/ 20.06.2013
Christian Th. Müller / Patrice G. Poutrus (Hrsg.)
Ankunft - Alltag - Ausreise. Migration und interkulturelle Begegnung in der DDR-Gesellschaft
Köln/Weimar/Wien: Böhlau Verlag 2005 (Zeithistorische Studien 29); 341 S.; geb., 39,90 €; ISBN 978-3-412-14605-4Die Debatte über die Ursachen „der sich seit dem Ende des SED-Regimes geradezu dramatisch manifestierenden Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland“ (10) wird in diesem Band ausdrücklich nicht fortgesetzt. Vielmehr wird ein Beitrag zur historischen Migrations- und Zeitgeschichtsforschung geliefert, wobei die Perspektive „von unten“ wie beabsichtigt Aufschlüsse über den Zusammenhang von Herrschaft und Eigen-Sinn liefert. Die Aufsätze sind chronologisch zur Konfrontation der DDR-Gesellschaft mit als fremd wahrgenommenen Gruppen angeordnet. Dargestellt werden die Legitimationsprobleme, die sich für das SED-Regime aus der Präsenz der sowjetischen Soldaten ergab, die Diskriminierung der Vertriebenen und die vom Regime unerwünschten Einflüsse durch ausländische Studenten. Ferner zeigt sich, dass die SED zum politischen Asyl ein funktionelles Verhältnis besaß: Man hoffte, durch die Aufnahme politischer Flüchtlinge international an Einfluss und Anerkennung zu gewinnen. Ansonsten hatten sich diese vor allem anzupassen. Weitere „fremde“ Gruppen stellten die ausländischen Vertragsarbeiter sowie die polnischen Touristen dar. In der Begegnung mit Letzteren verbanden sich materielles Konkurrenzverhalten in der Mangelwirtschaft und fremdenfeindliche Stereotype, so die Erkenntnisse von Jonathan R. Zatlin. Statt zu einem wechselseitigen Verständnis sei es zur neuerlichen Manifestation von Animositäten der Deutschen gegenüber den Polen gekommen. Die offizielle, in Schlagworten transportierte Ausländerpolitik der SED sei also auf einen Eigen-Sinn der Bevölkerung gestoßen, schreiben die Herausgeber zusammenfassend, „die sich nicht selten unter Rückgriff auf tradierte Stereotype ihr ganz eigenes Bild von den Fremden machte“ (15). Tatsächlich bietet der Band, der auf einen Workshop am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam im Januar 2004 zurückgeht, damit durchaus eine Erklärung für die heutige Fremdenfeindlichkeit in den neuen Bundesländern: Das Gesellschaftsbild der dortigen Bevölkerung scheint sich unter dem Propaganda-Schutzschild zweier Diktaturen seit Jahrzehnten konserviert zu haben.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.314
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Christian Th. Müller / Patrice G. Poutrus (Hrsg.): Ankunft - Alltag - Ausreise. Köln/Weimar/Wien: 2005, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/23366-ankunft---alltag---ausreise_26797, veröffentlicht am 25.06.2007.
Buch-Nr.: 26797
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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