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/ 07.06.2013
Wolfgang Kraushaar

Der Griff nach der Notbremse. Nahaufnahmen des Protests

Berlin: Verlag Klaus Wagenbach 2012 (Wagenbachs Taschenbuch 691); 141 S.; 9,90 €; ISBN 978-3-8031-2691-7
Der Band versammelt eine Reihe von unveränderten Aufsätzen, die Kraushaar zwischen 2001 und 2011 in der vom Hamburger Institut für Sozialforschung herausgegebenen Zeitschrift „Mittelweg 36“ veröffentlicht hat, lediglich die Einleitung ist anlässlich des Erscheinens dieses Buches neu verfasst worden. In ihr entwirft Kraushaar seine Vorstellung der Begriffe „Protest“ und „soziale Bewegung“ – diese beiden öffentlichen Artikulationsformen erfüllten die Funktion einer „Notbremse“ (20) für gesellschaftliche Fehlentwicklungen. Kraushaar entwickelt diese Lesart am Beispiel öffentlicher Selbstverbrennungen, die insofern eine spezifische Form des politischen Martyriums darstellen, als dass der Protestierende über den Akt seiner Selbstverbrennung hinaus nicht mehr in den politischen Prozess eingreifen kann. Vielmehr richtet er einen Appell an Dritte – an die ihn umgebende Öffentlichkeit –, um diese zu einer konsekutiven Intervention zu veranlassen. „Einen Prozess zu bremsen, zu unterbrechen oder gar ganz zu stoppen“, so Kraushaar mit Blick auf die Notbremsen‑Metapher, „ist ein qualitativ anderer Vorgang als jener, der einen Protestakt mit einer politischen Einflussnahme verbindet, auf Reform und Wandel und damit die Korrektur‑ und Wandlungsfähigkeit des politischen Systems setzt“ (21). Und genau in diesem Punkt lassen sich alte und neue soziale Bewegungen unterscheiden. Während die Sozialdemokratie und die Gewerkschaftsbewegung im 19. Jahrhundert auf Reform statt Revolution setzten, sei dieser reformorientierte Impetus bei den neuen sozialen Bewegungen – von der Anti‑AKW‑Bewegung über die Occupy‑Aktivisten bis hin zu den Protestierenden im Arabischen Frühling – nicht mehr gegeben. Durch diese einführenden Bemerkungen werden die im Folgenden sehr einfühlend und plastisch geschilderten Protestereignisse zu einem gegenwartsdiagnostischen Lesebuch gebündelt, das die Frage nach Funktion und Praxis von politischem Protest auf überzeugende Art und Weise interpretiert: Es geht nicht mehr um die Realisierung einer politischen Utopie – es geht darum, Einhalt zu gebieten. Dass bei der Auswahl der interventionswürdigen Ereignisse natürlich schon immer eine Positionierung der Protestierenden vorausgesetzt wird und damit jeder Protest notwendig seinen blinden Fleck hat, sei hier abschließend jedoch noch einmal betont.
Matthias Lemke (LEM)
Dr. phil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.222.3312.3132.642.672.682.252.61 Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: Wolfgang Kraushaar: Der Griff nach der Notbremse. Berlin: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/9231-der-griff-nach-der-notbremse_43194, veröffentlicht am 13.02.2013. Buch-Nr.: 43194 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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