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/ 06.06.2013
Sebastian Friese

Politik der gesellschaftlichen Versöhnung. Eine theologisch-ethische Untersuchung am Beispiel der Gacaca-Gerichte in Ruanda

Stuttgart: Verlag W. Kohlhammer 2010 (Theologie und Frieden 39); 239 S.; pb., 39,80 €; ISBN 978-3-17-021315-9
Kath.-theol. Diss. Tübingen; Gutachter: D. Mieth, O. Fuchs. – Haben die Gacaca-Gerichte tatsächlich einen Beitrag zur gesellschaftlichen Versöhnung in Ruanda geleistet? Diese traditionell gewohnheitsrechtlichen Institutionen dienten der Lösung von Konflikten in den Dorfgemeinschaften. Nach dem Genozid wurden sie auf der Grundlage staatlicher Gesetze institutionalisiert und mit einem Normengerüst versehen, um zur Aufarbeitung der Verbrechen im Kontext des Völkermords beizutragen. Friese befasst sich zunächst mit den theologisch-ethischen Kriterien einer Theorie der gesellschaftlichen Versöhnung. Dazu betrachtet er Rechtsprechung, Wahrheitsfindung, Verantwortungsübernahme und Erinnerungskultur; diese Aspekte müssen, so führt er aus, in den politischen und gesellschaftlichen Institutionen berücksichtigt werden. Gesellschaftliche Versöhnung beschreibt er inhaltlich als einen Prozess, in dem eine Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft geschlagen werden kann, um die Gesellschaft so zu gestalten, dass Menschenrechtsverletzungen nicht mehr möglich sind. Was nun die Rechtsprechung anbelangt, arbeitet Friese heraus, hat sich der Staat bewusst für eine ausnahmslose und umfassende gerichtliche Aufarbeitung entschieden. Seine Untersuchung zeigt jedoch, dass der Staat den Angeklagten keine fairen Verfahren vor kompetenten Gerichten garantieren kann. Zudem findet die gerichtliche Aufarbeitung einseitig statt. Der in Verfahren verfolgte Völkermord markierte nur den Schluss- und Höhepunkt eines langen Bürgerkrieges; die Verbrechen, die zuvor stattfanden, werden vor den Gacaca-Gerichten nicht verfolgt. Insofern fällt auch die Beurteilung des Beitrags dieser Gerichte zur Versöhnung durch den Autor eher skeptisch aus: „Die Anerkennung aller Opfer als Opfer geschieht nicht“ (213). Er verweist damit darauf, dass es einerseits kontraproduktiv sei, nur einen Ausschnitt einer Konfliktgeschichte zu betrachten; andererseits seien die Gerichte mit dem Anspruch, alle Täter zu verfolgen, überfordert.
Timo Lüth (TIL)
Student, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.672.232.25 Empfohlene Zitierweise: Timo Lüth, Rezension zu: Sebastian Friese: Politik der gesellschaftlichen Versöhnung. Stuttgart: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/9122-politik-der-gesellschaftlichen-versoehnung_38506, veröffentlicht am 08.07.2010. Buch-Nr.: 38506 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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