/ 17.06.2013
Martin Kühnel
Das politische Denken von Christian Thomasius. Staat, Gesellschaft, Bürger
Berlin: Duncker & Humblot 2001 (Beiträge zur Politischen Wissenschaft 120); 404 S.; 81,- €; ISBN 3-428-10260-6Politikwiss. Diss. Halle; Gutachter: R. Saage. - Frühaufklärung, Naturrecht und der erste wissenschaftliche Gebrauch der deutschen Sprache sind die Begriffe, an die jeder bei Thomasius denkt, aber jenseits dieser Schlagwörter weiß jedenfalls in der Politikwissenschaft kaum jemand etwas mit dem Hallenser Gelehrten anzufangen. Das könnte sich mit einer kleinen Thomasius-Renaissance ändern, in die neben einigen kürzeren Aufsätzen die Junius-Einführung von Schröder und vor allem dieser Band gehört, der die erste gründliche politikwissenschaftlich-ideengeschichtliche Gesamtuntersuchung des thomasischen Denkkosmos darstellt. Kühnel hält sich an die Trinität Thomasius' aus "Gerechtigkeit (Justum) als das Prinzip des Rechts, Anstand beziehungsweise Wohlanständigkeit (Decorum) als ein sozialethisches und Ehrlichkeit (Honestum) als individualethisches Prinzip" (21) - also eine ganz andere Dreiheit als das fast gleichzeitige "life, liberty, property" von Locke. Besonderes Interesse verlangten die gesellschaftsphilosophischen Ideen des Decorum (191 ff.), mit dem Thomasius die nicht-rechtlichen Grundlagen des Gemeinwesens fasst und die Kühnel hier erstmals in den Mittelpunkt rückt. Alle drei Ebenen Thomasius' werden untersucht in ihren Auswirkungen auf den Staat, den Bürger im Staat und das Individuum. Der Verfasser stellt die erheblichen Forschungskontroversen dar, erarbeitet sich sein eigenes analytisches Urteil aber wesentlich aus den Quellen, wobei er aus dem unübersichtlichen Werk Thomasius' vor allem die deutschen Schriften heranzieht. Das wird überzeugend damit begründet, dass es diese Arbeiten waren, mit denen Thomasius in die Öffentlichkeit seiner Zeit wirken wollte und auch gewirkt hat - eine Untersuchung Thomasius' ist somit auch ein Beitrag zur Entwicklung der frühen kritischen Öffentlichkeit in Deutschland, wie Richard Saage in seinem Geleitwort feststellt (6). Die Brüche und Widersprüchlichkeiten Thomasius' werden vom Autor nicht verschwiegen; zwischen Absolutismus und Rechtsstaat, zwischen emanzipatorischem Naturrecht und konservativer sozialer Hierarchie hat Thomasius vielfach gewechselt, vielleicht auch die Widersprüche überhaupt nicht als solche empfunden. Der souverän erarbeitete und nicht minder souverän sprachlich gefasste Band hat das Zeug zum Standardwerk.
Michael Dreyer (MD)
Prof. Dr., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 5.32
Empfohlene Zitierweise: Michael Dreyer, Rezension zu: Martin Kühnel: Das politische Denken von Christian Thomasius. Berlin: 2001, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/15011-das-politische-denken-von-christian-thomasius_17041, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 17041
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Prof. Dr., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
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