/ 03.06.2013
Richard Holbrooke
Meine Mission. Vom Krieg zum Frieden in Bosnien. Aus dem Amerikanischen von Helmut Dierlamm, Norbert Juraschitz und Heike Schlatterer
München/Zürich: Piper 1998; 603 S.; 48,- DM; ISBN 3-492-03939-1Die Erinnerungen von Politikern oder Diplomaten sind selten spannende oder gar fesselnde Lektüre. Die meisten Autoren können sich selbst Jahre nach dem Ende ihrer Karrieren nicht zu klaren Urteilen und offenen Worten über die Ereignisse und Personen, mit denen sie während ihrer Laufbahn zu tun hatten, durchringen. Holbrooke, der mehrfach als Clintons Sonderbotschafter in besonders heiklen Fällen auftrat, hat jedoch nur wenige Jahre nach Abschluß der beschriebenen Ereignisse ein höchst lesenswertes Buch verfaßt, indem er von der ersten bis zur letzten Seite kaum ein Blatt vor den Mund nimmt. Gleichzeitig schildert Holbrooke jedoch auch teils sehr detailliert die äußerst komplizierten Verhandlungsprozesse, die in den Dayton-Prozeß mündeten und dann die Verhandlungen in Dayton selbst. Naturgemäß, aber auch der Logik der historischen Entwicklung gemäß betont er dabei die amerikanische Rolle und spart andererseits nicht mit kritischen, wenn auch moderat vorgetragenen Untertönen gegenüber der sehr unrühmlichen Rolle der Europäer im Krieg im ehemaligen Jugoslawien. Sein in der Presse zum damaligen Zeitpunkt sehr aufgeregt kommentiertes Wort, wonach Europa schlief, während die USA verhandelten, wiederholt er zwar mit einigen Relativierungen, bleibt aber ganz offensichtlich bei seinem Urteil. Noch aufschlußreicher als Holbrookes politische Analysen und Schlußfolgerungen sind jedoch seine Charakterisierungen der handelnden Personen, ihrer Gerissenheit, Eitelkeit und persönlichen Schwächen. Es überrascht nicht, daß der serbische Präsident Milosevic dabei am schlechtesten abschneidet, obwohl Holbrooke betont, daß Milosevic an einigen Stellen die Verhandlungen durch erstaunliches Entgegenkommen voranbrachte, wenn die amerikanische Delegation ihn vor harte Alternativen stellte und dabei fest blieb. Trotz aller Machtfülle waren die Serben für Holbrooke, "wenn man es darauf ankommen ließ und ihnen die Pistole auf die Brust setzte, [...] letzten Endes nur kleine Rabauken" (242). Den serbischen Präsidenten Milosevic hält Holbrooke für einen kalten und rücksichtslosen Machtmenschen: "Er konnte von Charme übergangslos auf Brutalität umschalten und von einem heftigen Gefühlsausbruch abrupt zur trockenen Diskussion juristischer Details übergehen." (184)
Doch auch die übrigen Verhandlungsführer der Konfliktparteien werden in schonungsloser Offenheit charakterisiert. Insbesondere der bosnische Präsident Izetbegovic erscheint zwar als "bemerkenswerte Gestalt", die "den Traum von einem vereinten Bosnien jahrelang unter den widrigsten Umständen am Leben gehalten [hatte]". Gleichzeitig bemerkt Holbrooke, daß Izetbegovic zu keinerlei Kompromiß bereit gewesen sei, Politik sei für ihn "ein permanenter Kampf"; er habe "wahrscheinlich noch nie daran gedacht, was es hieß, einen Staat in Friedenszeiten zu regieren" (158). Der bosnische Präsident entpuppte sich denn auch in den entscheidenden Phasen der Verhandlungen von Dayton als größter Bremser und brachte mehr als einmal den ganzen Prozeß an den Rand des Abbruchs.
Plastischer, aufschlußreicher und aktueller als Holbrooke es in diesem Buch tut, kann Diplomatiegeschichte kaum geschrieben werden. Für das Verständnis des Friedensprozesses im ehemaligen Jugoslawien ist dieser Band eine unverzichtbare Lektüre. Holbrooke bestätigt einmal mehr, daß Wankelmütigkeit, Uneinigkeit und unklare Zieldefinitionen in der internationalen Politik katastrophale Folgen haben können.
Walter Rösch (WR)
M. A., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 4.41 | 2.62 | 2.64 | 4.22
Empfohlene Zitierweise: Walter Rösch, Rezension zu: Richard Holbrooke: Meine Mission. München/Zürich: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/2841-meine-mission_3745, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 3745
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M. A., Politikwissenschaftler.
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