/ 07.06.2013
Annett Schulze / Thorsten Schäfer (Hrsg.)
Zur Re-Biologisierung der Gesellschaft. Menschenfeindliche Konstruktionen im Ökologischen und im Sozialen
Aschaffenburg: Alibri Verlag 2012; 209 S.; kart., 16,- €; ISBN 978-3-86569-088-3Schon immer galt für bestimmte Denkweisen der Hinweis auf die (vermeintliche) menschliche Natur als eines der wichtigsten Argumente. Die vielleicht stärkste Ausprägung findet sich in der Biologisierung. Diese ist als der Versuch zu verstehen, die Natur zu essentialisieren, um objektive Gesetzmäßigkeiten der menschlichen Gesellschaft abzuleiten. Vom Sozialdarwinismus bis zur Eugenik finden sich fatale Ausläufer solcher Vorstellungen, doch selbst in unserer vordergründig postideologischen, aufgeklärten Zeit lassen sich ähnliche Muster ausfindig machen, wenn „Natur […] damals wie heute zu einer rhetorischen Legitimation der Vernunft [wird]“ (88). Die Autoren setzten dieser Vorstellung von objektivierbaren Erkenntnissen über die menschliche Natur verschiedene Positionen entgegen. Damit widersprechen sie zeitgenössischen Tendenzen, die sich nicht nur in explizit rechtsgerichteten oder konservativen Konzeptionen finden lassen, sondern auch in Diskursen der Ökologie und der Humanwissenschaften, in Körpervorstellungen und Modetrends in der Ernährung sowie in dem Streben nach selbstoptimierender Lebensführung. Dieser Rekurs auf einen natürlichen Ursprung geht bestenfalls mit Ausgrenzungen und schlimmstenfalls mit rassistischer Ideologisierung einher, wie sich schnell an den Beispielen der Initiative „Gentechnikfreie Region Nebel/Krakow“, deren Vorsitzender NPD‑Mitglied war, oder rechten Lebensformbewegungen nachvollziehen lässt. Die Verbindung von Menschenfeindlichkeit und Biologisierung ist nach Beobachtung der Autoren nicht nur in Randphänomenen zu suchen. Vielmehr ist gerade der Moment zu betrachten, an dem sich biologistische Konstruktionen in gesellschaftliches Wissen und Macht einschreiben, Politiken legitimieren und soziale Realität werden. Michael Gommel geht eben diesen Mechanismen im Bereich der Humanbiologie nach und zeigt, wie aktuelle wissenschaftliche Debatten „das Wirken eines misanthropen Menschenbildes nachweisen“ (96), an der Konstruktion normalistischer Strategien feilen und damit biopolitische Machtstrategien stützen. Thilo Plümecke spürt in diesen Bereichen neueren Rassifizierungen nach – wie rassenspezifischen Medikamenten oder genetischen Abstammungstests –, auf deren Ansichten sich auch Thilo Sarrazin stützte. An dessen Beispiel zeigt Vanessa Lux deutlich, wie solche Denkmuster zu salonfähigem Sozialrassismus ausgedehnt werden können. Dieser breite sich trotz massenmedialer Empörung in vielen Bereichen aus.
Alexander Struwe (AST)
B. A., Politikwissenschaftler, Student, Goethe-Universität Frankfurt am Main.
Rubrizierung: 2.35 | 2.312
Empfohlene Zitierweise: Alexander Struwe, Rezension zu: Annett Schulze / Thorsten Schäfer (Hrsg.): Zur Re-Biologisierung der Gesellschaft. Aschaffenburg: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/9225-zur-re-biologisierung-der-gesellschaft_43186, veröffentlicht am 21.02.2013.
Buch-Nr.: 43186
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B. A., Politikwissenschaftler, Student, Goethe-Universität Frankfurt am Main.
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