/ 12.06.2013
Benno Teschke
Mythos 1648. Klasse, Geopolitik und die Entstehung des europäischen Staatensystems. Aus dem Englischen übersetzt von Reinhart Kößler
Münster: Westfälisches Dampfboot 2007 (Theorie und Geschichte der Bürgerlichen Gesellschaft 22); 307 S.; 39,90 €; ISBN 978-3-89691-122-3Diss. London (LSE); Gutachter: J. Rosenberg. – Teschke stellt die allgemein gängige These vom Westfälischen Frieden als dem Ausgangspunkt der internationalen Beziehungen infrage und die Ereignisse vor und nach 1648 in einen größeren Zusammenhang. Weit ist dahingehend auch sein Argumentationsweg, der ihn theoriegeschichtlich unter anderem über den strukturellen Neorealismus von Kenneth Waltz, den historisch orientierten Konstruktivismus John Gerard Ruggies sowie über den neomarxistischen Ansatz von Justin Rosenberg führt. Es folgen die Darstellung einer Theorie über die geopolitischen Beziehungen im Mittelalter, die Entstehungsgeschichte über die sich hier herausbildende Staatenvielfalt in Europa und schließlich eine Betrachtung über die Entwicklung des feudalen Systems hin zum Absolutismus. Teschke verdeutlicht dabei, dass sich „Ökonomie und Politik, Inneres und Internationales niemals unabhängig voneinander” (246) konstituieren lassen und dass sich der Kern der internationalen Beziehungen in den Eigentumsverhältnissen befindet. Für ihn steht das Eigentum, das – unabhängig davon, ob feudalistische, absolutistische oder moderne kapitalistische Bedingungen herrschen – nicht allein eine wirtschaftliche Erscheinung ist, in einer engen Wechselbeziehung zu politischer und militärischer Macht, die im Bereich der internationalen Politik wiederum der Sicherung, der Reproduktion sowie der Vergrößerung des Eigentums selbst dienen. Damit aber degradiert Teschke die internationalen Beziehungen als solche zu einem mechanischen und funktionalistischen Prinzip in einer Welt, in der die Staaten miteinander um die vorderen Rangplätze konkurrieren. Der Autor rüttelt hier nicht nur am Mythos von 1648 selbst, sondern zugleich auch am Selbstverständnis einer ganzen wissenschaftlichen Disziplin. Dass Teschke damit Widerspruch herausfordert, scheint gewiss, und dennoch liefert er einen interessanten, wenn auch rein materialistischen Gedanken zur Diskussion, der über die zahlreichen Rechtschreib- und Formatierungsfehler im Werk hinwegsehen lässt.
Michael Vollmer (MV)
M. A., Politikwissenschaftler, wiss. Mitarbeiter, Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, TU Chemnitz.
Rubrizierung: 4.1
Empfohlene Zitierweise: Michael Vollmer, Rezension zu: Benno Teschke: Mythos 1648. Münster: 2007, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/14423-mythos-1648_35715, veröffentlicht am 27.01.2009.
Buch-Nr.: 35715
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M. A., Politikwissenschaftler, wiss. Mitarbeiter, Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, TU Chemnitz.
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