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/ 06.06.2013
Andreas Heilmann

Normalität auf Bewährung. Outings in der Politik und die Konstruktion homosexueller Männlichkeit

Bielefeld: transcript 2011 (Gender Studies); 351 S.; 29,80 €; ISBN 978-3-8376-1606-4
Diss. HU Berlin; Begutachtung: H. M. Nickel. – Stereotype homosexueller Männlichkeit dienten in der deutschen Politik lange Zeit als Abgrenzungsfolie der heterosexuellen Männlichkeit des wahren Staatsmanns. Heute hingegen scheinen homosexuelle Spitzenpolitiker Teil der bundesdeutschen Normalität zu sein. Die Unvereinbarkeitsannahme von Homosexualität und einer hegemonialen „männlichen Herrschaft“ (Bourdieu) wurde durch das Outing des heutigen Berliner Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit und die darauf folgende Serie von Outings männlicher Spitzenpolitiker unterschiedlicher Parteien erschüttert. Diese „Outing-Kaskade“ (11) ist der empirische Hintergrund für die Studie von Heilmann. Sie ist am Schnittpunkt einer praxeologischen Männlichkeitsforschung mit einer von Foucault inspirierten Normalisierungstheorie verortet und insbesondere an der poststrukturalistisch informierten Hegemonietheorie Laclau/Mouffes orientiert. Heilmann fragt: „Wie und warum normalisiert sich homosexuelle Männlichkeit im printmedialen Diskurs der Politiker-Outings?“ (16) Der Soziologe untersucht dazu drei Analyseebenen: den „strukturellen Kontext des politischen Feldes“ (17), die „Outing-Praxen“ (16) der Politiker Volker Beck, Klaus Wowereit, Ole von Beust und Guido Westerwelle sowie die „Subjektivierungen homosexueller Politiker-Männlichkeit im printmedialen Diskurs“ (16). Besonders interessant ist das Teilergebnis, dass die printmedialen Diskurse neun stereotypische Subjektpositionen normalisieren, die den homosexuellen Politiker als effeminiert, triebhaft, als besseren Mann, als Männerbündler, Spaßpolitiker, als Berufsschwulen, bürgerlichen Schwulen oder als urbanen Staatsmann konstruieren (246 ff.). Insbesondere das Stereotyp des urbanen Staatsmannes stellt „die exklusive Gültigkeit der Heterosexualitätsnorm“ erfolgreich infrage, indem Homosexualität mit dem „Image gesellschaftlicher Progressivität und Modernität“ (319) artikuliert wird. So zeigt Heilmanns Arbeit u. a., dass die neue Toleranz gegenüber Homosexuellen enge Grenzen kennt und nur so weit reicht, wie sich Spitzenpolitiker den Mustern hegemonialer Männlichkeit unterordnen. Die deutsche Gesellschaft ist vermutlich nach wie vor weit davon entfernt, Politiker mit transsexuellen Identitäten ins Amt zu wählen.
Marius Hildebrand (HIL)
M. A., Politikwissenschaftler, Doktorand, Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.362.3312.355.42 Empfohlene Zitierweise: Marius Hildebrand, Rezension zu: Andreas Heilmann: Normalität auf Bewährung. Bielefeld: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/9152-normalitaet-auf-bewaehrung_40271, veröffentlicht am 17.11.2011. Buch-Nr.: 40271 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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