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/ 11.06.2013
Richard Lourie

Sacharow. Biographie. Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz

München: Luchterhand 2003; 637 S.; geb., 30,- €; ISBN 3-630-88008-8
Wann beginnt jemand, der seine Gedanken äußert, ein Dissident zu sein? Diese Grenze war in der Sowjetunion eine Grauzone, die von der politischen Führung immer wieder neu definiert wurde. Sacharow, der 1975 für seinen Einsatz für die Menschenrechte mit dem Friedensnobelpreis geehrt wurde, bewegte sich lange in dieser Grauzone, wie der amerikanische Publizist und Schriftsteller Lourie eindrucksvoll beschreibt. Als Erfinder der sowjetischen H-Bombe sei es Sacharow möglich gewesen, sich für Menschen einzusetzen, die politischen Repressionen ausgesetzt waren. Anfangs sei er auch keinesfalls als Dissident betrachtet worden, so Lourie. Um ihn als Physiker nicht zu verlieren, sei er als „leichtgläubiger Träumer abgestempelt" (322) worden. Sacharow aber sei sich mittlerweile der politischen Verantwortung bewusst geworden, die sich aus der H-Bombe ergab. 1968 wurde er international bekannt, als die New York Times seinen Essay „Gedanken über Fortschritt, friedliche Koexistenz und geistige Freiheit" druckte. Sacharow setzte sich für eine Konvergenz der Systeme ein, mit dem Ziel, die Freiheit, die Menschenrechte und einen dauerhaften Frieden zu erreichen. Damit hatte er endgültig die Grauzone verlassen und war zum Dissidenten geworden. Den Nobelpreis durfte er nicht selbst entgegen nehmen, später folgten sieben Jahre Verbannung in Gorki. Lourie vermeidet sorgfältig, Sacharow zu glorifizieren. Dennoch wird sehr deutlich, wie mutig und unbeirrbar sich Sacharow für die Menschenrechte einsetzte. Auch habe er immer nur für sich selbst gesprochen und sich dabei seine persönliche Integrität bewahrt. Im Gegensatz zu vielen anderen Dissidenten habe Sacharow frühzeitig in Gorbatschow einen Hoffnungsträger gesehen - auch wenn sie ganz sicher nicht immer einer Meinung gewesen seien.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.622.1 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Richard Lourie: Sacharow. München: 2003, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/9471-sacharow_22856, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 22856 Rezension drucken
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