Europas Seestreitkräfte als außen- und sicherheitspolitische Instrumente zwischen 1990 und heute
Wie haben sich Europas Seestreitkräfte seit dem Ende des Kalten Krieges gewandelt und welche Rolle spielt dabei die Deutsche Marine? In dieser Sammelrezension bespricht Sebastian Bruns zwei 2024 erschienene Studien: Jeremy Stöhs untersucht die Entwicklung europäischer Marinen zwischen Systemschutz und Landesverteidigung, während Moritz Brake die Deutsche Marine anhand konkreter Auslandseinsätze als außenpolitisches Instrument analysiert. Insgesamt bewertet Bruns beide Werke als grundlegende und sehr wertvolle Beiträge zur maritimen Strategieforschung.
Eine Sammelrezension von Sebastian Bruns
Einleitung
Im Jahr 2024 erschienen gleich zwei einschlägige Studien, die sich mit moderner Seemacht und aktuellen Problemen der sicherheitspolitischen Strategie auseinandersetzen. Beide Bücher eint neben dem zumindest in der gedruckten Version nahezu unerschwinglichen Verkaufspreis eine Reihe weiterer Gemeinsamkeiten. So basieren die Publikationen des österreichisch-amerikanischen Politikwissenschaftlers Jeremy Stöhs und die des Kölner Politologen und ehemaligen Marineoffiziers Moritz Brake beide auf einschlägigen Dissertationen an der Universität Kiel respektive am Londoner King’s College. Die Analysen sind, obschon deutscher Muttersprachlichkeit der Autoren, zudem auf Englisch verfasst. Das sichert ihnen nicht nur Anschluss an die internationale Forschungs- und Militärwelt, die Bücher erscheinen damit zugleich in der lingua franca der globalen Schifffahrt.
Stöhs und Brake fanden ihre akademische Heimat auf Zeit jenseits der eigenen Scholle. Offenbar gilt auch der maritime Prophet nichts oder zumindest recht wenig im eigenen Land, auch wenn das Wehklagen über „Seeblindheit“ – also die gefühlte oder tatsächliche Unfähigkeit, maritime Anfälligkeiten und Abhängigkeiten für Deutschland und Europa zu erkennen und politische, militärische, wirtschaftliche sowie strategische Konsequenzen zu ziehen – in den letzten Jahren merklich abgeflaut ist.[1]
Das hat nicht zuletzt mit der seit Anfang der 2010er Jahre deutlich in Qualität und Quantität zugenommenen Sensibilisierung für das Thema zu tun, die auch auf praxisnahen und problemorientierten Aktivitäten im Universitäts- und Denkfabrik-Bereich fußt. Die maritime sicherheitspolitisch-wissenschaftliche Community mit Interesse an zusammenhängenden strategischen Fragen ist überschaubar. Gleichwohl hat sich im europäischen Raum ein gut vernetztes Cluster um die Standorte Kiel, Hamburg und Kopenhagen gebildet; hinzu kommen „Einzelfahrer“ aus anderen Universitäts- und Think-Tank-Heimathäfen, die diesen Geleitzug ergänzen.
Eine weitere Gemeinsamkeit der beiden hier im Mittelpunkt stehenden Arbeiten stellt den Rezensenten selbst vor die Herausforderung, kritische Distanz zu bewahren, hat er doch sowohl mit Stöhs als auch mit Brake lange Jahre eng und vertrauensvoll zusammenarbeiten dürfen.[2] Nichtsdestotrotz unternimmt die folgende Besprechung eine zusammenführende, kritische Einordnung der Beiträge beider Expertisen.
Marineanalyse als Grundlage
Jeremy Stöhs eröffnet seine Betrachtungen mit einer methodischen Diskussion, die dem Leser (das generische Maskulinum wird hier nicht etwa verwendet, weil Frauen in der Seefahrt abergläubisch Unglück brachten, sondern der Einfachheit halber – Frauen sind mitgemeint!) das Paradigma näherbringt, das systemzentrierte Seestreitkräfte einerseits mit staatszentrierten Marinen andererseits kontrastiert. In der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts, so die These, haben sich einige Streitkräfte auf die Verteidigung des Systems freier Seewege verlegt (etwa durch Anti-Piraterie- und Anti-Terrorismus-Missionen), während andere klassischerweise im engeren Sinne auf Landes- und Bündnisverteidigung ausgerichtet sind. Diese für die Streitkräfteplanung wesentliche ex post-Unterscheidung ist für den von Stöhs’ gewählten Betrachtungszeitraum noch von Bedeutung, nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass sich die Landes- und Bündnisverteidigung seit 2014, mehr noch seit 2022, wieder an die Spitze des Lastenhefts schieben. Derweil rückt die Sicherheit des maritimen Systems in den Hintergrund. Maritime Präsenz europäischer Mächte in asiatischen Gewässern ist offenbar nur noch unter großem Overstretch verfügbarer Kräfte aufrechtzuerhalten.
Der dialektische Ansatz zur analytischen Vorgehensweise beim Seestreitkräftevergleich wurde einem breiten Publikum durch den britischen Marinestrategen Geoffrey Till in seinem einschlägigen Handbuch über Seemacht im 21. Jahrhundert nähergebracht, dessen nunmehr fünfte Auflage just publiziert wurde.[3] Till steuert im Übrigen auch das Vorwort zu Stöhs’ Studie bei – der für Vorschusslorbeeren und den Buchrücken allerlei weitere illustre wissenschaftliche und militärstrategische Exzellenz gewinnen konnte. Zurück zum Vergleich von Marinen untereinander: Dieser ist notorisch schwierig. Angesichts der seestrategischen Positionen der einzelnen Staaten und Bündnisse, ihrer nationalen wie gemeinsamen Interessen, ihrer rüstungstechnischen Basis, der Gefährdungsperzeption der Marineplaner, ihrer strategischen Kultur und nicht zuletzt der potenziellen Gegner auf und von See her fallen allzu viele tatsächliche wie selbsternannte Experten auf eine rein quantitative Betrachtung zurück. Sie zählen Schiffe, Boote, Flugzeuge, bisweilen auch Marineuniformträger, Sensoren und Waffen und verrechnen sie miteinander. Stöhs hingegen beantwortet die Frage, ob Größe entscheidendes Kriterium bei Marinen sei, mit einem klaren Nein. Allein diese analytische Erkenntnis macht die austro-amerikanische Studie wertvoll für Entscheider, die bisher eine differenziertere Analyse nicht vornehmen konnten oder wollten.
Wichtig ist auch seine feinsäuberlich vorgenommene Unterscheidung der titelgebenden Seestreitkräfte Europas, die ja NATO- und EU-Staaten, bisweilen Mitglieder beider Bündnisse, umfassen. Das Spannungsfeld zwischen Arbeitsteilung und „Schönheitswettbewerb“ beleuchtet er an dieser Stelle knapp.
Rückblick vor Ausblick: Zwischen Kaltem Krieg und Maritimer Sicherheit
Das zweite Hauptkapitel befasst sich mit den Wurzeln der europäischen Marinen im Kalten Krieg. Hierbei wirft die Studie ein Schlaglicht auf die NATO und die Westeuropäische Union. Stöhs nutzt die qualitative Differenzierung von Marinen, die der legendäre und leider 2019 verstorbene Marineexperte Eric Grove herausgearbeitet hat, um zwischen globalen Machtprojektionsmarinen am qualitativ und quantitativ oberen Ende des Spektrums (zum Beispiel USA) und nurmehr symbolischen Seestreitkräften am unteren Ende des Spektrums (zum Beispiel die Küstenwache Islands oder die Mini-Marinen Irlands und Maltas) zu unterscheiden. Es mag auf den ersten Blick überraschend erscheinen, die 2020er Jahre mit einem Rückgriff auf die 1980er Jahre zu beschreiben. Doch angesichts der langen Zeitlinien im Marinebereich – bei Planung, Beschaffung, Ausrüstung, Einsätzen ohnehin, aber auch angesichts der Kontinuitäten im maritimen Raum andererseits – ergibt dieser Ansatz Sinn. Als anekdotische Evidenz mag gelten, dass die in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren konzipierten Hauptseekriegsmittel der Deutschen Marine, die U-Jagd-Fregatten der Brandenburg-Klasse und die Luftverteidigungsfregatten der Sachsen-Klasse, bis heute das Rückgrat der Berliner Seemacht bilden. Dass diese Tatsache einerseits für den robusten deutschen Schiffbau, andererseits aber auch für eine wenig interessengeleitete Marinepolitik aufeinanderfolgender Bundesregierungen spricht, ist eine Schlussfolgerung, die nicht nur Stöhs und der Rezensent teilen.
Das dritte Hauptkapitel betitelt der Autor als jene Phase zwischen 1991 und 2001, in der den westlichen Marinen der Gegner abhandenkam. Die Sowjetunion mit ihrer ambitionierten maritimen Macht und ihren ernstzunehmenden Seekriegsmitteln implodierte; zusammen mit den Schiffen und Booten ihrer Verbündeten verrottete die Rotbannerflotte in den Häfen der nunmehr ehemaligen Staaten des Warschauer Pakts. Just in dieser Phase zeigte sich dann auch sehr deutlich der technische Vorsprung der europäischen und nordamerikanischen Kräfte. Angesichts eines fehlenden Herausforderers für die Seeherrschaft und des im Westen nach Ende des Kalten Krieges bestehenden Wunsches nach einer Friedensdividende wurden Bauprogramme kritisch überprüft, gekürzt, gestreckt oder ganz gestrichen. Gerade die vergleichsweise hochtechnologisierten, teuren Marinen mussten sich nun auf die Suche nach einer neuen raison d’être begeben. Laut Stöhs waren dies: ein Zurückfahren von Aufgaben (aus eigenem Antrieb), die Vertiefung teilstreitkräfteübergreifender Kooperation und Integration, die verstärkte internationale Kooperation sowie das Verfolgen asymmetrischer Strategien bei gleichzeitiger sprunghafter Hochtechnologisierung (134 f.). In diesem Kapitel kommen Stöhs intime (Er-)Kenntnisse des Marineschiffbaus erstmals voll zum Tragen, wenngleich an der einen oder anderen Stelle die Einflechtung von Strategiedokumenten aus dem maritimen Bereich zweckmäßig wäre. Als strategische Studie stößt Stöhs Buch an solchen Stellen gelegentlich an seine Grenzen. Seine Darstellungen, zum Beispiel über die dänischen und niederländischen Marinen anhand technologischer Entwicklungen, sind allerdings erhellend und konzise. Das Spannungsfeld zwischen neuen Aufgaben, alten Plattformen, revolutionärer Technologie und Sensorik, geografischer Neufokussierung und allgemeiner sicherheitspolitischer Neuordnung hat man in dieser deskriptiven und analytischen Klarheit bisher selten gesehen.
Die folgenden Ausführungen stellt Stöhs unter den programmatischen Titel „Land Wars and Financial Woes“. Er beschreibt damit die Phase zwischen der Ausrufung des „globalen Kriegs gegen den Terror“ infolge der Anschläge auf New York und Washington am 11. September 2001 einerseits und der russischen Landnahme der Krim und der Ostukraine 2014 andererseits. Diese Phase ist für Europas Streitkräfte durch einen Fokus auf Heer, Luftwaffe und Spezialkräfte sowie auf Counterinsurgency- und Counterterrorism-Operationen geprägt, die zudem weitgehend in Zentralasien stattfanden. Die Seestreitkräfte mussten ihre Aufgaben erst finden, wenngleich Einsätze von Kampfmittelräumern, medizinischem Personal und anderen Kräften gut auch fernab des Strandsaums belegt sind. Allerdings mussten viele der europäischen Staaten ihre Kräfte auf die spezifischen Anforderungen der neuen Kriege ausrichten, oft auf Kosten der maritimen Fähigkeiten. Kurz gesagt: Was nicht den letztlich erfolglosen Stabilisierungsoperationen in Afghanistan, im Irak und in Afrika diente, hatte in den Verteidigungsministerien einen schweren Stand. Marinen – vom Prinzip her hochspezialisierte Kräfte, oft in kleinen Stückzahlen beschafft und mit langen Planungs-, Bau- und Einsatzzeiten, die strategische Investitionen über Jahrzehnte darstellen – fielen zurück. Die Finanz- und Wirtschaftskrisen ab 2008 schmolzen das Kapital für Seestreitkräfte weiter zusammen. Man half sich entweder mit Adaptionen wie der Konstruktion neuer Fregatten (zum Beispiel der F125 Baden-Württemberg-Klasse der Deutschen Marine), einer umfassenden Neuorientierung der Marinen (etwa die Aufgabe sämtlicher Randmeerfähigkeiten im Falle Dänemarks) oder weiteren Kürzungen ohne gleichwertigen Ersatz. Durch eine zweifelhafte glückliche Fügung konnten Marinen ihre Fähigkeiten zumindest im Rahmen bestimmter Operationen einbringen: gegen den Terrorismus am Horn von Afrika und im Mittelmeer, zur Unterbindung des Waffenschmuggels an der Levante sowie gegen die aufflammende Piraterie vor Somalia. Um es mit Samuel Huntington zu sagen: Seestreitkräfte können das, werden aber letztlich dafür nicht gebaut.[4] Das Spannungsfeld, Hochwerteinheiten für niedere Aufgaben einzusetzen, wurde dadurch freilich nicht aufgelöst.
Zeitenwenden auf See
Nach 2014 sieht Stöhs eine neue Ära der Auseinandersetzung systemischer Natur von Europas Marinen gegen ein revanchistisches Russland und ein aufstrebendes China aufziehen. Diese wenigstens bis zu Russlands Vollinvasion in der Ukraine 2022 reichende Phase bedeutete ein einschneidendes Umschwenken von der Maritimen Sicherheit niedriger Intensität hin zu klassischen Seekriegsaufgaben sowie eine geografische Re-Fokussierung auf Europas Randmeere. Aus politischen Gründen gibt es gleichwohl immer noch globalere Einsätze, die für die geschrumpften Marinen einen erheblichen Spagat bedeuten. Der Klarstand von Einheiten und Personal litt zunehmend, auch durch die hohe Einsatzbelastung. Zwar hat Europa noch nicht die überlangen Einsätze der überdehnten US-Marine erreicht, doch der perfekte Sturm aus Zeitdruck, Nachwuchssorgen und dem nur langsam einsetzenden strategischen Umdenken in vielen Hauptstädten hat viele Seestreitkräfte an den Rand ihrer Kräfte gebracht. Flottenstruktur, Strategie und Operationen mussten parallel untersucht und angepasst werden – alles vor dem Hintergrund einer sehr realen Bedrohungslage. Die Schlussbetrachtung dazu werden wohl erst künftige Historiker und Marinewissenschaftler ziehen können.
Europäische Marinen in der Gesamtschau
Stöhs unternimmt seinerseits eine gefällige Kurzzusammenfassung, in der er anhand der von Geoffrey Till als roten Faden im Buch genutzten Methodik drei maritime Zukunftsvisionen beschreibt, die als systemzentriert, national konzentriert oder als Mischform aus Marineschiffbau, Seestrategie und Einsätzen charakterisiert werden könnten (448 ff.). Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass Stöhs ein überaus dichtes Buch vorgelegt hat, das für Fachleute von hohem Wert ist und sicherlich in keiner gut ausgestatteten maritimen beziehungsweise wissenschaftlichen Bibliothek fehlen darf.[5] Als Vademekum für die Entwicklung von Europas Seestreitkräften zwischen den beiden systemischen Auseinandersetzungen bis 1990 und seit 2014 wird es zu einem Standardwerk für Forschung und Lehre werden. Inwieweit seine Analysen und Ratschläge in der praktischen Marineplanung Niederschlag finden, bleibt hingegen abzuwarten – nicht zuletzt wegen des abschreckend hohen Anschaffungspreises. Angesichts der zu erwartenden enormen Opportunitätserträge wäre es dringend nötig, dass wenigstens Mid-Career-Professionals Zeit und Geld investieren, um Stöhs zu lesen und zu verstehen. Zwar sind Seestreitkräfte zumindest in Europa sehr operativ im Denken, da bleibt wenig Zeit für Literaturstudium – aber wer will, der kann.[6]
Ermutigend ist am Ende gleichwohl, dass der Verfasser von „European Naval Power. From Cold War to Hybrid Wars“ den maritimen strategischen Gedanken in Österreich und großen Teilen Europas zementiert hat. Der Autor bringt also alle Anlagen mit, um mit seinem steirischen Marine-Urahn Admiral Wilhelm Tegetthoff zumindest hinsichtlich des intellektuellen Impacts gleichzuziehen. Dass ein Österreicher mit amerikanischen Wurzeln in Deutschland über Europas Seestreitkräfte promoviert und seine Ergebnisse weltweit vorstellt und einbringt, ist jedenfalls ein schlagendes Argument für ein starkes, vernetztes und intellektuell agiles Europa, das sicherheitspolitisch aufgeklärt ist und maritim denkt.
Die Deutsche Marine als Instrument der Außen- und Sicherheitspolitik
Wer eine dezidiert bundesdeutsche Perspektive sucht, zugespitzt auf die Marine als Instrument der Außenpolitik, wird bei Moritz Brakes Studie fündig. Auch Brake, seines Zeichens studierter Nautiker und Marineoffizier mit einschlägigen Erfahrungen an Bord von Schiffen, ist es gelungen, hochrangige Persönlichkeiten für seine Publikation zu gewinnen. Gaby Bornheim (Vorsitzende des Verbands Deutscher Reeder) und Vizeadmiral Jan Christian Kaack (Inspekteur der Marine) steuern Vorworte zum vom Deutschen Maritimen Institut finanziell unterstützten Kompendium bei. Die Arbeit ist das Ergebnis eines mehrjährigen Promotionsstudiums (in Distanz) am King’s College London, das immer wieder Ort wichtiger marinehistorischer und marinestrategischer Qualifizierungsarbeiten ist. Vermutlich muss man konstatieren, dass eine solche Arbeit an einem Großteil deutscher Universitäten noch immer skeptisch bis ablehnend gesehen würde, da es um Militärthemen, Strategie, Krieg und Frieden geht.
Brakes Buch eröffnet mit einer Einbettung der Deutschen Marine in die maritime Kultur des Export-Vizeweltmeisters. Der Nexus zwischen sozialem Wohlstand, industrieller Agilität sowie maritimer Anfälligkeit und Abhängigkeit ist vielfach beschrieben worden, etwa in den Jahresberichten der Marineschifffahrtsleitung in Hamburg.[7] Methodisch greift der Kölner Autor auf die einschlägigen Werke und Vorlagen zurück, die die Nutzung der See und die Rolle von Seestreitkräften erklären helfen können.
Im zweiten Hauptkapitel nähert sich die Studie dem Verständnis von Deutschlands Nutzung der Marine zum Zwecke der Außenpolitik. In diesem Kontext hat es nur wenige Veröffentlichungen gegeben, was wohl nur teils auf die traditionell kontinentale Rolle und das landzentrierte Denken zwischen Füssen und Flensburg, zwischen Aachen und Görlitz zurückzuführen ist. Das letzte einschlägige, zumal deutschsprachige Großwerk zum Thema Seemacht und Außenpolitik datiert aus dem Jahre 1974 – weder Brake noch Stöhs waren damals auf der Welt.[8] Brake kann also einerseits aus dem Vollen schöpfen, da vieles unbearbeitet blieb. Andererseits bieten sich die großen Theoretiker natürlich an, um diese auf die Deutsche Marine beziehungsweise die Bundesrepublik zu applizieren. Brakes Kapitel ist hier wirklich hervorzuheben, bringt er doch verschiedene Stränge zusammen, die für die Analyse von Europas Seestreitkräften wichtig sind. Auch er kommt natürlich nicht an Geoffrey Till und dessen Modellen vorbei, ergänzt um die wenigen, dafür umso wichtigeren Studien zum Komplex Außenpolitik und Seemacht.
Von der Seeversessenheit zur Seevergessenheit zur Seebewusstheit
Keine Diskussion der modernen Deutschen Marine, die immerhin in diesem Jahr auch bereits ihren 70. Geburtstag feiert, kommt ohne die Rückgriffe auf die Vorgängermarinen und die über 175-jährige Geschichte deutscher Seestreitkräfte aus. Brake handelt dies dankenswerterweise prägnant und in der gebotenen Deutlichkeit ab. Die Frage nach maritimer Tradition ist ein wiederkehrendes Motiv im bundesrepublikanischen Diskurs, allerdings häufig anlassbezogen und negativ konnotiert. Im Spannungsfeld zwischen Traditionspflege und apolitischem Vorgehen – heute heißen die Kampfschiffe eher Ludwigshafen am Rhein und Weilheim i. d. Oberpfalz statt Rommel, Mölders und Lütjens – lässt sich das schwierige Verhältnis der Bonner und Berliner Republiken zum Thema Machtausübung, zumal über See, gut studieren. Die westdeutsche Bundesmarine als Gegenentwurf zu ihren Vorgängern und als Nukleus der heutigen Deutschen Marine bekommt bei Brake ihren entsprechenden Raum. Illustrativ und sinnstiftend sind Brakes Einschübe in Form von Kästchen, in denen kurz und knapp über die Aufgaben und Rollen von „kleinen Marinen“ oder der Niederschlag der Marine in offiziellen Dokumenten des Bundesverteidigungsministeriums zusammengestellt sind. Brake schöpft hier aus seiner großen didaktischen Erfahrung als Jugendoffizier in der sicherheits- und verteidigungspolitischen Bildung.
Das dritte Kapitel ist inhaltlich das stärkste, da es den Zusammenhang zwischen dem Regierungshandeln, maritimer Sicherheit und der Deutschen Marine beleuchtet. Brake vergleicht den Prozess der Strategiefindung und -umsetzung der Berliner Republik mit einer Pinball-Maschine und greift dabei auf ein ähnliches Bild von Geoffrey Till zurück.[9] Dem Leser begegnen in diesem Kapitel auch zahlreiche Illustrationen, von denen nicht immer ganz klar ist, ob sie für das Verständnis der Argumente wirklich unabdingbar sind. Die vom Verfasser eigens angefertigten handschriftlichen Skizzen von Kabinettsrunden und Glücksspielautomaten regen immerhin zum Schmunzeln an. Brakes Bezüge auf die Kanzlerschaften von Angela Merkel und Olaf Scholz wirken angesichts der Dynamik des Weltgeschehens bereits 2026 wie die Skizze aus einer anderen Ära – etwas, das freilich nicht dem Autor anzulasten ist. Seine Diskussion der Makers & Shapers maritimer Sicherheitspolitik in der Bundesrepublik gehört in jedes Grundlagenseminar zu diesem Thema und dürfte sich auch während und nach der Kanzlerschaft von Friedrich Merz (CDU, seit 2025) nicht grundlegend ändern.
Neuere deutsche Marinegeschichte als Außenpolitikgeschichte
Im weiteren Verlauf zeichnet Brake die zeitgeschichtliche Entwicklung der Bundesmarine vom Ende des Kalten Krieges bis zu den ersten Auslandseinsätzen in den 1990er Jahren nach, für ihn die „Phase 1“. Die Schlagworte „Südflanke“, „Sharp Guard“ und „Southern Cross“ werden herangezogen, um die rapide Entwicklung von Deutschlands „schwimmender Wehr“ von einer Seestreitkraft des Kalten Krieges hin zu einer im alliierten Verbund an Europas Südgrenzen und im nordwestlichen Indischen Ozean eingesetzten Marine zu veranschaulichen. Brake stützt sich hier im Großen und Ganzen auf wenige, einschlägige Werke und Zeitzeugeninterviews, die das Salz in der Suppe sind. Hinzu tritt ein vom Autor gestaltetes Wimmelbild (143), das die Einsätze der 1990er Jahre anhand von Auftrag, Charakteristika und Einfluss auf politische Prozesse methodisch wie kommunikativ prägnant einordnet.
Als „Phase 2“ wird die Zeit nach dem 11. September 2001 unter dem Vorzeichen des von den USA und ihren Alliierten ausgerufenen Krieges gegen den Terrorismus analysiert. Um „gute Ordnung auf See“ zu erreichen, habe sich die Deutsche Marine zu einer expeditionären Streitmacht entwickelt (145). Die These, dass die Marine von einer mit Konvoi- und Küstenverteidigungsaufgaben betrauten Teilstreitkraft des Kalten Krieges zu einer hemisphärischen Force übergegangen sei, stammt aus einer Analyse des damals in Potsdam tätigen Militärhistorikers Bernard Chiari. Dabei ist es durchaus strittig, insbesondere unter dem Gesichtspunkt der Ostseekriegsszenarien im Supermachtkonflikt, ob der Begriff Escort Navy zutreffend ist, denn das Bundesmarine-Portfolio war wenigstens aus Ostseesicht und der Perspektive der Marinejet-Piloten vielfältiger. Brakes Diskussion der Marineeinsätze, vor allem am Horn von Afrika unter der Operation Enduring Freedom (OEF) zur Sicherung des internationalen Seeverkehrs, ist jedenfalls erhellend, zumal noch immer Analysen dieses Elements der NATO-Artikel-V-Operationen rar gesät sind. Brakes roter Faden – viele Zeitzeugen, aber auch bestenfalls zu Interpretationen einladende Grafiken, die manchmal wie Lückenfüller wirken – zieht sich auch durch dieses Kapitel. Der Leser wird darin auch auf die Anti-Terrorismus-Operation Active Endeavour (OAE) und die humanitäre Mission in Banda Aceh in Folge des fürchterlichen Weihnachtstsunamis 2004 hingewiesen. Brake fasst seine Analysen abermals in einem Schaubild (187) zusammen.
Im darauffolgenden Kapitel widmet sich „Phase 3“ der UNIFIL-Mission im östlichen Mittelmeer, die 2026 nach zwei Jahrzehnten enden wird. Als erste Marinemission der Vereinten Nationen dürfte sie auch künftig auf großes Interesse in Wissenschaft, Marine und Politik stoßen, nicht zuletzt, um aus ihr entsprechende Lehren zu ziehen. Auch hier zählt Brake zu den Vorreitern, zumal manche Analysen inzwischen veraltet sind.[10] Deutlich wird bei UNIFIL nicht zuletzt, wie dankbar die deutsche Außenpolitik war, die Marine als diplomatisches Instrument einsetzen zu können, ohne „boots on the ground“ zuzusagen. Dass die für den Seekrieg in der Ostsee gebauten Schnellboote ihre letzten Seemeilen vielfach vor Beirut im Mittelmeer unter gänzlich anderen klimatischen Bedingungen abfuhren, spricht Bände. Der innere Abnutzungsprozess der Marine erfolgte um den Preis einer stetig schrumpfenden Flotte. Und: „Phase 3“ kann natürlich auch nicht ohne die Anti-Piraterie-Mission „ATALANTA“ auskommen, die Brake als Offizier im Einsatz auf der Fregatte KÖLN selbst miterlebt hat. Er ist damit einer der weltweit ganz wenigen Offiziere im blauen Tuch, die ihre Erfahrungen in strategische Analyse ummünzen – ein unschätzbarer Wert, der in vielen Zirkeln der Streitkräfte und erst recht an Universitäten leider selten gefördert wird.
Spätestens ab Anfang der 2010er Jahre steigt das operative Tempo für die deutschen Seestreitkräfte noch einmal stark an, wie aus Brakes Zusammenfassung (247) hervorgeht. Verschiedene Seenotrettungsoperationen im Mittelmeer, aber auch Anti-Terrorismus-Einsätze sorgen für den geografischen und operativen Overstretch der grauen Schiffe und Boote mit Bundesdienstflagge am Heck. Brake schließt seine Analyse mit einem Blick auf die Deutsche Marine in der Gegenwart und versteht Deutschlands neue weltpolitische Rolle und die Bedeutung und Nutzung der Marine als eng miteinander verzahnt. Mit Rückgriff auf die einschlägige Marinestrategietheorie der leider bereits verstorbenen britischen Vordenker Colin Gray und Eric Grove erklärt er Deutschlands Seegeltung neuer Qualität, die eben nicht nur auf eine große Flotte, sondern auch auf ein zunehmendes maritimes Denken sowie die maritime Abhängigkeit und Anfälligkeit rekurriert. Die Schlussfolgerung, dass die Deutsche Marine unter den Bedingungen des maritimen vernetzten 21. Jahrhunderts und mit Blick auf die Bündnisorientierung der Seestreitkräfte eine kosmopolitische Seemacht sei, ist eine sehr bildhafte Beschreibung, zumal er als letzten Gedanken die Kreation einer integrierten EU-Streitmacht einspleißt, was wiederum weitreichende Dynamiken im maritimen Denken voraus- bzw. in Gang setzt.
In der Zusammenfassung bedient sich der Kölner Politologe dann bei Julian Corbett und wendet dessen Prinzipien Maritimer Strategie auf Deutschland an (285 ff.). In zehn ebenso einfachen wie illustrativen Punkten liefert er die wohl beste Erklärung der Grundlagen und Ausprägungen deutscher maritimer Strategie der letzten Jahre. Aufgrund ihrer Prägnanz sollte sie in jeden wehrgeschichtlichen oder sozialwissenschaftlichen Unterricht gehören – und womöglich auch als Spickzettel an jede Pinnwand im Marinekommando beziehungsweise im Bundesministerium der Verteidigung.
Wie die von Jeremy Stöhs ist auch Moritz Brakes Arbeit vor der „Zeitenwende“ vom Februar 2022 entstanden, aber erst danach in Buchform erschienen. Richtigerweise zeichnet Brake in seinem Epilog den Zusammenhang zwischen Maritimer Sicherheit, ebenjener Zeitenwende und der Deutschen Marine auf. Die Diskussion der laufenden Maßnahmen der Marine und ihrer Einsätze beziehungsweise einsatzgleichen Operationen muss notwendigerweise kurz ausfallen. Die weitgehend kritiklose Übernahme der Talking Points des Inspekteurs der Marine wäre freilich an dieser Stelle verzichtbar gewesen, den umfassend positiven Gesamteindruck des Werkes schmälert das aber nicht. Im Gegenteil, zu häufig waren die wenigen sich mit Fragender Marine beschäftigenden wissenschaftlichen Werke überkritisch. Manche Studie konnte ihre Verortung in der kritischen, wiewohl militärfernen Friedens- und Konfliktforschung kaum verhehlen.[11]
Kurs und Fahrt
Es entbehrt nicht einer gewissen Tragik, dass sowohl Brake als auch Stöhs als auch der Rezensent selbst mittlerweile aus der Marinewissenschaft ausgeschieden sind und ihre Talente und Expertise anderweitig einbringen. Dass es bis heute keinen Lehrstuhl für Maritime Strategie, Sicherheitspolitik und Strategie gibt, ist schmerzlich. Umso gewichtiger erscheinen die Arbeiten von Stöhs und Brake, die alle Voraussetzungen mitbringen, sich als unverzichtbare Grundlagenliteratur in zeitgenössischer europäischer Marinestrategie zu etablieren. Eine große Verbreitung – auch in kondensierter Form, erschwinglich und intellektuell erreichbar für jedermann – ist beiden zu wünschen, um die nächste Generation von Seeexperten, Marineoffizieren und politischen Entscheidern zu informieren.
Anmerkungen:
[1] Schlüter, Holger (2025): Es läuft nicht rund, in: MarineForum 3/2025, S. 3; Bruns, Sebastian (2025): Und sie dreht sich doch, lieber Chefredakteur: Versuch einer optimistischen Gegenrede, in: MarineForum 4/2025, S. 51.
[2] Siehe u. a. Bruns, Sebastian / Stöhs, Jeremy (2024): Mare Nostrum Revisited. Maritime Competition in the Mediterranean, in: War on the Rocks, online unter https://warontherocks.com/mare-nostrum-revisited-maritime-competition-in-the-mediterranean/ [letzter Zugriff: 24.06.2026]; Brake Moritz / Bruns, Sebastian (2020): Towards a Standing European Union Auxiliary Navy, in: Friedrich-Ebert-Stiftung Brüssel, online unter https://collections.fes.de/publikationen/ident/fes/16408 [letzter Zugriff: 24.06.2026].
[3] Till, Geoffrey (2026): Seapower. A Guide for the Twenty-First Century, London: Routledge.
[4] Huntington, Samuel (1954): National Policy and the Transoceanic Navy, in: U.S. Naval Institute Proceedings, 80 (5).
[5] Leistbarer und noch von guter Aktualität sind Stöhs kostenfrei verfügbare Studien sowie sein aus der Masterarbeit entstandenes Erstlingswerk: Jeremy Stöhs (2018): The Decline of European Naval Forces. Challenges to Sea Power in an Age of Fiscal Austerity and Political Uncertainty, Annapolis: Naval Institute Press.
[6] Der Markt für (ggf. KI-zusammengefasste) Kurzanalysen, sei es im Format eines Reclam-Heftes oder als Podcastserie, könnte die Fleißarbeit von Stöhs zudem weiter veredeln.
[7] Dezernat Marineschifffahrtsleitung (2026): Die Maritime Abhängigkeit Deutschlands, online unter https://www.bundeswehr.de/de/organisation/marine/struktur/marineschifffahrtleitung/maritime-abhaengigkeit [letzter Zugriff: 24.06.2026].
[8] Mahncke, Dieter / Schwartz, Hans-Peter (Hg.) (1975): Seemacht und Außenpolitik, Frankfurt am Main: Alfred Metzner Verlag.
[9] Till, Geoffrey (2020): The Accidental Dialectic. The Real World and the Making of Maritime Strategy since 1945, in: Bruns, Sebastian / Papadopoulos, Sarandis (Hg.): Conceptualizing Maritime and Naval Strategy. Festschrift for Captain Peter M. Swartz, United States Navy (ret.), Baden-Baden: Nomos, S.13–32.
[10] Siehe z. B. Bruns, Sebastian (2012): UNIFIL’s Maritime Task Force and Germany’s Contribution, in: Chiari, Bernhard (Hg.): Auftrag Auslandseinsatz, Neueste Militärgeschichte an der Schnittstelle von Geschichtswissenschaft, Politik, Öffentlichkeit und Streitkräften, Freiburg/Berlin/Wien: Rombach.
[11] Z. B. Pfeiffer, Hermannus (2013): Seemacht Deutschland. Die Hanse, Kaiser Wilhelm II. und der neue Maritime Komplex, Berlin: Ch. Links Verlag.
Hinweis: Dieser Text erscheint zugleich in SIRIUS – Zeitschrift für Strategische Analysen.
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