/ 21.06.2013
Sebastian Weitkamp
Braune Diplomaten. Horst Wagner und Eberhard von Thadden als Funktionäre der "Endlösung"
Bonn: Verlag J. H. W. Dietz Nachfolger 2008 (Politik und Gesellschaftsgeschichte 77); 491 S.; hardc., 48,- €; ISBN 978-3-8012-4178-0Geschichtswiss. Diss. Osnabrück. – Infolge des 2005 auch nach außen getragenen „Nachrufstreits“ über die interne Gedenkpraxis des Auswärtigen Amtes hat der damalige Außenminister Fischer eine internationale Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des AA im „Dritten Reich“ einberufen. Deren Forschungsergebnisse stehen weiter aus. Für die von den NS-Behörden als „Endlösung“ bezeichnete Vernichtung der jüdischen Bevölkerung legt diese aufwendig recherchierte Studie aber wichtige Ergebnisse vor. Anhand einer Untersuchung der Referatsgruppe Inland II, der zwischen 1943 und 1945 die Bearbeitung der „Judenfrage“ im AA oblag, wird anschaulich dargestellt, dass Arbeitseinheiten des Amtes und der SS bei der Organisation des Völkermords in enger Abstimmung und reibungslos kooperierten. Anhand ausführlicher Persönlichkeits- und Karrierestudien zweier Führungspersönlichkeiten wird der Frage nachgegangen, ob die aktive Kooperation bei der Vernichtungspolitik antisemitischem Denken entsprang oder die handelnden Personen entpolitisierte Rädchen im bürokratischen Getriebe der Vernichtungspolitik waren. Dass sowohl hemmungslose Karrieristen als auch Weltanschauungstäter an wichtigen Schalthebeln die Judenvernichtung betrieben haben, ist aus der Täterforschung bereits bekannt. In ihrer Detailfülle für das AA neu ist die Darstellung des bürokratischen Aufwands, der darauf verwandt wurde, die planmäßige Abwicklung des Völkermordes sicherzustellen. Gezeigt wird, wie zum Ende des Krieges gerade die „Judenpolitik“ dem AA und seinem Führungspersonal Möglichkeiten bot, den fast völlig verschwundenen außenpolitischen Handlungsspielraum zu kompensieren. Die Referatsgruppe Inland II bildete „ein Amalgam aus traditioneller Diplomatie und nationalsozialistischer Politikführung“ und stellte damit einen „Prototyp“ (451) dar, der womöglich nach einiger Zeit die klassischen Abteilungen in ihrer Form abgelöst hätte. Die Untersuchung der Folgekarrieren der beiden Protagonisten in der Bundesrepublik zeigt, dass diese sich bis zum Schluss weder juristisch noch moralisch schuldig fühlten.
Thomas Henzschel (TH)
Dr., Auswärtiges Amt, Arbeitsstab Iran.
Rubrizierung: 2.312 | 2.35
Empfohlene Zitierweise: Thomas Henzschel, Rezension zu: Sebastian Weitkamp: Braune Diplomaten. Bonn: 2008, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/29240-braune-diplomaten_34577, veröffentlicht am 17.11.2008.
Buch-Nr.: 34577
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Dr., Auswärtiges Amt, Arbeitsstab Iran.
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