Skip to main content
/ 17.06.2013
Ulrike Ackermann

Sündenfall der Intellektuellen. Ein deutsch-französischer Streit von 1945 bis heute

Stuttgart: Klett-Cotta 2000; 269 S.; 20,20 €; ISBN 3-608-94278-5
"Nie waren sich Frankreich und Deutschland wirtschaftlich so nahe, und nie standen sie sich kulturell gesehen derart fremd gegenüber [...]. Sie fusionieren ihre Märkte und entwerfen die Einheitswährung. Doch geistig verstehen sie sich nicht." (12) So zitiert die Autorin den französischen Intellektuellen André Glucksmann und nimmt diesen Ausspruch als ihr Leitmotiv. Sie untersucht die "immer wiederkehrenden manifesten und latenten Denkfiguren" (15) in ausgewählten deutschen und französischen Debatten, vornehmlich unter linksliberalen Intellektuellen. Sie entdeckt eine fast exakt spiegelverkehrte Entwicklung. "Aus der anfänglichen positiven Faszination der französischen Intellektuellen durch den 'linken' Totalitarismus in den Fünfzigerjahren entwickelte sich über die Jahrzehnte ein Milieu und Denkraum, deren gemeinsamer Bezugspunkt ein dezidiert antitotalitäres Selbstverständnis war." (13) Dagegen waren die Anfangsjahre der Bundesrepublik von einem antitotalitären Grundkonsens geprägt. Dieser sei nicht - wie in Frankreich - unter dem Eindruck von Ereignissen in Osteuropa oder der Sowjetunion aufgebrochen, sondern durch innenpolitische Entwicklungen, namentlich die 68er-Bewegung. Der Antitotalitarismus wurde ersetzt durch den Antifaschismus und den Anti-Antikommunismus. In der Folge - und das sei der Sündenfall der deutschen Intellektuellen - versäumten diese, Kontakte zu intellektuellen Dissidentengruppen in Osteuropa aufrechtzuerhalten, und seien nach wie vor nicht in der Lage, auf das Ende des Kommunismus adäquat zu reagieren. Inhaltsübersicht: 1. "Trügerischer Frieden": Deutsche und französische Intellektuelle im Streit um den Krieg in Ex-Jugoslawien; 2. Zurück zu den Anfängen: Antitotalitäre europäische Intelligenz im Kongreß für kulturelle Freiheit; 3. Der Streit um Totalitarismustheorien; 4. Der Gulag-Schock 1974; 5. Die Intellektuellen und der Zusammenbruch des Kommunismus; 6. "Weltanschauung" von links; 7. Erinnerung des 20. Jahrhunderts: Intellektuelle zwischen Kontinuität und Bruch.
Markus Lang (ML)
Dr., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 2.352.3132.615.435.422.23 Empfohlene Zitierweise: Markus Lang, Rezension zu: Ulrike Ackermann: Sündenfall der Intellektuellen. Stuttgart: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/15384-suendenfall-der-intellektuellen_17511, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 17511 Rezension drucken
CC-BY-NC-SA