/ 17.06.2013
Helmuth Plessner
Grenzen der Gemeinschaft. Eine Kritik des sozialen Radikalismus. Mit einem Nachwort von Joachim Fischer
Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2002 (suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1540); 145 S.; 8,50 €; ISBN 3-518-29140-8Die Studie Plessners aus dem Jahr 1924 ist auch eine Kampfschrift gegen kommunistische und nationalistische Gedankengerüste, doch deren Kern kann man treffend als Sozialanthropologie fassen, und als solche ist die Bezeichnung der Schrift als Klassiker eine vollauf berechtigte Empfehlung. Plessner fragt, ob die Forderung nach einer Gemeinschaft anstatt einer Gesellschaft Berechtigung jenseits eines radikalen Protests finden kann. Dabei versteht er unter Gemeinschaft die "gesinnungsmäßige Preisgabe eines Rechts auf Distanz zwischen Menschen im Ideal gemeinschaftlichen Aufgehens in übergreifender organischer Bindung" (28) und unter Gesellschaft eine bloße "Einheit des Verkehrs unbestimmt vieler einander unbekannter und durch Mangel an Gelegenheit, Zeit und gegenseitigem Interesse höchstens zur Bekanntschaft gelangender Menschen" (80). Dem Programm der Gemeinschaft stellt sich Plessner in verschärfter Form, weil er nicht die (selbstverständliche?) Distanzforderung der Körperlichkeit des Menschen zum Ausgangspunkt macht, sondern dessen geistige Seite. Nachdem in den Kapiteln 2 und 3 die Positionen des Gemeinschaftsgedankens entwickelt wurden, zeigt das 3. Kapitel negative Grenzen der Gemeinschaft auf, z. B. dass ein Zeichen von Gemeinschaft, nämlich Liebe, in der unpersönlichen Beziehung großer sozialer Einheiten wenn überhaupt dann nur flüchtig möglich ist. Das 4. Kapitel setzt dann positiv bei dem geistigen Menschen an und entwickelt aus dessen grundsätzlicher Potenzialität die Notwendigkeit der äußeren Distanz. In diesem Zusammenhang wird die Beziehung zur Körperlichkeit unter den Begriffen der Lächerlichkeit und Würde analysiert. Daran schließt Plessner eine Betrachtung von Verfahren zur Bildung einer solchen Distanz an, die allesamt auf einem im Menschen angelegten Rollenverhalten basieren. Kapitel 6 widmet sich dann der Grundstruktur der Öffentlichkeit, die unter den Bedingungen des Rollenverhaltens und des situativen Entscheidens nur künstliche, einem gehegten Egoismus folgende Übereinkünfte zulässt. Gerecht wird man dem Gegenüber dabei durch Diplomatie und Takt. Eine solche Künstlichkeit ist mitnichten ein saurer Apfel, in den man beißen muss, sondern notwendig für die unbedrohte Entfaltung der psychischen Seite des Menschen. Das letzte Kapitel beschreibt dann die Grundzüge der Politik in der gesellschaftlichen Konstellation, die von der Klugheitsmoral der Öffentlichkeit bestimmt ist. Die Beschränkung der Schrift auf einen Bereich des Lebens neben der Liebesgemeinschaft (z. B. Familie) und der Sachgemeinschaft ist dabei immer zu beachten. Doch für diesen Bereich ist das Werk ein so grundlegender Versuch, dass man glaubt, Plessner habe einen Fahrplan des 20. Jahrhunderts bei der Niederschrift vor sich gehabt - und 1989 dürfte nicht die letzte Haltestelle gewesen sein, an der das Büchlein den ins Blaue Reisenden entgegenwinkt.
Guido Koch (GK)
Dr., Politikwissenschaftler, Qualitätsmanagment, GESIS - Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften.
Rubrizierung: 5.42
Empfohlene Zitierweise: Guido Koch, Rezension zu: Helmuth Plessner: Grenzen der Gemeinschaft. Frankfurt a. M.: 2002, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/15091-grenzen-der-gemeinschaft_17140, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 17140
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Dr., Politikwissenschaftler, Qualitätsmanagment, GESIS - Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften.
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