses Ergebnis könnte sogar für eine Alleinregierung der AfD reichen, wenn SPD, Grüne, FDP und BSW, die allesamt rund um die Fünf-Prozent-Hürde liegen, den Einzug in den Magdeburger Landtag verpassen sollten. Was könnte die AfD an der Macht also anrichten?
Maximilian Steinbeis und Janos Richter (beide Verfassungsblog), die die Möglichkeiten einer mit Exekutivmacht ausgestatteten autoritär-populistischen Partei bereits für Thüringen untersucht hatten, stellten ihre Forschungsergebnisse für Sachsen-Anhalt vor. Insbesondere in der Bildungs- und Kulturpolitik könnte die AfD durch die Neuverteilung von Geldern politisch erheblichen Einfluss nehmen und unliebsame Projekte kaltstellen. Eine weitere Gefahrenquelle sei das externe Weisungsrecht, das als Rechtsstaatsproblem heute schon ganz unabhängig von der AfD existiert und dem Justizministerium die Möglichkeit gibt, Staatsanwält*innen anzuweisen, Ermittlungsverfahren aufzunehmen oder einzustellen. Ein*e AfD-Justizminister*in könnte das Strafprozessrecht auf diese Weise in ein „autoritäres Steuerungsinstrument“ verwandeln.
Durch den Fokus auf die vielen kleinen und großen Stellschrauben hätte dieses Panel schnell technisch und legalistisch werden können. Dass dies nicht geschah, lag insbesondere an zwei wichtigen Punkten. Erstens betonte Maximilian Steinbeis, dass der autoritäre Staatsumbau keineswegs nur von der AfD ausgehe, sondern längst auf dem Weg sei. Mit einer auch nach innen repressiv wirkenden Staatsräson, dem Einsatz des Verfassungsschutzes gegen harmlose Buchläden und einer autoritär überdrehten Bekämpfung von vermeintlichem Antisemitismus durch staatliche Akteure, finde die AfD insbesondere in der Politik der Union bereits die ideale Blaupause für ihr Ziel, unliebsame Positionen aus der Debatte zu entfernen.
Jüngstes Beispiel sei der für Steinbeis klar verfassungswidrige Versuch der schwarz-roten Landesregierung Hessens, die „Leugnung des Existenzrechts Israels“ unter Strafe zu stellen. Ein eklatanter Eingriff in die Meinungsfreiheit, so Steinbeis. Auch die am Vortag erfolgte Ankündigung der Bundesregierung, eine Vergesellschaftung von Wohnungskonzernen, wie sie das Grundgesetz gestattet und für die eine Mehrheit der Berliner*innen in einem Volksentscheid gestimmt hat, durch ein einfaches Bundesgesetz zu verbieten, sei Ausdruck dieser autoritären Wende.
Zweitens betonten Steinbeis und Richter, dass sich die „Faschisierung“ (Steinbeis) nicht rein rechtlich stoppen lasse und der Kampf dagegen nicht zu einer defensiven Verteidigung des Status quo führen dürfe. Die Ambivalenz jeder Strategie, die auf die Stärkung von Resilienz abzielt, liege schließlich darin, dass sie Institutionen in ihrer aktuellen Form zementiert und nicht nur gegen autoritäre Anwürfe, sondern auch gegen demokratische Weiterentwicklung abschirmt. Die Verpanzerung der real-existierenden liberalen Demokratie mit all ihren Defiziten und uneingelösten Versprechen ist eine reale Gefahr. Daher müsse jede Maßnahme zur Stärkung ihrer Resilienz im Einzelfall genau abgewogen werden, so Steinbeis.
Ist das Faschismus?
Ein weiteres Panel war als Büchersalon der beiden jüngsten Werke von Carolin Amlinger (mit Oliver Nachtwey) und Eva von Redecker organisiert.[3] Beide Bücher tragen – wie auch der Titel der Veranstaltung – die Faschismusdiagnose bereits im Namen. Die Debatte nach der Tauglichkeit des Begriffs „Faschismus“ zum Verständnis der Entwicklungen der Gegenwart wird in den USA schon seit einigen Jahren geführt und war in den letzten Wochen – nicht zuletzt durch den Einfluss der Bücher von Amlinger und von Redecker – auch in den Feuilletons der großen deutschen Tageszeitungen ausgetragen worden. Jan Philipp Reemtsma hatte den zunehmenden Gebrauch des Faschismusbegriffs als folgenlose, rein akademische Debatte kritisiert, die der „wechselseitigen Vergewisserung affektiver Zusammengehörigkeit“[4] diene. Dies hatte viel Widerspruch ausgelöst, unter anderem von Amlinger und Nachtwey, die Reemtsma entgegenhielten, dass die Frage nach dem Faschismus keine akademische, sondern eine existenzielle sei. Zwar könne in den USA unter Trump sicherlich nicht von einem faschistischen Regime die Rede sein. Doch wenn man „Faschismus als nationalistisch organisierte Form des Genießens von Gewalt“ verstehe, habe es mit den Tötungen von Zivilist*innen durch ICE-Beamte auf offener Straße zumindest „faschistische Episode“ gegeben.[5]
In ein ähnliches Horn stießen Amlinger und von Redecker auch auf der Bühne. Beide argumentierten nicht, dass wir es mit vollumfänglich faschistischen Parteien oder gar einem „Faschismus an der Macht“ zu tun hätten, wesensgleich mit dem historischen Faschismus der Zwischenkriegszeit. Es gehe nicht darum, eine einfache Wiederkehr des Faschismus zu diagnostizieren, sondern vor dessen Hintergrund das spezifisch Neue zu diagnostizieren. Statt mit Massenaufmärschen, Gewaltherrschaft und Konformität locke der neue Faschismus heute mit dem Versprechen, im Namen der Freiheit alles einmal kurz und klein hauen. „Performative Zerstörungslust“ nennt dies Amlinger, „frenetische Destruktionsdynamik“ von Redecker.
Reicht dieser Fokus auf autoritäre Charaktere und Affekte aus, um den Begriff des Faschismus zeitdiagnostisch zur Beschreibung der politischen Gegenwart zu nutzen, wenn das Verhältnis der rechten Bewegungen zur Demokratie, die Stabilität der demokratischen Institutionen, das Ausmaß an Gewalt und der gesamte gesellschaftliche und ökonomische Kontext völlig anders sind? Bejaht man dies, so drängen sich unweigerlich weitere Fragen auf: Führt eine Dehnung des Faschismusbegriffs nicht dazu, dass er an analytischer Schärfe verliert und dann mehr verunklart als erhellt? Welche Begrifflichkeiten bleiben für den Fall, dass sich die Situation weiter zuspitzen sollte? Ist die Sprechweise vom Faschismus tatsächlich analytisch geleitet oder nutzt man sie für politische Geländegewinne – gegen Rechte als ultimative Verunglimpfungsvokabel und gegen Linke zum internen Distinktionsgewinn, um zu zeigen, dass man den Ernst der Lage verstanden habe, während die anderen noch verharmlosten? Und wenn man den Begriff schon offen politisch nutzen möchte: Wie strategisch sinnvoll ist der Gebrauch eines Begriffs, der – auch, wenn er historisch präziser auf Benito Mussolinis Bewegung und Diktatur in Italien passt – im Alltagsverstand der meisten Menschen in Deutschland klar mit dem historischen Nationalsozialismus assoziiert ist? Schließlich: Wenn man einen so radikalen Begriff wie Faschismus im Mund führt, setzt man damit nicht eine Zwangsläufigkeit künftiger Entwicklung voraus, die der Offenheit der Situation nicht gerecht wird? Zu dieser Frage schreibt der Journalist und erstklassige AfD-Kenner Sebastian Friedrich in einer lesenswerten Analyse: „Wer die Entwicklung von Partei und ihrem Vorfeld bloß als stetige Faschisierung begreift, unterschätzt ihre Integrationsfähigkeit in das parlamentarisch-demokratische System. Wer die AfD umgekehrt als rechte Partei unter anderen behandelt, verharmlost ihr faschistisches Potenzial“[6]. Ob die AfD „ein faschistisches Projekt oder rechter Flügel eines autoritären Kapitalismus“ werde, hänge entscheidend von den Kräfteverhältnissen sowohl innerhalb der AfD als auch innerhalb des Kapitals ab und sei schlicht noch nicht ausgemacht. Vieles spricht dafür, sich in der F-Frage vorerst agnostisch zu verhalten, wachsam zu bleiben und es mit dem italienischen Historiker Enzo Traverso zu halten, bis die Dinge klarer zu Tage treten: „Das Konzept des Faschismus scheint sowohl unangemessen als auch unverzichtbar zu sein, um diese neue Realität zu verstehen“[7].
Nullsummendenken und eine bemerkenswerte Differenz
Als letzter Veranstaltungspunkt folgt ein prominent besetztes Abschlusspodium mit Klaus Dörre, Naika Foroutan, Rahel Jaeggi, Oliver Nachtwey und Jens-Christian Wagner. Letzterer berichtete eindrücklich von einem „geschichtspolitischen Klimawandel“, der sich maßgeblich gegen die Arbeit der NS-Gedenkstätten richte und zu massiven Anfeindungen führe. Angestachelt durch den offenen Geschichtsrevisionismus der AfD würden viele Schüler*innen die Besuche in der NS-Gedenkstätte Buchenwald und die Thematisierung der deutschen Verbrechen mit demonstrativem Desinteresse und noch Schlimmerem quittieren. Während Foroutan den Aufstieg der radikalen Rechten vor dem Hintergrund der Transformation von Einwanderungsländern in postmigrantische Gesellschaften einordnete, fokussierte sich Jaeggi auf den Begriff der Regression: Dieser sei nicht als Rückfall in die Vergangenheit, sondern als Schließen möglicher Zukünfte zu verstehen. Regressive Haltungen, so hatte es Theodor W. Adorno einst geschrieben, sind „Verrat am Möglichen“.
Aus der Abschlussdiskussion des Symposiums seien insbesondere zwei Argumente zu Differenz und Summe herausgegriffen. Zunächst rückte Oliver Nachtwey, der gemeinsam mit Carolin Amlinger in den letzten Jahren maßgeblich zu einer gesellschaftstheoretisch und empirisch fundierten Analyse der Ursachen für die Anziehungskraft rechtsradikaler Projekte beigetragen hat, prägnant die Rolle des „Nullsummendenkens“ ins Zentrum: Angesichts blockierter Lebenschancen und der Erfahrung vieler Menschen, dass sie von den Wohlstandsgewinnen der letzten Jahre wenig abbekommen hätten, habe sich ein Denken durchgesetzt, indem die Vorteile der anderen die eigenen Nachteile sind: Wenn der gesellschaftliche Kuchen kleiner wird, muss jeder darum kämpfen, ein Stück davon abzubekommen. Die sei der perfekte Nährboden für autoritäre Deutungsmuster, so Nachtwey.
Auf eine wichtige und in der öffentlichen Debatte sträflich missachtete Differenz wies Klaus Dörre hin, der den wachsenden Anklang der radikalen Rechten in der Arbeiterschaft seit Jahren erforscht. Während sich bei der letzten Bundestagwahl fast 40 Prozent der Arbeiter*innen[8] entschlossen, ihr Kreuz bei der AfD zu machen, hätten AfD-nahe Betriebsratslisten wie das „Bündnis freie Betriebsräte“ (BfB) den befürchteten Durchmarsch bei den Betriebsratswahlen 2026 deutlich verpasst. So habe das BfB beim VW-Werk in Zwickau, einem Wahlkreis, in dem die AfD 2025 über 40 Prozent der Zweitstimmen und das Direktmandat holte, bei den Betriebsratswahlen nur 11 Prozent erhalten, während die IG Metall bei fast 80 Prozent einlief. Selbst Belegschaften, die zu großen Teilen die AfD wählen, gehen am Arbeitsplatz, wo es um die materielle Wurst geht, davon aus, dass ihre Stimmen bei linken Betriebsräten und Gewerkschaften am besten aufgehoben sind, so Dörre. Das sei kein Grund zur Entwarnung, denn AfD-nahe Betriebsratslisten hätten punktuell durchaus Gewinne eingefahren und Sympathien für die radikale Rechte gebe es selbst innerhalb der gewerkschaftlich Aktiven. Dennoch ergäben sich aus der Differenz zwischen politischen und betrieblichen Wahlen klare strategische Implikationen: Wo es der Linken gelinge, materielle Themen ins Zentrum der Auseinandersetzung zu rücken und glaubwürdig die soziale Frage zu stellen, könne sie der radikalen Rechten das Wasser abgraben: „Gekränkter Arbeiter*innenstolz“ und das Gefühl von „sozialem Ehrverlust“ seien mit der richtigen Ansprache für progressive Deutungsangebote anschlussfähig.
Was tun?
Was bleibt von der Tagung? Zunächst die Erkenntnis, dass ein Teil der Sozialwissenschaft im wahrsten Sinne des Wortes organisierungsfähig ist und auf politische Ereignisse reagieren kann. Dass dies gelang, ist den Wissenschaftler*innen und Studierenden zu verdanken, die das Symposium innerhalb kürzester Zeit auf die Beine gestellt haben. Der öffentliche Andrang gibt ihnen Recht. Veranstaltungen dieser Art sollten unbedingt wiederholt werden. Dabei sollte man sich keine Illusionen machen. Wissenschaftler*innen werden die AfD nicht stoppen, dafür sind sie erstens zu machtlos und werden zweitens – auch da, wo sie kritische Perspektiven einnehmen – zu sehr als Teil der professional-managerial class wahrgenommen, gegen die sich der rechtspopulistische Protest maßgeblich richtet.
Klar ist aber auch, dass die Wissenschaftspolitik ein zentrales Kampffeld sein wird, so die AfD Regierungsmacht erlangen sollte, und hier haben die Wissenschaftler*innen eine wichtige Rolle zu spielen. Auch diejenigen, die bezüglich einer allzu leichtfertigen Beschreibung der Gesamt-AfD als faschistisch skeptisch sind, muss die Lektüre des Kapitels zur Wissenschaftspolitik im Wahlprogramm für Sachsen-Anhalt erschrecken. Von einer freien Wissenschaft, ganzen Studiengängen, dem Prinzip der Hochschulautonomie und studentischer Mitbestimmung wäre schon nach wenigen Jahren nicht mehr viel übrig, wenn die AfD ihren Willen umsetzen könnte. Wie erfolgreich sich die Wissenschaft gegen diese Angriffe erwehren könnte, wird von verschiedenen Faktoren wie Prävention, Resilienz und Szenarienplanung abhängen.[9] Doch auch hier gilt, dass institutionelle Stärkung allein nicht ausreichen wird. Mitentscheidend wird sein, wie gut organisiert und gesellschaftlich mobilisierungsfähig die Wissenschaft jenseits des eigenen Milieus ist. In dieser Hinsicht kann die Tagung in Erfurt Hoffnung machen.
Inhaltlich sollte die Debatte über die Tauglichkeit der Faschismusdiagnose weitergeführt werden. Im finnischen Exil auf der Flucht vor den Nationalsozialisten schrieb Bertolt Brecht im Winter 1940/41 in seinen Flüchtlingsgesprächen: „Die Begriffe, die man sich von was macht, sind sehr wichtig. Sie sind die Griffe, mit denen man die Dinge bewegen kann“[10]. Und die Dinge, soviel ist sicher, müssen bewegt werden, ganz gleich, wie man sie nun benennt.
Literatur:
[1] Wahlprogramm der AfD Sachsen-Anhalt, online unter: https://afd-regierungsprogramm.de/ [letzter Zugriff: 08.07.2026].
[2] Geiselberger, Heinrich (2026): Oben rechts. Rechtspopulismus als Klassenprojekt, Berlin:
Suhrkamp sowie Manow, Philip (2026): Spaltungslinien. Europas Parteiensysteme und die
Dekonsolidierung des Nationalstaats, München: C.H. Beck.
[3] Amlinger, Carolin und Nachtwey, Oliver (2025): Zerstörungslust Elemente des demokratischen Faschismus, Berlin: Suhrkamp sowie von Redecker, Eva (2026): Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus, Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag.
[4] Philipp Reemtsma, Jan (2026): Woher kommt die Lust am Faschismus-Vorwurf?, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, online unter: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/trump-und-die-usa-woher-kommt-die-lust-am-faschismus-vorwurf-accg-200800649.html [letzter Zugriff: 08.07.2026].
[5] Amlinger, Carolin und Nachtwey, Oliver (2026): Ist das Faschismus in neuen Formen? in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, online unter: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/faschismus-debatte-wie-reagieren-demokratische-gesellschaften-auf-rechte-gewalt-accg-200859626.html [letzter Zugriff: 08.07.2026].
[6] Sebastian Friedrich (2026): Ideal für autoritäre Formierung. Faschistisches Projekt oder rechter Flügel eines autoritären Kapitalismus? Zur Funktionsbestimmung der »Alternative für Deutschland", in: Junge Welt, online unter: https://www.jungewelt.de/loginFailed.php?ref=/artikel/520487.afd-ideal-f%C3%BCr-autorit%C3%A4re-formierung.html?sstr= [letzter Zugriff: 08.07.2026].
[7] Traverso, Enzo (2019): The New Faces of Fascism. Populism and the Far Right, London: Verso, S. 4.
[8] Hier ist der Hinweis wichtig, dass es sich dabei um Selbstzuordnungen handelt.
[9] Binder, Andrea, Dardashti, Radin, Harb, Hani, Kirakosian, Racha, Kończal, Kornelia, Pfeifer, Hanna und Segets, Doris (2026): Wissenschaftsfreiheit schützen: Strategien gegen demokratiefeindliche Kräfte , online unter: https://www.diejungeakademie.de/media/pages/publikationen/wissenschaftsfreiheit-schuetzen-strategien-gegen-demokratiefeindliche-kraefte/d07792d6f9-1747118353/20250408_stellungnahme_wissenschaftsfreiheit_final.pdf [letzter Zugriff: 08.07.2026].
[10] Brecht, Bertolt (1967): Flüchtlingsgespräche. In: Gesammelte Werke, Band 14, Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 263.
