/ 05.06.2013
Bodo Ritscher / Rikola-Gunnar Lüttgenau / Gabriele Hammermann / Wolfgang Röll / Christian Schölzel (Hrsg.)
Das sowjetische Speziallager Nr. 2 1945-1950. Katalog zur ständigen historischen Ausstellung. Hrsg. im Auftrag der Gedenkstätte Buchenwald
Göttingen: Wallstein Verlag 1999; 320 S.; brosch., 29,- DM; ISBN 3-89244-284-3Die Weiternutzung des Konzentrationslagers Buchenwald durch die Sowjetunion nach 1945 galt in der DDR lange Zeit als tabu. Erst nach der Wiedervereinigung und mit der Öffnung sowjetischer Archive wurde das Lager einer intensiven historischen Analyse zugänglich. Der Katalog dokumentiert eine dabei entstandene und nicht nur in der regionalen Öffentlichkeit kontrovers diskutierte Ausstellung, die sich von Beginn an dem Vorwurf ausgesetzt sah, entweder das Konzentrationslager Buchenwald relativieren zu wollen, oder aber das auch nach 1945 begangene Unrecht unter den Teppich zu kehren. Denn die Todesrate in sowjetischen Internierungslagern lag weitaus höher als in westlichen Lagern. Von den über 28000 Häftlingen in Buchenwald kamen mehr als 7000 um. Vor diesem Hintergrund hatte die Ausstellung sich zum Ziel gesetzt, die Struktur und Vorkommnisse des Speziallagers näher zu erkunden. Volkhard Knigge, der Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora fasst in seinem Vorwort die dabei gewonnenen Erkenntnisse folgendermaßen zusammen: "Umreißt man den gegenwärtigen Kenntnisstand in bezug auf das Speziallager Nr. 2, dann läßt sich historisch begründet weder behaupten, das Lager habe der politischen Neutralisierung und Bestrafung von NS-Tätern und Kriegsverbrechern gedient, noch, es sei ein reines Instrument kommunistischen Terrors sowie der Sowjetisierung der SBZ/DDR gewesen." (8) Die einzelnen Bild- und Schriftdokumente werden jeweils mit knappen Erläuterungen kontextualisiert, indem etwa die Praxis der De-Nazifizierung auch in den Westzonen beschrieben oder aber der Aufbau der sowjetischen Militäradministration erläutert wird. Auf Kommentierungen hingegen wird nahezu vollständig verzichtet. Stattdessen werde Aufbau und Verwaltung des Lagers im Detail rekonstruiert. Ein Schwerpunkt der Ausstellung und des Kataloges liegt auf der Schilderung der konkreten Lebensbedingungen im Lager und dessen zeitgenössischer Beurteilung in der Öffentlichkeit vor und nach der Auflösung des Lagers im Jahre 1950. Schließlich werden ausgewählte Insassen des Speziallagers in Kurzbiographien porträtiert, um "die Spannbreite menschlicher Lebenswege zu umreißen, die sich mit dem Speziallager Nr. 2 verbinden" (213). Neben bekennenden Nationalsozialisten finden sich so etwa auch Personen, die unter dem Spionageverdacht für die USA in Buchenwald gefangengehalten wurden. Eine Zeittafel sowie Literatur- und Quellenverzeichnisse schließen den Band ab.
Manuel Fröhlich (MF)
Prof. Dr., Juniorprofessur für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.manuel-froehlich.de).
Rubrizierung: 2.312 | 2.314
Empfohlene Zitierweise: Manuel Fröhlich, Rezension zu: Bodo Ritscher / Rikola-Gunnar Lüttgenau / Gabriele Hammermann / Wolfgang Röll / Christian Schölzel (Hrsg.): Das sowjetische Speziallager Nr. 2 1945-1950. Göttingen: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/6589-das-sowjetische-speziallager-nr-2-1945-1950_8913, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 8913
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Prof. Dr., Juniorprofessur für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.manuel-froehlich.de).
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