/ 07.06.2013
Sybille Steinbacher (Hrsg.)
Holocaust und Völkermorde. Die Reichweite des Vergleichs. Hrsg. im Auftrag des Fritz Bauer Instituts
Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag 2012 (Jahrbuch 2012 zur Geschichte und Wirkung des Holocaust); 248 S.; kart., 24,90 €; ISBN 978-3-593-39748-1Schon in „zahlreichen zeitgenössischen Aufzeichnungen ist ein deutliches Bewusstsein dafür vorhanden, die außergewöhnlichen Untaten an der jüdischen Bevölkerung dringend dokumentieren zu müssen, um die Deutung des Geschehens später nicht den Tätern zu überlassen“ (141), stellt Andrea Löw fest. Im Warschauer und anderen Ghettos wurden Archive angelegt, in denen sich die Überzeugung spiegelte, dass der Holocaust einzigartig war – so nahmen es verstört und entsetzt Opfer wie Beobachter wahr. Entsprechend vorsichtig ist Dieter Pohl hinsichtlich der Überlegung, dieses „präzedenzlose[.] Verbrechen“ (107) vergleichend zu analysieren. Er plädiert stattdessen dafür, es in den Kontext der Geschichte einzuordnen. Dieser Ansatz bildet die Basis aller Beiträge in diesem Band, der auf eine Konferenz zurückgeht, die das Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien und das Fritz Bauer Institut veranstaltet haben. Pohl schreibt weiter, dass die Kontexte des Mordes an den Juden „in der Brutalisierung der europäischen Politik ab 1918“ zu suchen seien, „vor allem aber in der allgemeinen Gewalt, die die Nationalsozialisten, ihre Anhänger und Verbündeten ausgeübt haben“ (123). Wiederholt wird in den Beiträgen von den Thesen des Historikerstreits Abstand gewahrt, in dem Ernst Nolte die nationalsozialistischen Konzentrationslager mit dem stalinistischen Terror zu erklären versucht hatte. Sybille Steinbacher betont einleitend vielmehr, dass über eine Kontextualisierung die Holocaust‑ und die noch neue Genozidforschung verbunden werden könnten. Es gehe um eine „umfassende Weitung des analytischen Ansatzes in räumlicher, zeitlicher und methodischer Perspektive“ (23). Donald Bloxham fragt in diesem Sinne (frei nach Ludwig Wittgenstein) nach „‚Familienähnlichkeiten’“ (218) von Gewaltaktionen und Philipp Ther plädiert für eine deutlich voneinander getrennte Wahrnehmung von Genozid und ethnischen Säuberungen, um nicht den Blick auf unterschiedliche Absichten und Umsetzungen zu verstellen. Einen Eindruck, wie erhellend die Umsetzung des – in diesem gelungenen Band insgesamt sehr vorsichtig ausgeloteten – Ansatzes der Kontextualisierung sein kann, vermittelt der Beitrag von Wolf Gruner darüber, was jüdische und nichtjüdische Deutsche zu Beginn der 1930er‑Jahre vom Genozid an den Armeniern 1915/16 wussten. Das Ergebnis ist erschütternd: Das Wissen über diesen Massenmord war weit verbreitet und im öffentlichen Bewusstsein tief verankert – entsprechend zogen schon die Zeitgenossen Parallelen zur beginnenden Judenverfolgung. An deren Absicht dürfte also wenig Zweifel bestanden haben.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 5.2 | 2.312 | 2.35 | 2.23 | 2.25
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Sybille Steinbacher (Hrsg.): Holocaust und Völkermorde. Frankfurt a. M./New York: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/9219-holocaust-und-voelkermorde_43170, veröffentlicht am 21.02.2013.
Buch-Nr.: 43170
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