/ 22.06.2013
Judith Michel
Willy Brandts Amerikabild und -politik 1933-1992
Göttingen: V&R unipress 2010 (Internationale Beziehungen. Theorie und Geschichte 6); 564 S.; geb., 67,90 €; ISBN 978-3-89971-626-9Diss. Bonn; Gutachter: J. Scholtyseck, H. Biermann. – „Die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten nahmen in der gesamten westdeutschen Nachkriegsgeschichte eine zentrale Rolle ein“ (13), schreibt Michel, und Brandt sei als Regierender Bürgermeister von Berlin, als Kanzler und Vorsitzender der SPD sowie schließlich als Vorsitzender der Sozialistischen Internationale ein wichtiger Akteur gewesen. Deshalb fragt sie in dieser Teilbiografie, inwieweit Brandts Amerikabild seine Entscheidungen beeinflusste und umgekehrt seine Wahrnehmungen durch seine transatlantischen Erfahrungen geprägt wurden. Die Autorin ordnet ihre Untersuchungsergebnisse verschiedenen Schemata zu, um so die Präferenzen Brandts auf den Punkt zu bringen. Festgemacht ist die Analyse an bestimmten Ereignissen, für die frühe Phase werden die Berlin-Krise 1948/49, die Wiederbewaffnung sowie der Mauerbau herangezogen, für die Bonner Zeit der Vietnamkrieg, die Ostpolitik und der europäisch-amerikanische Dialog zu Beginn der 70er-Jahre und für die „Altkanzlerzeit“ (29) der Nord-Süd-Konflikt und die Rüstungs- und Sicherheitspolitik in den 80er- und frühen 90er-Jahren. Auf der Basis einer kritischen Quelleninterpretation schreibt Michel, dass Brandt während seines Exils nur Kenntnisse über die USA aus zweiter Hand erwarb und versuchte, „Amerika mit Kategorien seines europäisch-sozialistischen Umfelds zu erklären“ (69), also zum Beispiel Wirtschaftsreformen als sozialistisch interpretierte. Zu diesem Kapitalismus/Sozialismus-Schema (das später praktisch verschwand) gesellte sich als weiteres eine Achtung vor den freiheitlich-demokratischen Traditionen der USA, die später an Gewicht gewann. Mit dieser Wahrnehmung exponierte sich Brandt früh in der SPD und erwarb sich bei zahlreichen USA-Besuchen einen Ruf als verlässlicher Partner. Für die Zeit von 1964 bis 1974 identifiziert Michel die Sicherheitsfrage als dominierendes Schema – die Wahrnehmung der USA als Schutzmacht und Bündnispartner im Kalten Krieg war politikprägend, diese Sicht schwächte sich während der Nachrüstungsdebatte ab und verstärkte sich nach dem Fall der Mauer wieder. Insgesamt war, so das Fazit, der Sozialdemokrat mit sozialistischer Herkunft in seiner Zugewandtheit zu den USA und mit seiner stabilen Orientierung an Demokratie und Sicherheit kein Wanderer „zwischen den Welten“ (517).
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.3 | 4.21
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Judith Michel: Willy Brandts Amerikabild und -politik 1933-1992 Göttingen: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/32652-willy-brandts-amerikabild-und--politik-1933-1992_38974, veröffentlicht am 19.11.2010.
Buch-Nr.: 38974
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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