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/ 21.06.2013
Thomas Albrich / Winfried R. Garscha / Martin F. Polaschek (Hrsg.)

Holocaust und Kriegsverbrechen vor Gericht. Der Fall Österreich

Innsbruck/Wien/Bozen: Studien Verlag 2006; 364 S.; geb., 29,90 €; ISBN 978-3-7065-4258-6
Welchen Beitrag leistete die österreichische Justiz bei der Verfolgung der Täter des Holocausts und bei der Sühne von Kriegsverbrechen? Im Mittelpunkt des Bandes steht die Spruchpraxis österreichischer Volks- und Geschworenengerichte zu einzelnen Tatkomplexen, u. a. dem Novemberpogrom 1938, der Euthanasie oder Verbrechen im KZ Mauthausen bis zum Holocaust. Österreichische Gerichte fällten bis in die 70er-Jahre in knapp 600 Verfahren Urteile wegen nationalsozialistischer Tötungsverbrechen. Entsprechen diese Zahlen dem tatsächlichen Umfang der begangenen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder hat die österreichische Nachkriegsjustiz versagt? Welche Schwierigkeiten hemmten die Strafverfolgung? Sind die spektakulären Freisprüche der 60er- und 70er-Jahre typisch für den österreichischen Umgang mit NS-Verbrechen? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt der Beiträge des Sammelbandes, dessen empirische Basis 561 Prozesse wegen NS-Tötungsverbrechen sind, die analysiert wurden. Der Band stellt das Ergebnis einer dreieinhalbjährigen Kooperation von drei Forschungsgruppen aus Wien, Graz und Innsbruck zum Umgang der österreichischen Nachkriegsjustiz mit dem Holocaust und den Kriegsverbrechen dar. Im Rahmen dieses Forschungsprojektes wurde eine vollständige Übersicht sämtlicher österreichischer Urteile wegen NS-Gewaltverbrechen mit Todesfolge erarbeitet. Auf dieser Grundlage wurde die Ahndung von NS-Gewaltverbrechen sowohl synchron – bezogen auf regionale Unterschiede in der Rechtsprechung, vor allem im ersten Jahrzehnt nach dem Krieg – als auch diachron – bezogen auf die Unterschiede zwischen Volks- und Geschworenengerichtsbarkeit – analysiert. Die Autoren der Studie gelangen zu dem zentralen Ergebnis, dass sich die österreichische Justiz „nach 1945 – trotz zum Teil berechtigter Kritik an einzelnen Verfahren und Urteilen – wesentlich intensiver, als in der Öffentlichkeit bekannt oder von in- und ausländischer Kritik anerkannt wird, mit den Verbrechen des Holocaust und Kriegsverbrechen auseinandergesetzt“ (9) hat.
Sabine Steppat (STE)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.42.232.312 Empfohlene Zitierweise: Sabine Steppat, Rezension zu: Thomas Albrich / Winfried R. Garscha / Martin F. Polaschek (Hrsg.): Holocaust und Kriegsverbrechen vor Gericht. Innsbruck/Wien/Bozen: 2006, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/26330-holocaust-und-kriegsverbrechen-vor-gericht_30670, veröffentlicht am 25.06.2007. Buch-Nr.: 30670 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA