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Rezension / 15.10.2026

Ursula Schröder: Schutz in Krisenzeiten. Sicherheit und Verteidigung für unsere Zukunft

München, Piper 2026

Ob Pandemie, Hochwasser, Krieg – die nächste Krise kommt bestimmt. Doch sind wir dafür gewappnet? Ursula Schröders Buch macht deutlich, dass Staat und Gesellschaft bei der Krisenvorsorge Hand in Hand arbeiten müssen. Die Rezension von Vincent Gehrmann macht deutlich, warum ihm viele Leser*innen zu wünschen sind.

Eine Rezension von Vincent Gehrmann

In der militärischen Auftragstaktik gibt es den Begriff der „Lageänderung“: Die eingangs antizipierte Konstellation wandelt sich und macht eine neue Herangehensweise erforderlich. Genau einen solchen Prozess durchläuft die Bundesrepublik Deutschland in den vergangenen Jahren mit Blick auf ihre Krisenvorsorge. Eine Pandemie, Krieg in Europa, Hochwasser, Extremwetter, Sabotage und hybride Bedrohungen – Krisen, die vor einem Jahrzehnt noch nicht im Zentrum der Agenda standen, prägen heute die politischen Debatten. Gleichwohl fühlt sich die deutsche Bevölkerung nicht gut gewappnet: Bei einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage im Jahr 2025 bezweifelten mehr als 82 Prozent, dass Deutschland auf einen Kriegs- oder Katastrophenfall gut vorbereitet wäre (10). Zugleich ist das öffentliche Interesse an Themen zu Schutz und Vorsorge deutlich gestiegen. Bei Google Trends liegt das Suchinteresse für den Begriff „Vorsorge“ heute rund 90 Prozent höher als noch vor zehn Jahren. Für den Begriff „Schutz“ zeigt sich im selben Zeitraum ein Anstieg von rund 50 Prozent.[1]

Das gestiegene Interesse an Krisenvorsorge lässt sich nicht allein auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine zurückführen. Bereits die konkreten Krisenerfahrungen der vergangenen Jahre, von der Pandemie über Hochwasser und andere Naturkatastrophen bis hin zu Extremwetterereignissen, haben dazu beigetragen, Fragen gesellschaftlicher Resilienz stärker in den Mittelpunkt zu rücken. Gerade in einer solchen Lage braucht es Orientierung darüber, was Schutz und Vorsorge heutzutage bedeuten und welche Verantwortung Staat und Gesellschaft dabei tragen. Genau hier setzt Prof. Dr. Ursula Schröder, Wissenschaftliche Direktorin des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg (IFSH), mit ihrem Buch an.

Das Buch ist in der politikwissenschaftlichen Sicherheitsforschung verankert, verfügt aber über interdisziplinäre Teile, in denen Schröder sicherheitspolitische Fragen mit historischen sowie staats- und gesellschaftstheoretischen Zugängen verbindet. Das Zusammenspiel unterschiedlicher Perspektiven prägt auch den Zugang des Buches: Schröder versteht Schutz nicht allein als militärische Verteidigung, sondern zählt neben der körperlichen Unversehrtheit auch den Erhalt natürlicher Lebensgrundlagen sowie individuelle Freiheit und demokratische Werte dazu. Ausgehend von diesem Verständnis entwickelt sie ihre Argumentation schrittweise. Sie fragt zunächst, ob die gegenwärtige Häufung von Krisen tatsächlich eine qualitativ neue Lage darstellt und zeichnet anschließend nach, wie sich staatlicher Schutz und das Gewaltmonopol historisch entwickelt haben. Darauf aufbauend richtet sie den Blick auf die Frage, wie Verantwortung zwischen Staat und Gesellschaft künftig verteilt werden kann. Gesamtverteidigung, Wehr- und Gesellschaftsdienst sowie Katastrophenschutz bilden dabei die zentralen Anwendungsfelder. Den Abschluss bildet die Frage, nach welchen übergreifenden Prinzipien demokratischer Schutz künftig organisiert werden sollte. Dabei formuliert Schröder drei Leitgedanken: Schutz bedarf politischer Gestaltung, ist eine gemeinsame gesellschaftliche Aufgabe und darf in einer Demokratie kein Privileg sein (16).

Über Hobbes, Weber, Tilly und Elias rekonstruiert Schröder, wie staatlicher Schutz, Gewaltmonopol und gesellschaftliche Mitwirkung theoretisch miteinander verzahnt sind. Diese Gedanken verknüpft sie mit der Gegenwart und kommt zu dem Schluss: Je selbstverständlicher staatliche Schutzleistungen für uns geworden sind, desto leichter werden ihre Voraussetzungen vernachlässigt (39).

Wie Schröder den Operationsplan Deutschland greifbar macht

Einen bedeutenden Anteil der Krisenvorsorge Deutschlands trägt der Operationsplan Deutschland (OPLAN DEU), dem sich Schröder detailliert widmet. Der OPLAN bildet die militärische Disposition der gesamtstaatlichen Verteidigungsplanung Deutschlands und legt fest, wie die Bundeswehr im Krisen- und Verteidigungsfall ihre Aufgaben im Rahmen der Landes- und Bündnisverteidigung (LV/BV) wahrnimmt. Gleichzeitig regelt er die Koordination mit Behörden und weiteren zivilen Akteuren. Über diese Inhalte spricht Schröder ausführlich mit einer der zentralen Personen des Vorhabens: Generalleutnant André Bodemann, der maßgeblich an der Erarbeitung und Umsetzung des OPLAN beteiligt war. In einem Interview beschreibt er, warum die Rahmenbedingungen nahezu vollständig neu geschaffen werden mussten, welche Rolle hybride Bedrohungen spielen und wie stark militärische Verteidigungsplanung letztlich von zivilen Akteuren abhängt (94 ff.).

Die Einbindung solcher Schlüsselpersonen ist für das Buch von besonderer Bedeutung. Während die Leser*innen zu Beginn eine vorwiegend theoretische Perspektive erhalten, bringen Informationen aus erster Hand eine neue Qualität und Dynamik in die Darstellung der Krisen- und Verteidigungsplanung. Beim OPLAN stößt eine solche Darstellung jedoch zwangsläufig an Grenzen. Zentrale Abläufe und Verwundbarkeiten unterliegen notwendigerweise der Geheimhaltung, da ihre Offenlegung die operative Wirksamkeit des Auftrags gefährden würde. Bodemann gelingt es dennoch, die strategische Logik und die zivilen Abhängigkeiten des Plans verständlich zu erläutern, ohne dabei auftragsgefährdende Informationen offenzulegen. Schröder führt diese Balance fort: Sie geht in ihrer Darstellung nicht über die im Gespräch vermittelten Einblicke hinaus, sondern macht die Funktionslogik des OPLAN nachvollziehbar, ohne die notwendige Grenze zur operativen Geheimhaltung zu überschreiten.

Zwischen wissenschaftlicher Analyse und praktischer Anschauung

Schröder stützt ihre Analyse nicht allein auf Literatur, Strategiedokumente und Interviews. Besonders im Gedächtnis bleibt jene Passage, in der Schröder die analytische Distanz bewusst aufgibt und die wissenschaftliche Betrachtung mit konkreten Erfahrungen aus der Praxis verbindet. Für einen „kleinen Selbstversuch“, wie sie ihr Vorhaben selbst beschreibt, besucht sie in Hamburg einen Kurs in Erster Hilfe mit Selbstschutzinhalten (EHSH) des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK). Rund dreißig Personen nehmen teil – in neun Unterrichtseinheiten werden Themen von der Selbstvorsorge bis zur medizinischen Erstversorgung in länger andauernden Krisensituationen vermittelt. Schröder versucht hierbei nicht aus einem Kurstag mehr zu machen, als er hergibt. So bleibt am Ende ein gemischter Eindruck stehen. Ihr Fazit: Der Tag sensibilisiert, langfristige Lernerfolge sind in diesem Rahmen aber kaum zu erreichen (107 ff.). Es sind aber eben solche Passagen, die dem Buch eine eigene Dynamik verleihen und dem Leser besonders im Gedächtnis bleiben. Immer wieder bringt Schröder an den richtigen Stellen gut platzierte und lebhafte Beispiele an, die eine Problematik greifbar machen und die Notwendigkeit verdeutlichen, sich intensiver mit dem dazugehörigen Thema auseinanderzusetzen. Genau darin liegt eine zentrale Intention des Buches: Schröder will nicht nur informieren, sondern ein Bewusstsein für die gegenwärtige Lage schaffen und dazu anregen, sich mit den eigenen Handlungsmöglichkeiten auseinanderzusetzen.

„Aus den kommenden Krisen können wir uns nicht herauskaufen“

Eine der wichtigsten Erkenntnisse des Buches liegt im Perspektivwechsel. Schröder zeigt, dass Sicherheit nicht allein durch Streitkräfte oder Abschreckung gewährleistet wird, sondern von einem komplexen Zusammenspiel staatlicher und vor allem gesellschaftlicher Akteure abhängt.

Über lange Zeit sahen es viele Bürger*innen als selbstverständlich an, dass die Bundeswehr im Krisenfall für den notwendigen Schutz sorgt. Dieses vertraute Bild greift für die von Schröder betrachteten Szenarien jedoch zu kurz. Im Verteidigungsfall ist die Bundeswehr selbst in erheblichem Umfang auf zivile Unterstützung angewiesen. Behörden, Wirtschaftsunternehmen und weitere gesellschaftliche Akteure müssen Leistungen erbringen, ohne die weder Krisenvorsorge noch Gesamtverteidigung funktionieren können (97 ff.). Schröder macht damit deutlich, dass Schutz und Verteidigung nicht als alleinige Aufgaben der Streitkräfte verstanden werden dürfen, sondern eine gemeinsame Verantwortung von Staat und Gesellschaft darstellen.

„Aus den kommenden Krisen können wir uns nicht herauskaufen“, schreibt Schröder auf Seite 207. Darin liegt die zentrale Aussage des Buches. Schutz entsteht nicht allein durch finanzielle und materielle Mittel, sondern gleichermaßen durch funktionierende Zusammenarbeit und ein gesellschaftliches Verständnis für die Lage und die daraus entstehenden Anforderungen. Schröder erhebt nicht den Anspruch, eine abschließende Lösung für die Krisenvorsorge in Deutschland zu formulieren, sondern gibt vor allem eine Orientierung in Krisenzeiten. Für weite Teile der deutschen Bevölkerung ist Schutz und Vorsorge ein abstraktes Thema, obwohl der Handlungsbedarf längst konkret ist. Schröders Buch schließt hier eine wichtige Lücke: Es verdeutlicht, wo Deutschland in seiner Krisenvorsorge heute steht und was in den kommenden Jahren auf Staat und Gesellschaft zukommen wird.


Anmerkungen:

[1] Google Trends bildet das relative Suchinteresse an einem Begriff auf einer Skala von 0 bis 100 ab, wobei der Wert 100 für das höchste Suchinteresse innerhalb des jeweils betrachteten Zeitraums steht. Im Zeitraum vom September 2016 bis zum September 2026 stieg der Index für den Begriff „Vorsorge“ von rund 50 auf etwa 95 Punkte, was einem Zuwachs von rund 90 Prozent entspricht. Beim Begriff „Schutz“ erhöhte sich der Index von rund 40 auf etwa 60 Punkte und damit um rund 50 Prozent. Die Angaben beziehen sich auf den Vergleich des ersten und letzten dargestellten Messpunktes und nicht auf Jahresdurchschnittswerte. Google Trends (2026): Suchinteresse für den Begriff „Schutz“ in Deutschland, Zeitraum 08.10.2016–10.09.2026, online unter trends.google.de/trends/explore?date=2016-10-08%202026-09-10&geo=DE&q=Schutz&hl=de; Google Trends (2026): Suchinteresse für den Begriff „Vorsorge“ in Deutschland, Zeitraum 08.10.2016–10.09.2026, online unter trends.google.de/trends/explore?date=2016-10-08%202026-09-10&geo=DE&q=Vorsorge&hl=de [letzter Zugriff jeweils: 15.09.2026].



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