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/ 17.06.2013
Helmut Willke

Dystopia. Studien zur Krisis des Wissens in der modernen Gesellschaft

Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2002 (suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1559); 291 S.; kart., 11,- €; ISBN 3-518-29159-9
Als Fortsetzung seiner Studie über Effekte räumlicher Entgrenzungen, die sich aus dem Übergang nationalstaatlich organisierter Industriegesellschaften zu transnationalen Konstellationen ergeben (Atopia. Studien zur atopischen Gesellschaft. Frankfurt a. M. 2001), behandelt Willke Konsequenzen der Transformation der Industrie- zur Wissensgesellschaft. Dieser Prozess ist - freilich in erster Linie für Gesellschaften, die von den "Zwängen der Existenzsicherung befreit" sind (11) - aus systemischen Gründen krisenhaft. Die Wissensgesellschaft ist auf die gezielte Erzeugung von Wissen (als einer spezifischen kommunikativen Praxis) angewiesen, ohne zugleich über die Kompetenz im Umgang mit Nichtwissen zu verfügen. Dieser Umstand gewinnt seine eigentliche Brisanz aus Willkes leitender Prämisse, derzufolge die moderne Form des Wissens in der Differenz von Wissen/Nichtwissen besteht, dieses Nichtwissen jedoch als "prinzipiell nicht aufhebbare Ungewißheit möglicher Ereignisse" mit jedem Wissen erzeugt wird (11). Diese grundsätzliche Unkalkulierbarkeit hinsichtlich möglicher Folgen kennzeichnet die dominanten Symbolsysteme moderner Gesellschaften (Wissen, Macht, Geld): sie sind "längst so komplex geworden, dass sie der Ordnungsform der Hierarchie entwachsen" (250 f.). Willke diskutiert diese sich aus der Eigenlogik der Symbolsysteme entstehenden chaotisierenden Effekte - sie bilden die andere, "dystopische" Seite der Symbolsysteme - als Krisis des Wissens, des Wirtschaftens und des Regierens. Politikwissenschaftlich relevant sind zumal seine ebenso anregenden wie provozierenden Überlegungen zur Frage, ob sich unter den Bedingungen der Wissensgesellschaft die "Intelligenz von Demokratie" (Lindblom) überhaupt noch mit der "Intelligenz dezentraler, verteilter und vernetzter Expertise" messen kann (262 ff.). Inhalt: Die Krisis des Wissens; Die Krisis des Wirtschaftens; Die Krisis des Regierens; Eine Ökonomie des Wissens; Eine Politik des Wissens; Das Diábolon der Wissensgesellschaft; Der Preis der Einäugigkeit.
Thomas Mirbach (MIR)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.422.2 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Helmut Willke: Dystopia. Frankfurt a. M.: 2002, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/15491-dystopia_17654, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 17654 Rezension drucken
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