/ 17.06.2013
Hans-Rainer Beck
Politische Rede als Interaktionsgefüge: Der Fall Hitler
Tübingen: Max Niemeyer Verlag 2001 (Linguistische Arbeiten 436); X, 225 S.; kart., 53,17 €; ISBN 3-484-30436-7Linguist. Diss. Konstanz. - Becks Arbeit entstand im Kontext des DFG-Projekts "Theatrale Inszenierungen politischen Handelns in den Medien". Untersuchungsgegenstand der linguistischen Analyse sind sieben Reden Hitlers aus dem Zeitraum vom Februar 1933 bis zum Februar 1944. Besonderes Augenmerk gilt dabei dem Zusammenspiel zwischen stilistischen, prosodischen und semantischen Mustern sowie der jeweils zu beobachtenden Interaktion zwischen Publikum und Redner. Grundlage der Untersuchung müssen dabei die Tonaufzeichnungen der Reden sein. Lautstärke oder Betonung werden im Text durch den Einsatz von Markierungen und Chiffren lesbar gemacht. Die einzelnen Reden werden dabei jeweils in unterschiedliche Phasen unterteilt und die Anteile bzw. der Einsatz von Rhythmisierung oder etwa Adversität herausgearbeitet.
Die Arbeit geht weitgehend quantifizierend vor; gleichwohl werden die Reden und Publikumsreaktionen in knappe Ausführungen zum zeithistorischen Kontext eingebettet. Bei der Auswahl wurde Wert darauf gelegt, dass die Reden (u. a. im Berliner Sportpalast, dem Danziger Artushof oder dem Münchener Löwenbräukeller) nicht vor ausschließlich geladenen Gästen oder Angehörigen spezifischer Gruppen (Partei, Militär) gehalten wurden.
Im Ergebnis beobachtet Beck jeweils Phasen dichter und weniger dichter Interaktion zwischen Redner und Publikum. Der Blick auf den Zusammenhang zwischen Stil und Publikumsreaktion ergibt etwa, dass "Applaus als Ratifizierungsart tendenziell formalen Stil in der vorausgegangenen, d. h. mit der Ratifizierung 'gemeinten' Redneräußerung [verlangt]" (174). Drohungen würden nie belacht, Diffamierungen uneinheitlich ratifiziert und Ironie vor allem belacht. Beck lehnt sich am Begriff des Charismas an und spricht bezüglich der untersuchten Reden zunächst von einem "auf Dauer gestellt[en] Charisma" (193): "Hitler kann nach 1933 machen was er will, wenn er redet, zumal er immer seltener redet: Seine seltenen Auftritte werden bis 1943 noch ersehnt und erwartet." Das Jahr 1942 stelle insofern einen Bruch dar, als dass Ironie und Häme deutlich zurückgingen und statt dessen das Element der Drohung deutlich häufiger eingesetzt werde. Hitler beschränke sich zudem immer mehr auf wenige Auftritte vor kleinen Gruppen, die im Zusammenhang mit der Anfangszeit der NSDAP standen.
Manuel Fröhlich (MF)
Prof. Dr., Juniorprofessur für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.manuel-froehlich.de).
Rubrizierung: 2.24 | 2.312
Empfohlene Zitierweise: Manuel Fröhlich, Rezension zu: Hans-Rainer Beck: Politische Rede als Interaktionsgefüge: Der Fall Hitler Tübingen: 2001, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/15082-politische-rede-als-interaktionsgefuege-der-fall-hitler_17127, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 17127
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Prof. Dr., Juniorprofessur für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.manuel-froehlich.de).
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