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/ 05.06.2013
Maria Todorova

Die Erfindung des Balkans. Europas bequemes Vorurteil. Aus dem Englischen übersetzt von Uli Twelker

Darmstadt: Primus Verlag 1999; 360 S.; 68,- DM; ISBN 3-89678-209-6
Thema des Bandes ist eine kritische Auseinandersetzung mit den Vorstellungen und Vorurteilen, die im westlichen Denken mit dem Begriff des "Balkan" verbunden waren und sind. Dabei konzentriert sich die Autorin auf die zunehmend politische bzw. geopolitische Konnotierung des Begriffs seit dem Ende des 19. Jahrhunderts und arbeitet deren historische Wurzeln heraus. Insbesondere anhand einer Analyse der Verhandlungen sowie des 1913 veröffentlichten Berichts der von der Carnegie-Stiftung für internationalen Frieden eingesetzten Kommission zur Untersuchung der Ursachen und Umstände der "Balkankriege" zeigt sie Denkmuster und -kategorien auf, die im wesentlichen nicht von den historischen und politischen Verhältnissen in Südosteuropa bestimmt werden und diese abzubilden suchen. Vielmehr sei eine normative Abgrenzung der nach ihrem Selbstverständnis "zivilisierten Welt" (17) von der Krisenregion an der Peripherie Kontinentaleuropas zu beobachten, die wesentliche Parallelen zur vorangegangenen Epoche der nationalstaatlichen Entwicklung z. B. in West- und Mitteleuropa ausblende. Ein 1993 der Wiederveröffentlichung des Berichts zur Einführung vorangestellter Essay von George Kennan, der die Grundgedanken von 1913 auf die politische Situation des aktuellen "Balkankonfliktes" zu übertragen und fortzuschreiben sucht, dient der Autorin als zweiter Fluchtpunkt für eine umfassende Dekonstruktion des westlichen "Balkan"-Diskurses im 20. Jahrhundert. Das abschließende Kapitel und die daran anknüpfenden "Schlußfolgerungen" stellen diesem als weitgehend hermetisch in seinen Kategorien befangenen Diskurs und seiner Grundlegung in den sicherheitspolitischen Normen der führenden westlichen Staaten der "Völkergemeinschaft" eine differenzierte Beschreibung der wichtigsten Konfliktlinien und Interessengegensätze in Südosteuropa sowie deren historisch-kultureller Wurzeln und Wertigkeiten gegenüber.
Michael Hein (HN)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Arbeitsstelle für graphische Literatur, Universität Hamburg, freier Lektor, Übersetzer, Publizist.
Rubrizierung: 2.622.23 Empfohlene Zitierweise: Michael Hein, Rezension zu: Maria Todorova: Die Erfindung des Balkans. Darmstadt: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/8177-die-erfindung-des-balkans_10791, veröffentlicht am 25.06.2007. Buch-Nr.: 10791 Rezension drucken
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