/ 21.06.2013
Daniel Jonah Goldhagen
Schlimmer als Krieg. Wie Völkermord entsteht und wie er zu verhindern ist. Aus dem Englischen von Hainer Kober und Ingo Angres
Berlin: Siedler Verlag 2009; 685 S.; 29,95 €; ISBN 978-3-88680-698-0Mit seinem Buch „Hitlers willige Vollstrecker“ sorgte Goldhagen 1996 für Aufsehen. Er vertrat die These, dass der Holocaust kein isoliertes Morden gewesen sei, sondern Teil eines breit angelegten eliminatorischen Angriffs der Deutschen auf die Juden. In seinem neuen Buch untersucht er grundlegend, warum es überhaupt zu Völkermord kommt. Goldhagen fasst dabei Massenmord, Genozid und den Holocaust zu dem Phänomen „Eliminationismus“ (24) zusammen. Material für seine Untersuchung findet er im 20. Jahrhundert genug, Massenmörder brachten in dieser Zeit mindestens doppelt so viele Menschen um, wie in Kriegen starben. Nach Goldhagens Einschätzung lässt sich der Ursprung von Massenmord nicht allein durch den „Charakter des Staates, der Zusammensetzung der Gesellschaft und ihrer Kultur oder der Psychologie des Individuums“ (78) erklären. „Die politische Führung ist der entscheidende Faktor: In einigen Fällen bringt sie Staaten oder Gruppen dazu, Massenmorde zu begehen. In anderen Fällen, in denen die Möglichkeit dazu bestünde, nimmt sie davon Abstand.“ (89) Goldhagen kommt zu dem Schluss, dass die Vereinten Nationen als Gremium zur Verhinderung von Massenmord nicht funktionieren. Sein Vorschlag lautet, dass sich die internationale Staatengemeinschaft auf ein monetäres Programm zur Prävention von Massenmord einigen sollte, damit man die Agitatoren von Völkermord früher fassen kann. Dieses Programm enthält auch eine Kopfgeldprämie, „weil viele Menschen Täter umbringen können, die von der internationalen Gemeinschaft nicht zu erreichen sind“ (615). Für den Autor ist klar, dass ein solches Vorgehen in der internationalen Staatengemeinschaft nicht durchzusetzen ist. Insofern sind Goldhagens praktische Vorschläge wenig überzeugend. Ein Lichtblick könnte sein Hinweis sein, dass Demokratien die geringste Tendenz zum Massenmord aufweisen. Zudem meint Goldhagen, dass Täter und Opfer letztlich dafür sorgen müssen, dass sich eliminatorische Angriffe nicht wiederholen. Dafür würden sie aber die Mitarbeit der Staatengemeinschaft brauchen.
Wilhelm Johann Siemers (SIE)
Dipl.-Politologe, Journalist, Redakteur der Sprachlernzeitschrift vitamin de, Florenz.
Rubrizierung: 2.25 | 4.41
Empfohlene Zitierweise: Wilhelm Johann Siemers, Rezension zu: Daniel Jonah Goldhagen: Schlimmer als Krieg. Berlin: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/31470-schlimmer-als-krieg_37462, veröffentlicht am 23.02.2010.
Buch-Nr.: 37462
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Dipl.-Politologe, Journalist, Redakteur der Sprachlernzeitschrift vitamin de, Florenz.
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