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/ 11.06.2013
Annabelle Lutz

Dissidenten und Bürgerbewegung. Ein Vergleich zwischen DDR und Tschechoslowakei

Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag 1998 (Campus Forschung 795); 182 S.; kart., 48,- DM; ISBN 3-593-36311-9
Politikwiss. Diss. Potsdam; Gutachter: H. Kleger. - Im Gegensatz zu den verbreiteten Arbeiten über die Transformationsprozesse in Osteuropa untersucht die Autorin diese unter der Perspektive der Selbstperzeption. Statt den Widerstand als historisch geradlinigen Akt anzunehmen, steht bei Lutz der Versuch im Zentrum, "aus der Akteursperspektive verschiedene Versionen dieser Geschichte zu rekonstruieren. [...] Über die Selbstbestimmungen [von Mitgliedern des Widerstands] soll dabei qualitativ nachvollzogen werden, warum sich Menschen gegen das Regime stellten." (13) Basis für die Analyse ist Hirschmanns Exit-und-Voice-Theorie. Da bei ihm Loyalität der ausschlaggebende Faktor für eine Entscheidung ist, fragt die Autorin nach dem Verhältnis der Dissidenten zum eigenen Land und nach der Motivation zum Widerstand. In der Untersuchung spielen nationale Fragen im Vergleich zu den konkreten Ereignissen, die das Leben der befragten Personen prägten, eine untergeordnete Rolle. Zur Überprüfung dient der komparatistische Ansatz; in die Untersuchung einbezogen wurden fünfzehn narrative Interviews von tschechischen sowie slowakischen und zwölf von ostdeutschen Dissidenten. Jeweils circa ein Drittel emigrierte oder wurde ausgebürgert. Die Befragten wurden entsprechend ihrer Selbsteinschätzung drei zeitlich determinierten Gruppen zugeordnet. Innerhalb der Gruppen gab es im Vergleich DDR und CSSR keine Unterschiede bezüglich der Identifikation der Dissidenten mit dem eigenen Land. Unterschiedlich hingegen war jeweils die Motivation der Gruppen zum Widerstand. In der DDR existierte über alle drei Generationen hinweg sowohl eine distanzierte als auch eine rebellische Haltung zum Regime. Im Nachbarstaat hingegen unterschieden sich wieder alle drei Generationen voneinander, was darauf verweist, daß hier die Entscheidung zum Widerstand vielmehr von äußeren Ereignissen denn individuell geprägt war. Gerade hinsichtlich dieses Vergleiches der Widerstandsbewegungen hat die Autorin wertvolle Arbeit geleistet.
Stefan Göhlert (SG)
M. A., Politikwissenschaftler, Protokollchef und Bürgerbeauftragter in der Verwaltung der Stadt Jena.
Rubrizierung: 2.252.232.622.313 Empfohlene Zitierweise: Stefan Göhlert, Rezension zu: Annabelle Lutz: Dissidenten und Bürgerbewegung. Frankfurt a. M./New York: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/10472-dissidenten-und-buergerbewegung_12385, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 12385 Rezension drucken
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