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/ 06.06.2013
Carsten Frerk

Finanzen und Vermögen der Kirchen in Deutschland

Aschaffenburg: Alibri Verlag 2002; 435 S.; kart., 24,50 €; ISBN 3-932710-39-8
"Handelsgewinn, Darlehensgeschäft und Leihzins, großbetriebliche Nutzung von Sklaven, Erhebung von Geldtributen aller Art bei unterworfenen Völkern" (416) - diese Aufzählung der Bereicherungsarten, deren sich die Kirchen bedienen, klingt vor allem deshalb so polemisch, weil das Vokabular ins Mittelalter gehört. Aber wirtschaften die Kirchen nicht tatsächlich noch immer wie im Mittelalter, fragt Frerk in seiner sehr interessanten und aufschlussreichen Arbeit. In moderne Begriffe übersetzt, erscheint die Aufzählung nicht mehr so fremd: staatliche Zuwendungen, Banken und Zinserträge, ehrenamtliche Mitarbeiter, Kirchensteuern. Auf der Suche nach der Antwort auf die Frage, ob die Kirchen arm oder reich sind, listet der Autor äußerst akribisch alle Einnahmen der Kirchen sowie ihr Vermögen auf. Die katholische und die evangelischen Kirchen werden dabei so betrachtet, wie sie sich selber sehen und darstellen: "als Gesamtheit aller ihrer mit ihnen verbundenen Einrichtungen, Werke und Organisationen" (17). Teilweise ist der Autor auf Schätzungen und Hochrechungen angewiesen, da nach seiner Kenntnis die konfessionellen Organisationen traditionell keine Fragen zu ihren Finanzen detailliert beantworten. Gleichzeitig aber klagen die Kirchen immer wieder über einen Rückgang der Kirchensteuereinnahmen und ihre hohen Kosten. Frerk kommt mit seiner Auflistung zu aussagekräftigen Ergebnissen. So macht die Kirchensteuer weniger als die Hälfte dessen aus, was die Kirchen an staatlichen Geldern erhalten. Die direkte Kirchensteuer beträgt pro Kirchenmitglied rund 291 Mark, die indirekte pro Kopf der Bevölkerung jedoch 476 Mark. Diese Zahl setzt sich unter anderem zusammen aus dem Verzicht auf Steuereinnahmen auf das Kirchenvermögen, 1,2 Milliarden Mark Steuergelder jährlich für die Ausbildung des kirchlichen Nachwuchses und erheblichen Zuschüssen an die kirchlichen Wohlfahrtsorganisationen. Außerdem bezahlt der Staat 76 Prozent der Mitarbeiter der beiden großen Religionsgemeinschaften. Hinzukommen geldwerte Leistungen von ehrenamtlichen Mitarbeitern und beispielsweise kostenlose Sendezeiten in den Radio- und Fernsehprogrammen. Frerk rechnet schließlich Einnahmen, Staatsleistungen, Vermögen (76,1 Prozent des Gesamtvolumens) und Geldwertes zusammen und kommt auf etwa 1,3 Billionen Mark an Finanzvolumen und Vermögenswerten für beide Kirchen. Auch wenn die Kirchen im Ergebnis als "sehr wohlhabend" (414) und nicht als reich eingestuft werden, ergeben sich Fragen nach der politischen und sozialen Bedeutung dieses Vermögens und der damit "verschwiegenen Macht" (13) der Kirchen. Für den Autor bleiben die Kirchen die Antworten auf wichtige Fragen schuldig, dazu zählen: "Warum verzichten sie nicht für ein einziges Jahr auf das weitere Aufstocken des Kapitalvermögens und investieren in beispielhafte Projekte? Problemfelder gibt es genug: Versteckte Armut, Beschäftigungsinitiativen, kinderreiche Familien,..." (418) Statt in den Jahren des staatlichen Sparzwangs wichtige Aufgaben für die Gesellschaft zu übernehmen, bleiben die Kirchen bei einer "Politik der fordernden Hand" (418). Und warum überhaupt schweigen die kirchlichen Amtsträger nicht nur zu ihren Finanzen und ihrem Vermögen, "sondern stellen sie in der Öffentlichkeit (bewusst?) falsch dar?" "Haben die Kirchen Angst vor ihren Mitgliedern?" (419) Inhaltsübersicht: 2. Kirchenlohn- und -einkommensteuer; 3. Weitere Kirchensteuern; 4. Kirchensteuerreform; 5. Kirchensteuern und übrige Einnahmen; 6. Staatliche Zuwendungen; 7. Spenden und Sammlungen; 8. Ausbildung des kirchlichen Nachwuchses; 9. Medienunternehmen; 10. Grundbesitz und Immobilien; 11. Baufirmen und Siedlungswerke; 12. Banken; 13. Versicherungen; 14. Klosterbräu und Bischofswein; 15. Handelsunternehmen; 16. Touristik, Hotels und Gastronomie; 17. Stiftungen; 18. Ordensgemeinschaften; 19. Konfessionelle Verbände; 20. Kunst, Sakrales und "Unverkäufliches"; 21. Medienpräsenz; 22. Die Wohlfahrtsverbände; 23. Mitarbeiter der Kirchen; 24. Sonstiger Besitz.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.35 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Carsten Frerk: Finanzen und Vermögen der Kirchen in Deutschland Aschaffenburg: 2002, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/8804-finanzen-und-vermoegen-der-kirchen-in-deutschland_18753, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 18753 Rezension drucken
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