/ 22.06.2013
Cristian Alvarado Leyton (Hrsg.)
Der andere 11. September. Gesellschaft und Ethik nach dem Militärputsch in Chile
Münster: Westfälisches Dampfboot 2010; 261 S.; 24,90 €; ISBN 978-3-89691-796-6Am 11. September 1973 putschte das Militär in Chile unter der Führung von Augusto Pinochet gegen die demokratisch gewählte Regierung von Salvador Allende. Aus Anlass des 35. Jahrestages dieses Militärputsches veranstaltete das Deutsch-Chilenische Kulturzentrum e. V. Hamburg 2008 eine Podiumsdiskussion, die sich mit den nachhaltigen Wirkungen der Militärdiktatur im heutigen Chile beschäftigte. Dieses Thema vertiefen die Beiträge des Sammelbands. Dabei geht es immer wieder um das transnationale Verhältnis Chiles zu den USA, deren Außenpolitik Anfang der 70er-Jahre maßgeblich zur Destabilisierung von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft beigetragen habe und daher als hauptsächliche Ursache des Militärputsches betrachtet werden müsse. Zu diesen transnationalen Kontexten zählt auch die Neuordnung der chilenischen Wirtschaft unter neoliberalen Vorgaben, maßgeblich vorangetrieben und unterstützt von Beratern aus dem Umfeld der Chicago School und deren Vordenker Milton Friedman. Die Koinzidenz der Jahrestage aktualisiert die transnationalen Verbindungen: „Die Rede über den US-amerikanischen 11. September überschreibt den chilenischen, während sie zugleich, widersprüchlich, an ihn erinnert“ (13). Die Autoren beschäftigen sich mit den bleibenden Folgen der wirtschaftlichen Umstrukturierung (Eisenbürger, Bustos), mit dem Fragenkomplex von Schuld, Verantwortung und Aufarbeitung (Wehr, Alvarado Leyton, Espeel/Ulrich) und der politischen Kultur und Parteiendynamik (Müller-Plantenberg). Daneben stehen ergänzend und erweiternd ganz persönliche und autobiografische Schilderungen der Erfahrung von Umsturz, Verfolgung und Exil (La Mura Flores, Lemebel) oder der filmischen Bearbeitung der Diktatur (Berg). Die Mapuche-Bewegung und ihr Protest gegen das Pinochet-Regime, aber auch gegen politische und ökonomische Unterdrückung in der Gegenwart werden als Beispiel sowohl für mutige Opposition, als auch für die Kontinuitäten zwischen Diktatur und Demokratie herangezogen (Schneider). Dieses bunte Kaleidoskop dient der Beantwortung der Frage nach der Zukunftsfähigkeit der chilenischen Politik und Gesellschaft im 21. Jahrhundert.
Markus Lang (ML)
Dr., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 2.65 | 2.22 | 2.25
Empfohlene Zitierweise: Markus Lang, Rezension zu: Cristian Alvarado Leyton (Hrsg.): Der andere 11. September. Münster: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/33137-der-andere-11-september_39594, veröffentlicht am 04.01.2011.
Buch-Nr.: 39594
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Dr., Politikwissenschaftler.
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