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/ 03.06.2013
Christoph Bertram

Europa in der Schwebe. Der Frieden muß noch gewonnen werden

Bonn: Bouvier Verlag 1997; 151 S.; geb., 39,80 DM; ISBN 3-416-02634-9
Bertram, profilierter Sicherheitsexperte und ZEIT-Mitarbeiter, beschreibt in seiner Studie die veränderten sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen in Europa nach dem Ende des Kalten Krieges und leitet hieraus das nachdrückliche Plädoyer ab, daß der nun gewonnene Frieden durch aktives Engagement gesichert werden muß. Den Schlüssel für die Lösung dieser Aufgabe sieht der Verfasser in dem Aus- und Umbau bestehender sowie in der Errichtung neuer internationaler Organisationen, wobei er hervorhebt, daß es insgesamt nicht um die Begründung einer neuen "Sicherheitsarchitektur" geht, sondern vielmehr um eine "Renovierung" des bestehenden Systems. Vor diesem Hintergrund gelte es, insbesondere die NATO und die EU, die er als "schöpferischste Hinterlassenschaft des Kalten Krieges" (19) bezeichnet, grundlegend zu reformieren. Dabei nimmt die Osterweiterungsproblematik, mit der sich beide Organisationen zur Zeit konfrontiert sehen, eine zentrale Stellung in der Untersuchung ein. Bertram analysiert auch das Verhältnis der beiden Organisationen zueinander und beklagt unter anderem die fehlende Parallelität beim Vorgehen in der Erweiterungsfrage. Interessant erscheint, daß der Autor den in Maastricht eingeschlagenen Weg einer stärkeren Rolle für die Westeuropäische Union (WEU) für verfehlt hält und vielmehr das Voranschreiten entschlossenerer Kerngruppen fordert, wie z. B. dem Eurocorps, um eine europäische Verteidigung herauszubilden. Die Notwendigkeit der Wahrung der transatlantischen Bindung der Europäer im Bereich Sicherheit wird jedoch immer wieder angemahnt. Da der einigende Druck der Bedrohung weggefallen sei, könne ein gemeinsames Projekt in Ostmitteleuropa weiterhin verbindend wirken. Allerdings müßten hierfür nach Ansicht Bertrams die transatlantischen Beziehungen stärker als bisher institutionalisiert werden. Neben die NATO sollten weitere Institutionen treten, so z. B. in den Bereichen Wirtschaft, Umwelt und Kriminalität. Auch in bezug auf Rußland schlägt der Verfasser die Gründung einer neuen Institution ("NATO-Rußland-Forum") vor, insbesondere um die aus der Osterweiterung resultierenden Probleme zu lösen oder abzuschwächen. Während ihm hierfür institutionalisierte Formen der Kooperation und Konsultation vorschweben, mahnt er allerdings hinsichtlich der neuen transatlantischen Strukturen ausdrücklich ein über bloße Konsultation hinausgehendes Maß an Institutionalisierung an. Die gut lesbare Studie enthält eine Fülle von beachtenswerten Vorschlägen für die aktuelle Debatte über die Europäische Sicherheitsordnung und liefert erfreulich gut strukturierte Diskussionsaspekte.
Axel Lüdeke (AL)
Dr., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 3.64.412.62 Empfohlene Zitierweise: Axel Lüdeke, Rezension zu: Christoph Bertram: Europa in der Schwebe. Bonn: 1997, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/2108-europa-in-der-schwebe_2567, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 2567 Rezension drucken
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