/ 12.06.2013
Robert Lessmann
Das neue Bolivien. Evo Morales und seine demokratische Revolution
Zürich: Rotpunktverlag 2010; 252 S.; brosch., 21,50 €; ISBN 978-3-85869-403-4Lessmann ist kein Unbekannter in der Lateinamerika-Forschung und ein ausgewiesener Experte für Bolivien. Er hat selbst länger im Land gelebt und kennt die politische und wirtschaftliche Situation aus erster Hand. In seinem aktuellen Buch beschäftigt er sich mit dem vom ersten indigenen Präsidenten des Landes angestoßenen Wandlungsprozess, der seit 2005 ein ambitioniertes Programm zur „Neugründung Boliviens“ (135 f.) verfolgt. Kenntnisreich werden die wichtigsten Reformen der Regierung Morales analysiert und mit den aktuellen politischen Spannungen des Landes konfrontiert. Die größte Herausforderung der neuen Regierung sei es, „einen ‚Zusammenstoß der Kulturen‘ in einen ‚Dialog der Kulturen‘ [zu] überführen, damit Bolivien nicht auseinanderbricht“ (7). Neben der Verfassunggebenden Versammlung und der neuen Carta Magna wird der vielschichtige Konflikt um die Autonomieforderungen der Regionen, die Landreform, Ressourcen und Kokapolitik sowie neue Formen der Rechtsprechung eingehender behandelt. Natürlich wäre jeder dieser Punkte eine eigene Publikation wert, allerdings bietet der Autor einen guten Überblick über die vielschichtigen Facetten der „demokratische[n] Revolution“ (Untertitel), ohne dabei oberflächlich zu sein. Lessmann legt großen Wert auf die kulturellen und historischen Hintergründe, die zu einem besseren Verständnis der angestrebten Entkolonialisierung von Staat und Gesellschaft notwendig sind. Über die Hälfte des Buches wird darauf verwendet, die kulturellen Wurzeln der heutigen indigenen Bewegung bis in die präinkaische Epoche zurückzuverfolgen und das Scheitern des staatskapitalistischen und neoliberalen Wirtschaftsmodells zu erklären. Damit wird ein weiter Bogen gespannt, der mit der Wiederwahl von Evo Morales zum Präsidenten im Dezember 2009 endet. Beim Lesen spürt man die journalistischen Erfahrungen des Autors, sodass das Buch weniger den wissenschaftlichen Diskurs spiegelt, sondern vielmehr eine gut zugängliche und hochaktuelle Länderanalyse auch für Nicht-Experten darstellt.
Andreas Hetzer (AHE)
Diplom-Medienwirt, Lehrkraft für besondere Aufgaben, Fach Politikwissenschaft, Universität Siegen.
Rubrizierung: 2.65 | 2.22 | 2.23 | 2.262 | 2.263 | 4.22
Empfohlene Zitierweise: Andreas Hetzer, Rezension zu: Robert Lessmann: Das neue Bolivien. Zürich: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/14457-das-neue-bolivien_37976, veröffentlicht am 17.06.2010.
Buch-Nr.: 37976
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Diplom-Medienwirt, Lehrkraft für besondere Aufgaben, Fach Politikwissenschaft, Universität Siegen.
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