/ 21.06.2013
Necla Kelek
Die verlorenen Söhne. Plädoyer für die Befreiung des türkisch-muslimischen Mannes
Köln: Kiepenheuer & Witsch 2006; 218 S.; 18,90 €; ISBN 978-3-462-03686-2Nach ihrem populären Erstling „Die fremde Braut“, in dem Kelek die Lebenslagen zwangsverheirateter muslimischer Frauen in Deutschland schilderte, befasst sich die promovierte Soziologin und Volkswirtin in diesem Buch mit muslimischen Männern in Deutschland und der Türkei. Die darin geschilderten Lebensläufe entstammen Gesprächen mit muslimischen Strafgefangenen, die ihr Männlichkeitsbild und ihre Wertvorstellungen von Respekt oder Ehre mit zum Teil tödlicher Gewalt durchzusetzen versuchten. Angefangen von deren Kindheit bis zu ihrem Leben in Deutschland erfährt der Leser, was sich hinter den gescheiterten Existenzen verbirgt. Kelek verdeutlicht dabei den Zusammenhang von einer durch Gewalt, Gehorsam und überkommenen Männlichkeits- und Ehrvorstellungen geprägten Erziehung und dem späteren Scheitern in der modernen Lebenswelt. Sie kritisiert außerdem das entsprechende Rollenbild der Frau, deren vermeintliche Minderwertigkeit gegenüber dem Mann durch den Koran, die Sunna und das Verhalten des männlichen Familienoberhauptes definiert werde. Wie bei dem Vorgängerbuch schreibt Kelek in einer Mischung aus nacherzählender Schilderung von Lebensläufen und faktenbasierter Darstellung. Das macht ihre Beschreibungen sehr lesbar und spannend, hat ihr allerdings den Vorwurf der unwissenschaftlichen Methodik eingetragen. Doch Kelek betont, dass sie mit ihren qualitativ erhobenen Daten keinerlei Repräsentativität anstrebt, sondern „grundlegende Merkmale der türkisch-muslimischen Männerrolle herauszuarbeiten“ versucht (21). Dies ist ihr auch gelungen. Das (neben der Ideologisierung) entscheidende Defizit der Diskussion um die Ursachen gescheiterter Integration kann Kelek allerdings nicht beheben: den Mangel an umfassenden, tragfähigen Daten darüber, welche Einstellungen in welchem Umfang bei Migranten vorhanden sind und welche Rolle diese bei der Integration spielen.
Dirk Burmester (DB)
Dr., Politikwissenschaftler, wiss. Angestellter der Freien und Hansestadt Hamburg.
Rubrizierung: 2.63 | 2.23 | 2.27
Empfohlene Zitierweise: Dirk Burmester, Rezension zu: Necla Kelek: Die verlorenen Söhne. Köln: 2006, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/26276-die-verlorenen-soehne_30598, veröffentlicht am 25.06.2007.
Buch-Nr.: 30598
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Dr., Politikwissenschaftler, wiss. Angestellter der Freien und Hansestadt Hamburg.
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