/ 17.06.2013
Eric Voegelin
Ordnung und Geschichte. Band I: Die kosmologischen Reiche des Alten Orients - Mesopotamien und Ägypten. Hrsg. von Jan Assmann. Aus dem Englischen von Reinhard W. Sonnenschmidt
München: Wilhelm Fink Verlag 2002 (Periagoge); 286 S.; Ln., 25,90 €; ISBN 3-7705-3584-7Voegelin hatte sich im Herbst 1938 im amerikanischen Exil bereit erklärt, eine "History of Political Ideas" zu verfassen. Geplant war ein Lehrbuch von 250 Seiten. Alle in Aussicht genommenen Termine verstrichen, das Werk wurde mehreren Revisionen unterworfen. Entstanden sind schließlich sechs Bände, deren letzter posthum 1987 erschien. Voegelin hatte sich eine systematische Philosophie der Politik und der Geschichte zum Ziel gesetzt, die in den USA unter dem Namen "Order and History" erschien und jetzt in deutscher Übersetzung herausgegeben wird. Der erste Band liegt vor und beschäftigt sich auf 125 Seiten, eingerahmt von zahlreichen Vor- und Nachwörtern, mit den altorientalischen Reichen Mesopotamien und Ägypten.
"Order and History" ist das "Produkt eines sich über Jahrzehnte hinziehenden Reflexions- oder richtiger: Meditationsprozesses" (225), wie der Herausgeber des Gesamtwerkes, Opitz, schreibt. Die Wiedergewinnung der Transzendenz sei das Ziel von Voegelins gesamtem wissenschaftlichen Werk gewesen. Er gehe von einer Realität jenseits der Pläne konkreter menschlicher Wesen aus, deren Ursprung und Ziele zwar unbekannt blieben, an der der Mensch aber dennoch partizipieren könne. Das Sein gliedere sich in Gott und Mensch, Welt und Gesellschaft. "Die Gemeinschaft an dieser Viererstruktur ist ein Datum menschlicher Erfahrung." (39) Angesichts dieser Erfahrung entwickele sich das Bedürfnis, die Beziehungen und Spannungen zwischen den unterscheidbaren Momenten des Seinsfeldes einsichtig zu machen. Dies geschehe durch Symbole. Sie sollen die im Wesentlichen unerkennbare Ordnung des Seins soweit als möglich verstehbar machen. Den Prozess von Erfahrung und Symbolisierung durch die Geschichte kennzeichnet Voegelin als den "Hauptgegenstand der Studie" (41). Im ersten Band untersucht er die altorientalischen Reiche, die ihre Gesellschaft als ein Analogon des Kosmos verstanden. "Der kosmologische Mythos tauchte in einer bestimmten Anzahl von Kulturen auf, ohne daß zwischen diesen ein wechselseitiger Einfluß erkennbar wäre." Es scheint sich also um ein typisches Phänomen der Menschheitsgeschichte zu handeln, eine "erste symbolische Form, die von Gesellschaften erschaffen wird, sobald sie sich über die Stufe von Stammesgesellschaften erheben" (53). Die zweite grundlegende Symbolisierungsform ist in den Worten Voegelins die "Analogie mit der Ordnung einer menschlichen Existenz, die gut auf das Sein eingestimmt ist" (43). Der Erfolg des menschlichen Darstellers in diesem Drama hänge von seiner Einstimmung auf die dauerhafteren und umfassenderen Ordnungen von Gesellschaft, Welt und Gott ab. Als das Vertrauen in den Kosmos als Quelle menschlicher Ordnung zusammenbrach, folgte die Suche nach etwas Beständigerem als der sichtbaren Welt. Dies nennt Voegelin die Einstimmung auf den unsichtbaren Gott, die zugleich der Übergang vom Polytheismus zum Monotheismus war. Diesen Schritt vollzog zuerst das Volk Israel, dem er sich in den nächsten beiden Bänden zuwendet.
Inhalt: Jan Assmann: Zur Einführung (17-23); Eric Voegelin: Die kosmologischen Reiche des Alten Orients - Mesopotamien und Ägypten (25-164); Jan Assmann: Anmerkungen (172-173). Zum Verständnis des Werkes: Peter Machinist: Mesopotamien in Eric Voegelins Ordnung und Geschichte (177-212); Jan Assmann: Nachwort (213-224); Peter J. Opitz: Vom "System der Staatslehre" zur "Philosophie der Politik und der Geschichte": Zur Entstehungsgeschichte von Eric Voegelins Order and History (225-286).
Henry Krause (HK)
Dipl.-Politologe, Referatsleiter, Sächsische Landeszentrale für politische Bildung, Dresden.
Rubrizierung: 5.46 | 5.42
Empfohlene Zitierweise: Henry Krause, Rezension zu: Eric Voegelin: Ordnung und Geschichte. Band I: München: 2002, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/15926-ordnung-und-geschichte-band-i_18214, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 18214
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Dipl.-Politologe, Referatsleiter, Sächsische Landeszentrale für politische Bildung, Dresden.
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