/ 17.06.2013
Richard Overy
Die Wurzeln des Sieges. Warum die Alliierten den Zweiten Weltkrieg gewannen. Aus dem Englischen von Jürgen Charnitzky
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 2002; 496 S.; 12,90 €; ISBN 3-499-61314-XDie Aussicht der Achsenmächte, den Zweiten Weltkrieg für sich entscheiden zu können, sei mit dem strategischen Fehler Hitlers, einen Zwei- und schließlich Mehrfrontenkrieg einzugehen, sowie der durch den US-Kriegseintritt am 11. Dezember 1941 bedingten erdrückenden Ressourcenüberlegenheit der Alliierten gänzlich obsolet geworden. Gegen diese "herrschende Lehrmeinung" in der Geschichtswissenschaft wendet sich der britische Historiker Overy nachdrücklich. Seine Analyse lässt erkennbar werden, dass der alliierte Sieg im Zweiten Weltkrieg keineswegs so zwangsläufig und axiomatisch war, wie er heute erscheinen mag. Vielmehr sei der Kriegsausgang noch sehr viel länger offen gewesen als bislang vermutet. Der Autor weist in der frühen Phase des Krieges (1939-1941) eine erhebliche Schwäche in der Kampfkraft und -technik aufseiten der Alliierten nach. Erst über einen längeren, von der deutschen Niederlage in Stalingrad 1942/1943 bis zur alliierten Landung in der Normandie im Juni 1944 reichenden Zeitraum sei es der UdSSR, Großbritannien und den USA gelungen, militärisch die Oberhand zu gewinnen. Nach Auffassung des am King's College in London lehrenden Historikers war es vor allem die effizientere Ausschöpfung verfügbarer Potenziale und die höhere Motivation der vom Verteidigungswillen und der Gerechtigkeit der eigenen Sache durchdrungenen Völker, welche die "Wurzeln des Sieges" der Alliierten begründeten. Von entscheidender Bedeutung erwies sich gleichermaßen die Flexibilität des Stalinismus, der mit der Proklamation des "Großen Vaterländischen Krieges" erfolgreich an den Patriotismus der Sowjetbürger appellierte. Dem Autor ist in seiner Absage an eine zu deterministische Sichtweise vom Verlauf der Auseinandersetzungen sicherlich zuzustimmen. Allerdings betont er in seiner Argumentation vor allem die europäische Dimension des Konfliktes, ohne auf die Vorkommnisse im pazifischen Raum gleichermaßen ausführlich einzugehen. So anregend dieses "Meisterwerk der analytischen Geschichtsschreibung" (Sunday Times) auch zu lesen ist, die Stichhaltigkeit vieler Argumente kann erst die Erschließung bislang unzugänglicher Quellen in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion und damit verbunden der weitere Fortgang der wissenschaftlichen Diskussion zeigen.
Stefan Gänzle (GÄ)
Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 2.312
Empfohlene Zitierweise: Stefan Gänzle, Rezension zu: Richard Overy: Die Wurzeln des Sieges. Reinbek bei Hamburg: 2002, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/15428-die-wurzeln-des-sieges_17568, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 17568
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