/ 18.06.2013
Stefanie Harter / Jörn Grävingholt / Heiko Pleines / Hans-Henning Schröder
Geschäfte mit der Macht. Wirtschaftseliten als politische Akteure im Rußland der Transformationsjahre 1992-2001
Bremen: Edition Temmen 2003 (Analysen zur Kultur und Gesellschaft im östlichen Europa 16); 379 S.; 20,90 €; ISBN 3-86108-339-6Die Studie entstand im Rahmen des Forschungsprojektes „Zur Rolle von Regional- und Wirtschaftseliten im Prozeß ökonomischer Transition. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen wirtschaftlichen Wandels in Russland", das von August 1997 bis Mai 2000 am bereits aufgelösten Bundesinstitut für ostwissenschaftliche und internationale Studien in Köln durchgeführt wurde. Darin verfolgen die Autoren akribisch den Verlauf der wirtschaftlichen Transformation in Russland als Abfolge unterschiedlicher Phasen, in denen bestimmte Eliten dominierten. Nach der Zerschlagung des Putsches im August 1991 sei die Macht nicht durch eine demokratische Gegenelite übernommen worden, vielmehr hätten sich die neuen Machthaber aus dem alten Establishment rekrutiert. Erst die wirtschaftlichen Reformen hätten den Aufstieg neuer Eliten bewirkt, die es verstanden hätten, Geschäfte mit der politischen Macht zu machen, um sich so staatliche Ressourcen anzueignen. Dies sei der Beginn der Ära der Oligarchen gewesen. Seiner Rhetorik nach zu urteilen, sei Präsident Putin auf dem besten Wege gewesen, Rahmenbedingungen zu schaffen, um allen Wirtschaftsakteuren den gleichen Marktzugang zu verschaffen. Anhand von Fallspielen belegen die Wissenschaftler das Gegenteil. „Wie schon in den Jelzin-Jahren war politische Unterstützung ein zentraler Faktor wirtschaftlichen Erfolges. Auch unter Putin bedurfte der Aufbau eines Finanz- oder Wirtschaftsimperiums der wohlwollenden Duldung, mitunter der Unterstützung der politischen Führung in den Regionen und im Zentrum" (301). Die Rolle der russischen Gesellschaft sei marginal. Eine bittere Feststellung für das Land, denn „Demokratie wird sich erst dann wirklich etablieren, wenn die Gesellschaft selbst als Akteur hervortritt" (311). Das Buch ist eine einzigartige deutschsprachige Publikation auf dem Gebiet der Elitenforschung in Russland. Sie basiert auf umfangreichen Auswertungen russischsprachiger Quellen und ist nicht nur für Wissenschaftler höchst empfehlenswert.
Aus dem Inhalt:
2. Akteure und Strukturen in der Ära Jelzin 1992-1999
2.1 Rußlands Wirtschaft. Externe Einflußfaktoren und Binnenentwicklung
2.2 Sozialer Wandel und Umverteilung: Die Neukonstituierung der Gesellschaft
2.3 „Alte" und „neue" Eliten: Annäherung an die Akteure
2.4 Wirtschaftseliten in der Jelzin-Ära: Der Aufstieg der „politischen Unternehmer"
3. Akteure und Entscheidungen 1992-1999. Fallstudien
3.1 Banken in A(u)ktion. Privatisierung und Pfandauktionen
3.2. Gazprom: Die hohe Schule des Lobbyismus
3.3 Luftfahrtindustrie und Politik: zwischen Konflikt und Kooperation?
3.4 Die Kohleindustrie: Bergarbeiterproteste als Druckmittel?
3.5 Eliten, Netzwerke und Entscheidungsprozesse in der regionalen Politik
3.6 Wirtschaftsakteure im Übergang
4. Die Präsidentschaft Putin - neue Spielregeln für Wirtschaftsakteure?
4.1 Der Übergang von Jelzin zu Putin
4.2 Die Wendung gegen die „Finanzoligarchie" - Putins „Staat und Kapital"
4.3 „Der Staat hat einen Knüppel" - Offensive gegen die „Oligarchen"
4.4 Der neue Kurs - eine Allianz von Staat und „Kapital"?
4.5 Spielräume für neue Finanzgruppen
4.6 Politik und Finanzgruppen in der Ära Putin
5. Transformation und Gesellschaft
Tetyana Lutsyk (TL)
Lizentiat der Internationalen Wirtschaftsbeziehungen (lic. oec. int.), Doktorandin, wiss. Mitarbeiterin, Institut für Wirtschaftspolitik, Universität Leipzig.
Rubrizierung: 2.62 | 2.24 | 2.2 | 2.22 | 2.262
Empfohlene Zitierweise: Tetyana Lutsyk, Rezension zu: Stefanie Harter / Jörn Grävingholt / Heiko Pleines / Hans-Henning Schröder: Geschäfte mit der Macht. Bremen: 2003, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/20401-geschaefte-mit-der-macht_23774, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 23774
Rezension drucken
Lizentiat der Internationalen Wirtschaftsbeziehungen (lic. oec. int.), Doktorandin, wiss. Mitarbeiterin, Institut für Wirtschaftspolitik, Universität Leipzig.
CC-BY-NC-SA