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/ 22.06.2013
Marc Engelhardt

Somalia: Piraten, Warlords, Islamisten

Frankfurt a. M.: Brandes & Apsel 2012; 247 S.; pb., 24,90 €; ISBN 978-3-86099-892-2
Marc Engelhardt hat kein politikwissenschaftliches Buch geschrieben – was in diesem Fall als ein ausdrückliches Kompliment gemeint ist –, sondern eine überaus packende, gut zu lesende, historisch auch retrospektive Reportage über ein Land, das als erster sogenannter Failed State in die Geschichte eingegangen ist. Da allerdings liegt schon die erste Fehlwahrnehmung, mit der Engelhardt aufzuräumen vermag: aus seiner Beobachtung, die unter anderem auch auf mehreren persönlichen Besuchen Somalias und seiner Hauptstadt Mogadishu beruht, kommt er zu dem Schluss, dass es viel weniger ein gescheiterter Staat als vielmehr ein vollkommener kapitalistischer Markt in der Größe eines ganzen Landes sei. Dies äußert sich etwa in der Vergabe von Sitzplätzen im Flugzeug, die ganz klar an den Fluggast mit dem größten Portemonnaie gehen – auch wenn dieser zwei Stunden später im Flugzeug erscheint und für ihn jemand anderes Platz machen muss. Beobachtet man dann – wie es der Autor aus eigener Anschauung berichtet – den Start des Flugzeugs vom Boden aus und organisiert anschließend die Rückfahrt in die Stadt, dann ist es ratsam, den eigenen Konvoi so auszustatten, dass er über mehr Bewaffnung verfügt als an den jeweiligen Checkpoints versammelt ist. Das ist die in der Währung Kalaschnikow (gegenwärtig für 10 bis 50 Dollar pro Stück zu haben) bezahlbare grüne Welle am Horn von Afrika. – Was sich mitunter als Ansammlung von Kuriositäten liest, ist eine einfühlsame Sammlung von Eindrücken und Reflexionen, die sowohl das Große (die Politik und die Clanstrukturen) wie auch das Kleine (die menschlichen Einzelschicksale in einem Land, in dem ein Menschenleben ein marktfähiges Gut ist, wie jedes andere auch) in die Beschreibung einbeziehen. In der Summe entsteht so der Zugang zu einem Land, das, nachdem man das Buch zur Seite gelegt hat, viel weniger ein relativ amorphes Stereotyp ist, das von den Bildern geschändeter US‑amerikanischer Soldaten und Piraten dominiert wird. Stattdessen entsteht ein buntes Mosaik alltäglichen Lebens, das ein Erahnen des Leidens und des Durchhaltewillens der Menschen vor Ort in Ansätzen – soweit das eben aus der Distanz geht – möglich macht und das zur weiteren Auseinandersetzung mit der Gegenwart und Zukunft Somalias motiviert.
Matthias Lemke (LEM)
Dr. phil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.672.254.412.2624.214.44 Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: Marc Engelhardt: Somalia: Piraten, Warlords, Islamisten Frankfurt a. M.: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/35151-somalia-piraten-warlords-islamisten_42320, veröffentlicht am 04.04.2013. Buch-Nr.: 42320 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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