Skip to main content
/ 21.06.2013

Der Weg zurück

Ulrike Goeken-Haidl

Der Weg zurück. Die Repatriierung sowjetischer Kriegsgefangener und Zwangsarbeiter während und nach dem Zweiten Weltkrieg

Essen: Klartext 2006; 573 S.; brosch., 39,90 €; ISBN 978-3-89861-615-7
Diss. Freiburg/Br.; Gutachter: U. Herbert, B. Bonwetsch. – Nachdem Jakob Dschungaschwili in Kriegsgefangenschaft geriet, veranlasste sein Vater Josef Stalin die üblichen Schritte: Er ließ seine Schwiegertochter verhaften und das Enkelkind in ein Heim bringen. „Für sich selbst nahm Stalin eine Ausnahme von der verfügten Regel in Anspruch – dem zitierten Befehl gemäß hätte er als Vater eines Vaterlandverräters verbannt werden müssen.“ (18) Einen Gefangenenaustausch zugunste...
Ulrike Goeken-Haidl

Der Weg zurück. Die Repatriierung sowjetischer Kriegsgefangener und Zwangsarbeiter während und nach dem Zweiten Weltkrieg

Essen: Klartext 2006; 573 S.; brosch., 39,90 €; ISBN 978-3-89861-615-7
Diss. Freiburg/Br.; Gutachter: U. Herbert, B. Bonwetsch. – Nachdem Jakob Dschungaschwili in Kriegsgefangenschaft geriet, veranlasste sein Vater Josef Stalin die üblichen Schritte: Er ließ seine Schwiegertochter verhaften und das Enkelkind in ein Heim bringen. „Für sich selbst nahm Stalin eine Ausnahme von der verfügten Regel in Anspruch – dem zitierten Befehl gemäß hätte er als Vater eines Vaterlandverräters verbannt werden müssen.“ (18) Einen Gefangenenaustausch zugunsten seines Sohnes lehnte er ab. Und dieser kannte die Regeln der stalinistischen Militärdoktrin, wonach jeder Kriegsgefangene (und jeder verschleppte Zwangsarbeiter) so zu behandeln war, als ob er sich freiwillig in die Hände des Feindes begeben hätte. Stalins Sohn zog seine Konsequenzen: Er rannte in den elektrischen Zaun des Lagers Sachsenhausen. Vermutlich war er schon tot, als ihn die Kugel aus der Waffe eines Wachmanns traf. Dschungaschwili war keineswegs der einzige Sowjetbürger, der den Tod einer Heimkehr vorzog, denn der kollektive Kollaborationsverdacht lastete auf etwa fünf Millionen Menschen. Aber die „USA und Großbritannien hatten sich im Vertrag von Jalta im Februar 1945 verpflichtet, sämtliche sowjetische Staatsbürger an die sowjetischen Truppen auszuliefern“, schreibt die Autorin in ihrer beeindruckenden Studie. Die Umsetzung dieser Vereinbarung hatte „zum Teil bestürzenden Begleiterscheinungen“ wie „Massenselbstmorde, Hungerstreiks und andere Widerstandsmaßnahmen“ (20) und zwar nicht nur derjenigen, die tatsächlich mit den Deutschen kollaboriert hatten. Vor allem US-Soldaten protestierten deshalb gegen ihren Einsatz bei der Zwangsrepatriierung – sobald ihre eigenen Staatsbürger aus dem sowjetischen Machtbereich ausgereist waren, stellten die westlichen Alliierten die erzwungene Rückkehr der Sowjetbürger ein. Goeken-Haidl zeichnet die Behandlung der Rückkehrer durch die sowjetischen Behörden und Militärs nach, sie wurden in Lager gesperrt, zur Zwangsarbeit eingesetzt und hungerten. Die Mehrheit von ihnen erreichte erst 1946/1947 ihre Heimatorte und wurde noch Jahrzehnte lang diskriminiert.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 4.12.622.25 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Ulrike Goeken-Haidl: Der Weg zurück. Essen: 2006, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/26908-der-weg-zurueck_31402, veröffentlicht am 16.08.2007. Buch-Nr.: 31402 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA