/ 06.06.2013
Heinrich Wefing
Der Fall Demjanjuk. Der letzte große NS-Prozess
München: C. H. Beck 2011; 231 S.; 19,95 €; ISBN 978-3-406-60583-3Im NS-Vernichtungslager Sobibor wurden vom Frühjahr 1942 bis zum Herbst 1943 250.000 Menschen ermordet. John Demjanjuk soll während dieser Zeit dort als Trawniki, als ukrainischer Hilfssoldat, gedient haben. Am 30. November 2009, fast 70 Jahre nach den Schrecken des Holocaust, begann in München der Prozess gegen den mittlerweile 91-Jährigen. Der Journalist Wefing erörtert den Prozess in seinem zeitgeschichtlichen Kontext und dokumentiert die Hintergründe des Falls Demjanjuk. Er kritisiert die deutsche Justiz dafür, dass sie nach dem Krieg von 36.000 Strafverfahren gegen Nationalsozialisten in nur 204 Fällen auf Mord erkannt und in nur 166 Fällen eine lebenslange Freiheitsstrafe verhängt habe. Viele NS-Offiziere seien damals freigesprochen oder zu sehr geringen Haftstrafen verurteilt worden. Demjanjuk hingegen sei ein einfacher Kolchose-Bauer gewesen, der als Rotarmist von der Wehrmacht gefangen genommen, im berüchtigten Lager Stalag 319 inhaftiert und aus dessen katastrophalen Verhältnissen heraus als Trawniki angeworben worden sei. Aus diesem Grund sieht Wefing in ihm einen „Irrläufer der Weltgeschichte, in dessen Biographie alle Schrecken und Verwerfungen des 20. Jahrhunderts eingeschrieben sind“ (22). Der Autor stellt das Leben Demjanjuks im Lichte der mit dem Prozess verbundenen juristischen und moralischen Fragestellungen dar. So bewertet Wefing das Urteil gegen ihn – Demjanjuk wurde zu fünf Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, bis zum Abschluss des Revisionsverfahrens aber auf freien Fuß gesetzt – als juristischen Türöffner für die Strafverfolgung der „fremdvölkischen Hilfswilligen“ (211). Diese Gruppe wurde von der deutschen Justiz bisher nicht strafrechtlich belangt. Neben der juristischen Klärung von Schuld und Täterschaft dient der Prozess nach Ansicht von Wefing nicht zuletzt auch der historischen Dokumentation, denn durch ihn konnten die Schrecken im Lager Sobibor, das nach dem Aufstand der Häftlinge im Herbst 1943 von den Nationalsozialisten dem Erdboden gleichgemacht wurde, niedergeschrieben werden.
Marinke Gindullis (MG)
Politikwissenschaftlerin.
Rubrizierung: 2.35 | 2.1 | 2.312
Empfohlene Zitierweise: Marinke Gindullis, Rezension zu: Heinrich Wefing: Der Fall Demjanjuk. München: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/9142-der-fall-demjanjuk_39654, veröffentlicht am 08.09.2011.
Buch-Nr.: 39654
Inhaltsverzeichnis
Rezension drucken
Politikwissenschaftlerin.
CC-BY-NC-SA