/ 17.06.2013
Manuel Castells (Hrsg.)
Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft. Teil 1 der Trilogie: Das Informationszeitalter. Übersetzt von Reinhart Kößler
Opladen: Leske + Budrich 2001; XXX, 600 S.; geb., 34,77 €; ISBN 3-8100-3223-9Das unbestrittene Opus magnum über die Gesellschaft im Informationszeitalter des in Berkeley lehrenden Soziologen Castells erscheint auch in der deutschen Übersetzung in drei Teilbänden, die - so der Autor - obschon analytisch aufeinander bezogen doch separat gelesen werden können. Der erste Band setzt sich vor allem mit der Logik der Vernetzung auseinander ("The Rise of the Network Society", Oxford 1996), der zweite Band behandelt die Formierung moderner Identität ("The Power of Identity", Oxford 1997) und der dritte entwickelt eine zeitdiagnostische Deutung des ausgehenden 20. Jahrhunderts ("The End of Millennium", Oxford 1998).
Die weltweiten Prozesse der Enttraditionalisierung, Individualisierung und Globalisierung, die vielen - darunter nicht wenigen Sozialwissenschaftlern im Zeichen von Chaostheorien und postmodernem Pluralismus - als "meta-soziale Unordnung" erscheinen (535), möchte Castells im Rahmen einer "explorativen Theorie" in einem analytischen Konzept einfangen, das der Perspektive der globalen Transformation angemessen ist und sich zugleich gegen "intellektuellen Nihilismus, gesellschaftlichen Skeptizismus und politischen Zynismus" wendet (4). Seine Schlüsselkategorie ist die der informationellen Gesellschaft (der etwas ungenauere Titel der Trilogie stellt eine Konzession an die Benutzerfreundlichkeit dar [22], im Abstraktionsgrad der "industriellen Gesellschaft" Raymond Arons vergleichbar. Die informationelle Gesellschaft - das ist der Leitgedanke - bildet sich in einem seit den 80er-Jahren beobachtbaren Prozess heraus, in dem sich die Etablierung der neuen Informationstechnologien und die kapitalistische Neustrukturierung gegenseitig überlappen und verstärken. Bei aller Unterschiedlichkeit hinsichtlich kultureller und institutioneller Rahmenbedingungen sind "informationelle Gesellschaften, so wie sie heute bestehen, kapitalistisch" (21) - und nicht mehr etatistisch (wie zu Zeiten des Staatssozialismus). Die Konturen dieses Gesellschaftstyps entwickelt Castells hier - ausgehend vom revolutionären Charakter der neuen Informationstechnologie - zunächst anhand einer Analyse der durch Globalisierung und Vernetzung geprägten neuen Wirtschaftsform sowie der dadurch ausgelösten Transformation von Arbeit und Beschäftigung. Der zweite Argumentationsstrang bezieht sich auf die - im weiten Sinne - kulturellen Implikationen der technisch vernetzten Medien. Diese betreffen einerseits die Systeme der Massenkommunikation selbst, andererseits führen sie ebenso zu einer Transformation des urbanen (physischen) Raums - ablesbar an der Herausbildung der global cities - wie zu einer Auflösung der traditionellen, an der Abfolge von Ereignissen orientierten Zeitvorstellung durch die einer virtuellen, zeitlich ungebundenen Kommunikation. Schon der erste Band der Trilogie beeindruckt durch die Souveränität, mit der Castells eine Fülle von empirischem Material theoretisch strukturiert - die Empirie dient ihm, der "kein Buch über Bücher" beabsichtigte (26), allein zur Begründung seiner Hypothesen über die Herausbildung einer neuen Gesellschaftsstruktur. Das gibt ihm zugleich die Freiheit für ebenso anregende wie bestreitbare Deutungen des neuen, auf Netzwerken beruhenden Modus der Vergesellschaftung, in dem "die Macht der Ströme [...] Vorrang [gewinnt] gegenüber den Strömen der Macht" (527).
Thomas Mirbach (MIR)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.2 | 5.42 | 2.21 | 2.23
Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Manuel Castells (Hrsg.): Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft. Opladen: 2001, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/15595-der-aufstieg-der-netzwerkgesellschaft_17780, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 17780
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
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