/ 21.06.2013
Hans-Jürgen Degen / Jochen Knoblauch (Hrsg.)
Anarchismus 2.0. Bestandsaufnahmen. Perspektiven
Stuttgart: Schmetterling Verlag 2009; 313 S.; brosch., 14,80 €; ISBN 978-3-89657-052-9Die Herausgeber schließen mit diesem Sammelband an ihre 2006 veröffentlichte Einführung in den Anarchismus an (siehe ZPol-Nr. 27214). In den Beiträgen geht es nun um Erscheinungsformen des Anarchismus und seine theoretische Entwicklung seit 1945. Allerdings erfolgt die Zuordnung politischer und gesellschaftlicher Phänomene zum Anarchismus nicht nach klar umrissenen Kriterien. Ein auffälliges Beispiel dafür ist der verklärte Bericht über ein indigenes Volk in Bolivien, das sich selbst keineswegs als anarchistisch versteht. Leider hinterfragt die Autorin die Projizierung ihrer eigenen Vorstellungen nicht selbstkritisch. Der Bericht wird zudem im Kontext einer Betrachtung zum Anarchafeminismus präsentiert, dessen Forderungen wie die nach Gewaltfreiheit und Wertschätzung der Natur ohne nähere Ausführungen bleiben. Das gilt auch für das geforderte Engagement für eine Welt ohne „Rassismus, Sexismus, Antisemitismus, Nationalismus, Staatlichkeit, patriarchale Strukturen und Haltungen“ (91) – es fehlt die Diskussion darüber, wer dann die Menschen, die von anderen als Minderheit wahrgenommen und diskriminiert werden, schützt. Theoretisch gehaltvoller dagegen ist der Beitrag von Jens Kastner über die Frage, ob der Zapatismus ein Anarchismus ist. Der Autor arbeitet die Analogien heraus, kommt aber nicht zu einem unbedingt eindeutigen Ergebnis: Der Zapatismus bleibt als eine eigenständige politische Form bestehen. Vielleicht sollte der Anarchismus ein Zapatismus werden, meint Kastner. Unausgesprochen stellt auch er damit die zentrale Frage: Was ist der Anarchismus, der seine eigene Geschichte als politische Theorie vorzuweisen hat, heute? Als seine Grundsäulen benennen die Herausgeber Antistaatlichkeit, Antikapitalismus und persönliche Freiheit. Ralf G. Landmesser schließlich findet den Anarchismus als Bestandteil der Neuen Sozialen Bewegungen wieder, inklusive der Kaffeehandelskooperative „Café LIBERTAD“.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.22 | 2.313 | 2.331 | 2.65 | 2.27 | 2.25 | 5.43
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Hans-Jürgen Degen / Jochen Knoblauch (Hrsg.): Anarchismus 2.0. Stuttgart: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/29436-anarchismus-20_34831, veröffentlicht am 13.10.2009.
Buch-Nr.: 34831
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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