/ 22.06.2013
Alexander Gallus / Axel Schildt (Hrsg.)
Rückblickend in die Zukunft. Politische Öffentlichkeit und intellektuelle Positionen in Deutschland um 1950 und um 1930
Göttingen: Wallstein Verlag 2011 (Hamburger Beiträge zur Sozial- und Zeitgeschichte 48); 480 S.; 39,- €; ISBN 978-3-8353-0871-8Als Epochenfigur erscheint Thomas Mann auf dem Einband. Seine intellektuellen Positionen prägten die Zeit unmittelbar vor und nach dem Nationalsozialismus. Er steht für eine liberale Mitte, um die sich die politische Öffentlichkeit drehte – noch und wieder. Die Herausgeber dieses fulminanten Bandes sind versiert in der deutschen Intellektuellengeschichtsschreibung, so entfalten sie ein breites Gedankenspektrum, dessen Übergangscharakter ebenso wie die extremen Enden sich zu vermessen lohnen. Am Ende der Weimarer Republik fanden demokratische Publizisten ihre Arbeit zu einem Scherbenhaufen zusammengekehrt, daher spricht Sebastian Ullrich vom langen Schatten der ersten Demokratie. Claus-Dieter Krohn wertet die „Mythen-Zerstörer“ (53) der 20er-Jahre u. a. am Beispiel von Hans Zehrer als empfängliche Anti-Intellektuelle der NS-Zeit, die in Manier des „Fragebogens“ Ernst von Salomons viele Ideen selbstgefällig in die Bonner Zeit hinüberzuretten suchten. Auf der dem Band zugrunde liegenden Tagung in Hamburg 2009 wurde jedoch deutlich, dass Bonn auch in intellektueller Hinsicht nicht gleich Weimar ist. Zwar konstatiert Alexander Gallus für Protagonisten der „Weltbühne“ nach 1945 eine fehlende „Tribüne“, doch machte sich die Zurückhaltung der Geistesgrößen langfristig bezahlt: Neue Gedanken formierten sich in der Akzeptanz eines grundsätzlichen Meinungspluralismus – das zeichnet Friedrich Kießling u. a. an Eugen Kogon nach, der eine unveräußerliche Humanität zum Läuterungsprozess nach dem Holocaust zählte. Demokratie hat aber für Kogon – wie an Artikeln aus den „Frankfurter Heften“ illustriert – eine feste Wertebasis, sie ist weder bequem noch beliebig. Aus heutiger Sicht hat der Kalte Krieg diesen Kanon positionsübergreifend zementiert; insofern ist der Slogan „Marx, Mao, Marcuse“, dem Tim B. Müller nachspürt, besonders reizvoll – in Herbert Marcuse zeigt sich aller Widerspruch der amerikaliebenden Amerikakritik: Dialektisch ist zu nennen, wie die Zuspitzung des Systemgegensatzes und Beiträge zur Entspannungspolitik einhergingen. Ob sich Thomas Mann damit hätte anfreunden können?
Sebastian Liebold (LIE)
Dr., Politologe und Zeithistoriker, wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 2.31 | 2.311 | 2.313 | 2.35 | 5.46
Empfohlene Zitierweise: Sebastian Liebold, Rezension zu: Alexander Gallus / Axel Schildt (Hrsg.): Rückblickend in die Zukunft. Göttingen: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/33904-rueckblickend-in-die-zukunft_40628, veröffentlicht am 25.08.2011.
Buch-Nr.: 40628
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Dr., Politologe und Zeithistoriker, wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Technische Universität Chemnitz.
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