Jonathan Rauch: Cross Purposes. Christianity’s broken Bargain with Democracy
Was passiert, wenn eine rigide Lesart des Christentums politisch mit den Grundwerten liberaler Demokratie bricht? Jonathan Rauch blickt auf diesbezügliche Entwicklungen in den USA, in denen sich ein weißer Evangelikalismus zunehmend mit der Republikanischen Partei verband, während sich liberalere christliche Strömungen zunehmend aus der Politik ins Private zurückzogen. Gert Pickel lobt die Analyse als gut lesbare Idee, um aus europäischer Perspektive auch über die Beschäftigung mit Säkularisierung, Polarisierung und MAGA hinaus über die politische Bedeutung von Religion nachzudenken.
Eine Rezension von Gert Pickel
Seit der Wahl Donald Trumps und der von ihm initiierten Aufhebung einer liberaleren Abtreibungsreglung haben in Europa die Debatten über Religion in den USA deutlich zugenommen. Man beschäftigt sich mit Christfluencern oder Fundamentalismus, sei er christlich oder islamistisch. Besonders die hohe Relevanz des fundamentalistisch geprägten Evangelikalismus in den USA führt hierzulande zu einigem Unverständnis und auch Irritationen. Vor dem Hintergrund eines sich massiv säkularisierenden Europas wähnte man Religion generell auf einem absteigenden Ast, wenn man nicht ihr Verschwinden gar für unvermeidlich hielt. Der Einfluss, den Religion trotz einer strikten Trennung von Staat und Kirche auf die US-amerikanische Demokratie zu besitzen scheint, kam für europäische Betrachter*innen somit überraschend und war für viele auch schwer nachvollziehbar. Möglicherweise auch, weil das Wissen über die USA in den letzten Jahren immer stärker nachgelassen hat.
Nun ist spätestens seit den frühen Arbeiten von Martin Riesebrodt zur Ausbreitung des amerikanischen Evangelikalismus als gesellschaftlich relevante Gruppe bekannt, dass sie sich von den oft freundlich-liberalen Christ*innen des europäischen Protestantismus unterscheiden.[1] Sie orientieren sich ohne große Kontextualisierung an der Bibel, weil sie diese als wahres, einziges und unveränderbares Fundament ansehen und eine traditionale Familie als einzig denkbares Leitbild betrachten. Das könnte man vielleicht noch akzeptieren, aber sie besitzen – übrigens nicht erst seit Donald Trump – einen markanten Einfluss auf die amerikanische Demokratie.[2] Nicht nur, dass die Zahl weißer Evangelikaler auf mittlerweile ca. 25 Prozent der amerikanischen Bevölkerung angestiegen ist, sie sind auch eine zentrale und unerlässliche Wählergruppe der Republikanischen Partei. Ca. 80 Prozent dieser Gruppe wählen in Präsidentschafts- oder Kongresswahlen regelmäßig die republikanischen Kandidaten.[3] Zudem werden in Vorwahlen zur Präsidentschaft immer wieder hochreligiöse Kandidaten wie beispielsweise Rick Santorum unterstützt, die gelegentlich als sogenannte Cinderella-Kandidaten für Aufregung im Wahlkampf sorgen. Deutlich wird aber auch, dass sie durch ihre Positionen verstärkt in Konflikt mit dem Bild einer liberalen und freiheitlichen Demokratie geraten.
Diese Entwicklung greift Jonathan Rauch auf und diskutiert, wie es zu ihnen kommen konnte. Aus seiner liberalen, nichtreligiösen Perspektive will Rauch dem Prozess der Entfremdung von christlicher Religion und liberaler Demokratie auf die Spur kommen und führt in seinem Buch eine durch Statistiken gestützte Unterscheidung in Thin Christianity, Sharp Christianity und Thick Christianity ein.
Thin Christianity: Die amerikanische Glaubenskrise und der Bruch mit der Demokratie
Sein Startpunkt ist die Thin Christianity, die sich seit den 1970er-Jahren entwickelt hat und auch der Ausgangspunkt der folgenden Perspektiven auf das amerikanische Christentum ist. Sie beruht auf einer in den USA stattfindenden langsamen Säkularisierung, in der die Werte der liberalen Gesellschaft auch für die Kirchen und Christ*innen tragbar wurden. Werte wie Toleranz oder Unabhängigkeit setzten sich gleichwertig neben christliche Grundlagen wie Nächstenliebe. Aus Sicht Rauchs verlor damit die christliche Kirche, man muss genauer sagen, die liberale christliche Kirche, ihren spezifischen Einfluss auf die amerikanische Demokratie. Schlimmer noch, ihre moralische Prägekraft sei Stück für Stück erloschen. Kirchenmitglieder wären von Atheist*innen immer schwieriger unterscheidbar und ihre Prägekraft für die Ausgestaltung einer liberalen Demokratie sei verloren gegangen. Dieser Prozess lässt sich gut in die in den USA ablaufenden Säkularisierungsprozesse einordnen, die lange vor dem Hintergrund alternativer religionssoziologischer Erklärungen übersehen wurden.
Hier muss man sicher auch Rauchs eigene Position, die eines intellektuellen Atheisten bedenken. Diese Position macht er in seinem Buch wiederholt deutlich, vermutlich um seine Perspektive transparent zu machen. Doch zurück zu seiner Argumentation. Er fasst das skizzierte Problem dahingehend zusammen, dass Religion zu dünn werde, um ihren positiv gesehenen moralischen Einfluss auf die amerikanische Gesellschaft auszuüben. „That is what I mean by thin religion: too thin to provide meaning and morals to the culture and thus to reliably support democratic society” (33). Er nennt dies das “cultural trade deficit”. Dabei bemängelt er, dass Kirche und Religion – wobei er immer die christliche Religion vor Augen hat – mehr und mehr Opfer der Modernisierung und Säkularisierung wurden und in Bezug auf die kulturelle Prägekraft die Politik an ihre Stelle getreten sei. Gleichzeitig sieht er andere Religionsprägungen in den Vordergrund treten und den Wandel der Religion hin zu einer Sharp Christianity.
Sharp Christianity – oder der Einflussgewinn evangelikaler Fundamentalisten
Diesen Wandel beschreibt er als Problem, manche sagen als Schuld, des individualistischen Liberalismus. Dieser habe auf der einen Seite die moralische Unterstützung der Demokratie durch das Christentum zerstört, andererseits den Erfolg rigider und politisch festgelegter Religion ermöglicht. Doch dies ist Rauchs Ansicht nach nur eine mögliche Erklärung, nämlich die einer in Debatten eines „Culture War“ ausgeführten Gegnerschaft zur liberalen, individualistischen Moderne. Vielmehr nimmt er die christlichen Kirchen selbst in die Pflicht, die den christlichen Glauben privatisiert und von gesellschaftlichen Entscheidungen abgekoppelt haben. Als Ausdruck der sharp Christianity hebt Rauch den weißen Evangelikalismus hervor, der sich über die Jahre mehr und mehr mit den Republikanern verbunden hat. Dies brachte eine Kirche der Furcht hervor, die verstärkt in einer Ablehnung der Moderne und der liberalen Demokratie mündete. Diese Entwicklung, die mit dem Entstehen und der Ausbreitung der extremen religiösen Rechten in den USA seit den 1970er-Jahren zusammenfällt, beschreibt Rauch als eine starke Verschränkung. Dabei sieht er nicht nur die konservative bis fundamentalistische religiöse Prägung als verantwortlich für die Wahl der Republikaner an, sondern auch einen Druck der Republikaner, sich mit diesen religiösen Vorstellungen zu identifizieren. Ob man bei dieser Wechselwirkung mitgeht, ist zumindest diskutabel.
Nicht diskutabel ist sicherlich die Feststellung dieser engen Verbindung. Jedoch überrascht es etwas, dass Rauch die Allianz zwischen Donald Trump und den konservativen Evangelikalen besonders betont, obwohl diese auch bei anderen republikanischen Präsidentschaftskandidaten bestand, Trump also weniger die Ausnahme als die Regel darstellt (63). Man kann ihm aber bei seiner Wahrnehmung folgen, dass gerade die nichtrationalistische Seite von Donald Trump und das Hinwegsetzen über liberale kulturelle Normen ihn zum Favoriten der Evangelikalen machen. Rauch begründet dies – mit Referenz auf Kristin Kobes Du Mez – mit der Suche der Evangelikalen nach einem Beschützer der eigenen (religiösen) Vorstellungen, der sich nicht von Frauen- oder Minderheitsrechten in seiner „richtigen“ Sache aufhalten lasse (65). Auch sieht Rauch eine Politisierung der Religion, die zu einer Trennung innerhalb der christlichen Kirchen entlang der politischen Überzeugungen führt. Die Folge sei, dass sie spirituell an Bedeutung einbüßten und eine politisch geprägte Spaltung sie entzweie (91).
Thick Christianity – die mögliche Rückkehr zu einer die Demokratie unterstützenden Kirche
Im letzten inhaltlichen Kapitel versucht Rauch zu zeigen, welche Möglichkeiten bestehen, um die positive Beziehung zwischen christlicher Religion, respektive der Kirche, und der liberalen Demokratie in den USA wiederherzustellen. Vor allem erblickt er diese in einem moralisch begründeten Selbstbewusstsein, welches aus eigenen Überzeugungen heraus in die Politik wirke: Einerseits als politischer Akteur, andererseits als zivilgesellschaftlicher Vermittler zwischen den unterschiedlichen Positionen in der christlichen Kirche. Seine Beispiele sind das Eintreten von Kirchen für den Erhalt der gleichgeschlechtlichen Ehe in Kalifornien. Der entscheidende Hintergrund aus Sicht Rauchs ist die Existenz einer thick Christianity, welche sich in einer tiefen spirituellen sowie besonders in einer gemeinschaftlichen Verankerung in der Kirche ausdrücke. In der Konsequenz sieht er einen Übertrag eines starken christlichen Denkens und einer privat gelebten Spiritualität auf die liberale Demokratie als möglich, wenn nicht sogar als notwendig an. Grundlage seien allerdings die Entfernung von einer Kirche der Furcht und eine Entwicklung hin zu einer bürgerlichen, gemeinschaftlichen Kirche und Theologie (127). Letztendlich vertraut Rauch auf den Glauben und seine positive Verbindung zur Demokratie.
Fazit – Zwischen liberaler Hoffnung und religiöser Polarisierung
Jonathan Rauch präsentiert in seinem Buch eine spannende Analyse der Auswirkungen der Entwicklung des Religiösen in den USA auf die Demokratie – und damit auch in gewisser Hinsicht zum Wandel der Demokratie bis hin zur Trump-Administration. Über seine drei Unterscheidungsarten thin Christianity, sharp Christianity und thick Christianity gelingt ihm eine lesenswerte Präsentation seiner Sicht auf das Verhältnis von Religion und Politik in den USA. Ob sein an einer Religionsgemeinschaft demonstriertes positives Zukunftsbild einer christlichen Gemeinschaft Vorbild für die gesamte USA sein kann, darf allerdings bezweifelt werden. Zu stark scheinen derzeit die eben doch religiös begründeten Differenzen, man könnte von einer Polarisierung sprechen.
Folgen kann man dem Argument, dass die Prozesse der Säkularisierung für die Entwicklung in den USA nicht unbedeutend waren. Diese haben zu einem Rückgang des liberaler geprägten Christentums geführt, während auf der Gegenseite konservative, restriktive und auch fundamentalistische Religionsgemeinschaften zunahmen. Folgt man dem französischen Politikwissenschaftler Oliver Roy, dann ist dies allerdings weniger eine Ausnahme als ein auch anderswo in der Welt zu erwartender Prozess.[4] So sind die Erfolge der dogmatischen konservativen Religionsgemeinschaften und insbesondere der konservativen bis fundamentalistischen Evangelikalen in den USA eben auch die Folge ihres scheinbar eindeutigen und klaren Angebots sowie einer starken Vergemeinschaftung der Mitglieder.[5] Menschen werden vermehrt vor die Entscheidung gestellt, ob sie es mit der Religion nun lassen wollen oder es ganz besonders „richtig“ und überzeugt machen.
Insgesamt ist Rauchs Buch eine gut lesbare Idee zur Entwicklung in den USA, die für Politikwissenschaftler*innen, die sich mit Religion oder Theologie beschäftigen, interessant zu lesen ist. Selbst wenn einige Aspekte etwas unscharf bleiben, so werden Einzelbeispiele als belastbar für alle christlichen Kirchen präzisiert, letztere aber an kaum einer Stelle differenziert betrachtet. Auch der Einfluss einer fundamentalistischen und gerade auf die Familie ausgerichteten religiösen Überzeugung wird weitgehend ausgespart. Beim Verweis auf die Gemeinschaft als wichtige christliche Ressource vermisst man die Einbeziehung der einschlägigen und differenzierten Arbeiten von Putnam und Campbell.[6] So wirkt die Beschäftigung mit der christlichen Religion manchmal etwas eindimensional. Auch die Entwicklung der religiösen Rechten in den USA seit den 1980er-Jahren und die Gründe für diese Entwicklung werden überraschenderweise außer Acht gelassen.[7]
Gleichwohl gibt das Buch einem die Aufgabe auf, auch einmal für den eigenen Kontext zu überprüfen, welche politische Bedeutung verschiedene Religionen und Religionsgemeinschaften besitzen. Etwas, das man im Rahmen der Säkularisierung vergessen zu haben scheint, und was dann zur Verwunderung über den Einfluss von Religion auf die Politik wie in den USA führt.
Anmerkungen:
[1] Riesebrodt, Martin (2000): Die Rückkehr der Religionen. Fundamentalismus und der »Kampf der Kulturen«, München: C. H. Beck.
[2] Gorski, Philip S. (2020): Am Scheideweg. Amerikas Christen und die Demokratie vor und nach Trump, Freiburg: Herder.
[3] Pickel, Gert & Susanne Pickel (2024): A God Gap Driving a Revolution from Conservative to the Far Right in the United States – With Significance for Europe? In: Politische Vierteljahresschrift 65(2): S. 311-338.
[4] Roy, Oliver (2008): Heilige Einfalt. Über die politischen Gefahren entwurzelter Religionen, München: Siedler.
[5] Iannaccone, Laurence (1998): Introduction in the economics of religion. In: Journal of Economic Literature 36: S. 1465–1496.
[6] Putnam, Robert & David Campbell (2011): American grace. How religion divides and unites us, New York: Simon and Schuster.
[7] Minkenberg, Michael (2018): Religion and the Radical Right. In: Jens Rydgren (Hrsg.): The Oxford Handbook of the Radical Right. Oxford: Oxford University Press, S. 366–393.
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