/ 11.06.2013
Elisabeth Beck-Gernsheim
Juden, Deutsche und andere Erinnerungslandschaften. Im Dschungel der ethnischen Kategorien
Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1999 (Edition Zweite Moderne); 281 S.; brosch., 30,- DM; ISBN 3-518-41074-1Juden und Deutsche als "Erinnerungslandschaften"? – Der Titel dieser Studie, der sich auf den ersten Blick wie eine mißglückte Metapher liest, ist von der Autorin treffend gewählt: Juden und Deutsche bilden "Landschaften", weil ethnische Begriffe (sogar der Begriff der "Ethnizität" selbst) sich bei genauerer Analyse als "Dschungel" entpuppen, also ein wesentlich unübersichtlicheres Ensemble an gesellschaftlichen Gruppen bezeichnen, als der Sammelbegriff zu suggerieren scheint. Den Oberbegriff "Jude" etwa fächert Beck-Gernsheim in fünf Unterkategorien auf: "unstrittige Juden", "Paßjuden", "Schicksalsjuden", "Als-Ob-Juden" und – etwas kurios – "nicht-jüdische Juden" (162). Erinnerungslandschaften, weil jene ethnischen Begriffe – Deutsche, Juden, Schwarze (um nur jene Gruppen zu nennen, denen die Autorin sich vertieft zuwendet) – durch bestimmte Interessen geformt, daher in ihren Inhalten wandelbar sind und üblicherweise durch die Fiktion einer gemeinsamen Tradition die unter ihnen zusammengefaßte Gruppe homogenisieren sollen: "[A]lle Begriffe sind emotional aufgeladen, erweisen sich als gesellschaftliche und politische Konstruktionen, sind einer bestimmten Epoche und ihrem Denken verhaftet." (74) "[D]ie Tradition, auf die sich jede der [ethnischen] Gruppen so gerne beruft, ist in Wirklichkeit [...] ein höchst schillerndes Gebilde, ein Produkt von Nostalgie und Verklärung, Auswahl und Dramatisierung, bisweilen auch Fälschung." (26) Die ethnischen Großgruppen "Juden" und "Schwarze" lassen sich vor dem Hintergrund dieser Einsichten nicht nur weiter differenzieren – der konstruktivistische Ansatz fördert ebenfalls so interessante Einsichten zu Tage, wie die, daß Schwarze durch Geld weißer (vielleicht sogar Weiße) werden können (137 ff.) und läßt gelegentliche politische Seitenhiebe, etwa auf das ius sanguinis, zu. Der feuilletonistische Stil der Darstellung, der Romanausschnitte und Medienberichte in den Text einbezieht, macht die Lektüre des Buches für ein breites Publikum reizvoll.
Florian Weber (FW)
M. A., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 2.23 | 2.35 | 2.67 | 2.64
Empfohlene Zitierweise: Florian Weber, Rezension zu: Elisabeth Beck-Gernsheim: Juden, Deutsche und andere Erinnerungslandschaften. Frankfurt a. M.: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/10114-juden-deutsche-und-andere-erinnerungslandschaften_11960, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 11960
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M. A., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
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