/ 11.06.2013
Tomasz Szarota
Der deutsche Michel. Die Geschichte eines nationalen Symbols und Autostereotyps. Aus dem Polnischen von Kordula Zentgraf-Zubrzycka
Osnabrück: fibre 1998 (Klio in Polen 3); 421 S.; 74,- DM; ISBN 3-929759-38-1In dieser überarbeiteten deutschen Ausgabe seiner 1988 zum ersten Mal in Polen erschienenen Arbeit verfolgt Szarota die Spur des deutschen "Nationalsymbols", des deutschen Michel durch die Jahrhunderte. Dabei gelingt ihm ein faszinierender und facettenreicher Gang durch Höhen und Tiefen der deutschen Geschichte, die in meist satirisch überspitzter Form auch ihren Niederschlag in der Figur des deutschen Michel gefunden haben. Die erste Erwähnung dieser Figur macht er in einem Text von Sebastian Franck aus dem Jahre 1541 aus. Seit diesem Zeitpunkt wurden dem Michel eine Fülle von Persönlichkeitsattributen nachgesagt, die ihm meist sinnbildlich mit unterschiedlichen Kopfbedeckungen von der Schlafmütze, der Jakobinermütze bis zur Pickelhaube "aufgesetzt" wurden. Zugleich brachte man ihn mit der historischen Persönlichkeit Hans Michael Elias von Obentraut aus dem Dreißigjährigen Krieg oder dem Erzengel Michael in Verbindung. In Karikaturen wurde er auf die Schippe genommen und in politischer Propaganda instrumentalisiert. So verweist Szarota darauf, daß die Zipfelmütze auf seinem Kopf "eng mit der Parole vom Erwachen Deutschlands verbunden ist" (14). Aber auch die Etymologie des Michel ist umstritten, und Szarota stellt einige mögliche sprachliche Ursprünge vor. Das materialreiche Buch beinhaltet eine Vielzahl von Karikaturen, wobei etwa die komplette Auswertung des "Kladderadatsch" und des "Simplicissimus" eine wesentliche Grundlage der Darstellung bildet.
Inhalt: I. Zur Genese des Begriffs "deutscher Michel"; II. Der deutsche Michel als Symbol des Kampfes gegen das Fremde im 17. Jahrhundert; III. Monoglott - "Vetter Michel" – Philister; IV. Heroisierung des Symbols: Hans Michael Elias von Obentraut (1574-1625) und die Geschichte seiner Legende; V. Der deutsche Michel in der Zeit des Völkerfrühlings; VI. Von der Niederlage der Revolution bis zum Untergang des Kaiserreiches (1849-1918); VII. In der Weimarer Republik und Österreich (1918-1932); VIII. Der deutsche Michel im Dritten Reich; IX. Nach dem Zweiten Weltkrieg; X. Der deutsche Michel in den Augen der Polen und Franzosen; XI. Der deutsche Michel - Autostereotyp und Deutschenbild in der Welt.
Manuel Fröhlich (MF)
Prof. Dr., Juniorprofessur für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.manuel-froehlich.de).
Rubrizierung: 2.3 | 2.31
Empfohlene Zitierweise: Manuel Fröhlich, Rezension zu: Tomasz Szarota: Der deutsche Michel. Osnabrück: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/11020-der-deutsche-michel_13027, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 13027
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Prof. Dr., Juniorprofessur für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.manuel-froehlich.de).
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