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Analyse / 23.09.2026

Auf die Amtsinhaberin kommt es an! Die Spitzenkandidaten als entscheidender Faktor bei den Landtagswahlen im September 2026

Sie hat ihren Amtsbonus voll ausgespielt. Foto: Regierung-MV
Sie hat ihren Amtsbonus voll ausgespielt. Foto: Regierung-MV

‚Landesväter‘ und ‚Landesmütter‘ genießen in ihrem Bundesland meist hohes Ansehen und dienen ihren Parteien oft als zentrales Argument im Wahlkampf. Der Leipziger Politikwissenschaftler Hendrik Träger analysiert, welche Bedeutung den Amtsinhaber:innen bei den jüngsten Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt zukam – und welche Rolle die Spitzenkandidat:innen bei der Abgeordnetenhauswahl in Berlin spielten, wo der Regierende Bürgermeister nicht wieder antrat.

Eine Analyse von Hendrik Träger

Die drei Landtagswahlen im September 2026 führten zu Ergebnissen, die zum einen als „historisch“ einzuordnen sind und zum anderen substanzielle Unterschiede zwischen den Ländern aufweisen: In Sachsen-Anhalt könnte die AfD, die mit einem Vorsprung von fast 27 Prozentpunkten vor der CDU stärkste Partei wurde, erstmals den Regierungschef eines Bundeslandes stellen. In Mecklenburg-Vorpommern scheidet die CDU zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik aus einem Landesparlament aus. Die AfD wird auch im Nordosten die größte Fraktion stellen, ohne jedoch Chancen auf das Amt des Ministerpräsidenten zu haben. Im Schweriner Schloss verfügt eine rot-rot-grüne Koalition unter Führung der SPD über eine parlamentarische Mehrheit. Mehrere Koalitionsoptionen ergeben sich in Berlin. Dort könnte die Linke, die erstmals die meisten Stimmen erhielt, in das „Rote Rathaus“ einziehen; oder die CDU stellt weiterhin den Regierenden Bürgermeister. Beide Parteien brauchen Bündnis 90/Die Grünen und die SPD als Koalitionspartner.

Nicht nur mit Blick auf die Wahlergebnisse und die damit verbundenen Konsequenzen für die Regierungsbildung, sondern auch hinsichtlich des Personaltableaus unterschieden sich die drei Landtagswahlen voneinander: In Mecklenburg-Vorpommern trat mit Manuela Schwesig (SPD) die Ministerpräsidentin, die seit 2017 im Amt ist, wieder an. In Sachsen-Anhalt kandidierte Sven Schulze (CDU), der im Januar 2026 Reiner Haseloff als Regierungschef abgelöst hatte, um eine Chance auf den Amtsbonus zu bekommen. Und in Berlin fand die Abgeordnetenhauswahl – außerplanmäßig – ohne den Amtsinhaber statt. Im Juli 2026 hatte Kai Wegner angekündigt, aufgrund der anhaltenden Kritik an seinem Kommunikationsverhalten bezüglich des großflächigen Stromausfalls im Januar nicht mehr als Spitzenkandidat anzutreten, aber sein Amt als Regierender Bürgermeister bis zur Wahl zu behalten. Die CDU musste also zwei Monate vor der Abgeordnetenhauswahl ihren Spitzenkandidaten austauschen und stellte Stefan Evers auf. Der unter anderem für Finanzen und Kultur zuständige Senator übernahm außerdem kommissarisch den Vorsitz seines Landesverbandes.

Vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Personaltableaus wird in dem vorliegenden Beitrag analysiert, wie die Amtsinhaberin respektive der Amtsinhaber das Wahlergebnis beeinflusste und welche Rolle die anderen Spitzenkandidatinnen und -kandidaten spielten. Vor der Analyse werden der sozialpsychologische Ansatz als einschlägiges Konzept aus der Wahlforschung, die von Torsten Oppelland und mir entwickelten Typen von Amtsinhaberinnen und -inhabern sowie ausgewählte empirische Befunde für die bisherigen Landtagswahlen in Deutschland überblicksartig vorgestellt.

Personen als wahlentscheidender Faktor

Die Popularität der bei Wahlen antretenden Personen gehört zu den Kernbestandteilen des bereits in den 1950er-Jahren von einem Team um Angus Campbell entwickelten sozialpsychologischen Ansatzes (auch „Michigan-Modell“ oder „Ann-Arbor-Modell“ genannt). Diesem Konzept zufolge wird die individuelle Wahlentscheidung durch eine langfristig bestehende Parteibindung, die Sachthemenorientierung sowie die Bewertung von Kandidatinnen und Kandidaten determiniert. Die drei Faktoren, die im sogenannten Kausalitätstrichter („funnel of causality“) zugeführt werden, können sich wiederum gegenseitig beeinflussen. So bewerten die Wähler/innen beispielsweise das Personal der ihnen nahestehenden Partei positiver als die Bewerber/innen der anderen Parteien.[1]

Obgleich der sozialpsychologische Ansatz für die personenzentrierten Präsidentschaftswahlen in den USA entwickelt wurde, lässt er sich auf Deutschland und die Ebene der Bundesländer übertragen.[2] Für entsprechende Analysen können unter anderem die Befragungen der Forschungsgruppe Wahlen oder von Infratest dimap ausgewertet werden. Bei der Bewertung von Kandidatinnen und Kandidaten ist eine Differenzierung zwischen rollenrelevanten und rollenfernen Merkmalen möglich. Rollenrelevant ist beispielsweise die politische Durchsetzungsfähigkeit; demgegenüber gehören Attraktivität und Sympathie zu den rollenfernen Eigenschaften.[3] Diese Aspekte werden bei der weiter unten folgenden Analyse der Landtagswahlen aufgegriffen.

Popularitätstypen von Amtsinhaberinnen und Amtsinhabern

In der Gruppe der Kandidatinnen und Kandidaten ist zwischen den Amtsinhaberinnen und Amtsinhabern einerseits sowie den Herausforderinnen und Herausforderern zu differenzieren. Die Amtsinhaber/innen werden häufig „aufgrund verschiedener Faktoren wie der größeren Bekanntheit und Sichtbarkeit für die Wähler besser bewertet […] als die Spitzenkandidaten der anderen Parteien“.[4] In diesem Zusammenhang wird sowohl in der Wissenschaft als auch in der (Medien-)Öffentlichkeit von einem „Amtsbonus“ gesprochen. Allerdings erweist „es sich keineswegs immer als Vorteil […], das Amt des Ministerpräsidenten innezuhaben“.[5] Die Amtsinhaber/innen werden für das Regierungshandeln und gegebenenfalls für politische Skandale verantwortlich gemacht. Außerdem ist es möglich, dass die Amtsinhaber/innen „keine Popularität entwickeln und die Rolle als ‚Landesvater‘ oder ‚Landesmutter‘ nicht einnehmen“.[6] Solche Aspekte können sich auf das Wahlergebnis auswirken.

Zu der in Deutschland bisher selten vorgekommenen Ablösung der Amtsinhaber/innen infolge von Landtagswahlen trugen häufig die bundespolitische Stimmungslage und die zunehmende Fragmentierung des Parteiensystems bei, die zum Verlust der parlamentarischen Mehrheit der bisherigen Regierung führte. Neben diesen Aspekten ist es für die Herausforderin bzw. den Herausforderer vorteilhaft, landespolitische Ämter (z.B. Fraktionsvorsitz) innezuhaben und dadurch zumindest innerhalb des Bundeslandes bekannt zu sein.[7]

In Umfragen werden die Amtsinhaber/innen auf der -5/+5-Skala der Forschungsgruppe Wahlen unterschiedlich bewertet. Vor diesem Hintergrund haben Torsten Oppelland und ich eine Typologie mit fünf Kategorien entwickelt:[8]

  • Amtsinhaber/innen mit besonders großer Popularität werden entweder (a) mit mindestens +2,5 oder (b) mindestens zwei Skalenpunkte besser als ihre Herausforderin beziehungsweise ihr Herausforderer bewertet. Nicht in diese Kategorie zählt, wer schlechter bewertet wird als die eigene Partei.
  • Amtsinhaber/innen mit großer Popularität werden entweder (a) mit mindestens +1,7 und besser als ihre Herausforderin beziehungsweise ihr Herausforderer oder (b) mindestens einen Skalenpunkt besser als ihre Herausforderin beziehungsweise ihr Herausforderer bewertet. Auch hier gilt das Ausschlusskriterium einer schlechteren Bewertung als die eigene Partei.
  • Populäre Amtsinhaber/innen werden mit mindestens +1,0 und besser als ihre Herausforderin beziehungsweise ihr Herausforderer bewertet.
  • Für unpopuläre Amtsinhaber/innen ist charakteristisch, dass sie entweder (a) eine negative oder neutrale Bewertung aufweisen oder (b) höchstens halb so gut wie ihre Herausforderin beziehungsweise ihr Herausforderer bewertet werden.
  • Regierungschefs bzw. -chefinnen, die keine der bisher aufgeführten Merkmale erfüllen, gehören zur Residualkategorie Amtsinhaber/innen mit ambivalenter Bewertung.

Auf diese Typologie wird bei der folgenden Analyse zurückgriffen, um die Amtsinhaber/innen entsprechend einzuordnen.

Mecklenburg-Vorpommern: langjährige Amtsinhaberin als Erfolgsfaktor

Das Wahlergebnis in Mecklenburg-Vorpommern, das unter anderem von einer Aufholjagd der SPD gegenüber der AfD geprägt war, ist im Wesentlichen auf die Popularität der seit 2017 amtierenden Ministerpräsidentin Manuela Schwesig zurückzuführen. Bei der Frage nach einer hypothetischen Direktwahl führte die Regierungschefin kontinuierlich mit deutlichem Abstand vor Leif-Erik Holm (AfD) und Daniel Peters (CDU). In den Umfragen, die im September veröffentlicht wurden, favorisierte bei einer Entscheidung zwischen Schwesig und Holm jeweils deutlich mehr als die Hälfte der Befragten die Ministerpräsidentin. Die Popularität der Sozialdemokratin führte dazu, dass sich allmählich auch die Umfragewerte ihrer Partei verbesserten und sich die Situation unmittelbar vor der Landtagswahl zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen SPD und AfD zuspitzte. Im Gegensatz zur Regierungschefin erhielten Holm und Peters schlechtere Werte als ihre jeweilige Partei (Tabelle 1). Insbesondere der CDU-Spitzenkandidat trug nicht zu einer Mobilisierung von Wählerinnen und Wählern bei.

Tabelle 1: Umfragen für Mecklenburg-Vorpommern  

 

 Schwesig (SPD) 

 Holm (AfD) 

 Peters (CDU) 

 keine/r 

 Januar 2026 

 46% 

 (25%) 

 25% 

 (35%) 

 8% 

 (13%) 

 21% 

 Mai 2026 

 47% 

 (27%) 

 27% 

 (36%) 

 6% 

 (10%) 

 20% 

 Juli 2026 

 49% 

 (29%) 

 27% 

 (36%) 

 8% 

 (9%) 

 16% 

 September I 

 60% 

 (32%) 

 25% 

 (35%) 

 k.A. 

 (8%) 

 15% 

 September II 

 59% 

 (33%) 

 28% 

 (38%) 

 k.A. 

 (7%) 

 13% 

 Wahltag 

 62% 

 (35,5%) 

 29% 

 (38,2%) 

 k.A. 

 (4,9%) 

 9% 

Angegeben sind die Daten für eine hypothetische Direktwahl und für die „Sonntagsfrage“ beziehungsweise das vorläufige Wahlergebnis (in Klammern).

Quelle: Eigene Darstellung nach Daten von Infratest dimap.

Der Vorsprung der Ministerpräsidentin gegenüber ihrem Herausforderer bestand zwar in allen Altersgruppen, aber bei denjenigen, die mindestens 65 Jahre alt sind, ist Schwesig besonders populär. Demgegenüber verzeichnete Holm in den mittleren Altersgruppen überdurchschnittliche Werte (Tabelle 2).

Tabelle 2: Direktwahlfrage in Mecklenburg-Vorpommern nach Altersgruppen

 Altersgruppen 

 Manuela Schwesig 

 Leif-Erik Holm 

18 bis 34 Jahre 

62% 

28% 

35 bis 49 Jahre 

55% 

33% 

50 bis 64 Jahre 

53% 

38% 

65 Jahre und älter 

73% 

21% 

Quelle: Eigene Darstellung nach Daten von Infratest dimap.

Auf der -5/+5-Skala der Forschungsgruppe Wahlen lag die Regierungschefin mit +1,3 (2021: +2,7) zum einen immer klar im positiven Bereich und zum anderen knapp zweieinhalb Skalenpunkte vor ihrem Herausforderer (-1,1). Aufgrund des großen Abstands gehört die Sozialdemokratin weiterhin zur Gruppe der Amtsinhaber/innen mit besonders großer Popularität. Die Beliebtheit der Ministerpräsidentin schlägt sich auch in den Umfragedaten zu den persönlichen Eigenschaften nieder: Schwesig wurde im Vergleich zu Holm als sympathischer (56% vs. 26%) und glaubwürdiger (52% vs. 24%) bewertet. Außerdem wurde ihr „mehr Sachverstand“ (54% vs. 17%) attestiert.

Angesichts dieser Werte ist es nicht überraschend, dass Schwesig – dem von Infratest dimap ermittelten „Kandidatenfaktor“ zufolge[9] – für die Hälfte der SPD-Wähler/innen das wahlentscheidende Motiv war. Bei den anderen Parteien spielte der „Kandidatenfaktor“ hingegen nur eine nachrangige Rolle (AfD: 24%; Linke: 14%; Grüne: 14%; CDU: 13%; BSW: 10%). Letztlich trug Manuela Schwesig als Person erheblich dazu bei, dass die SPD in Mecklenburg-Vorpommern nur vergleichsweise geringe Stimmenverluste verzeichnete und auch weiterhin die Ministerpräsidentin stellen kann.

Sachsen-Anhalt: Mobilisierungsschwäche des kurzzeitigen Amtsinhabers

Eine wesentlich andere Situation als in Mecklenburg-Vorpommern gab es in Sachsen-Anhalt: Dort konnte sich der erst seit Januar 2026 amtierende Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) nicht von seinem Herausforderer Ulrich Siegmund (AfD) absetzen. Bei der Direktwahlfrage verzeichneten beide im Verlauf des Wahlkampfs deutliche Zuwächse; die Abstände zwischen dem Regierungschef und seinem Konkurrenten blieben mit zwei bis sechs Prozentpunkten sehr klein. Letztlich verfügte der Ministerpräsident – trotz seiner gestiegenen Popularitätswerte – nicht über einen Amtsbonus. Außerdem gelang es der CDU nicht, von dem Anstieg der Zustimmungswerte ihres Spitzenkandidaten zu profitieren. Es war vielmehr das Gegenteil der Fall: Während Schulze an Popularität gewann, sanken die Werte seiner Partei erheblich. Als Schulze am Wahltag den größten Abstand bei der Direktwahlfrage erreichte, war der Abstand zwischen den Stimmenanteilen von CDU und AfD wesentlich größer als bei den „Sonntagsfragen“ (Tabelle 3). Die CDU und ihr Ministerpräsident hatten also eine erhebliche Mobilisierungsschwäche.

Tabelle 3: Umfragen für Sachsen-Anhalt

 

 Schulze (CDU) 

 Siegmund (AfD) 

 keine/r 

 Mai 2026

36% 

(26%) 

32% 

(41%) 

32% 

 August 2026

41% 

(22%) 

39% 

(42%) 

20% 

 Wahltag

46% 

(17,2%) 

40% 

(43,8%) 

14% 

Angegeben sind die Daten für eine hypothetische Direktwahl und für die „Sonntagsfrage“ beziehungsweise das vorläufige Wahlergebnis (in Klammern).

Quelle: Eigene Darstellung nach Daten von Infratest dimap.

Bei den Präferenzen hinsichtlich des künftigen Regierungschefs bestanden – ausweislich der am Wahltag von Infratest dimap veröffentlichten Daten – erhebliche Unterschiede zwischen den Altersgruppen: Die jüngeren Befragten favorisierten Siegmund, während Schulze bei den 50- bis 64-Jährigen knapp vor seinem Herausforderer lag und in der Gruppe der mindestens 65 Jahre alten Befragten deutlich führte (Tabelle 4). Die Popularität des Ministerpräsidenten und seines Konkurrenten ist also – ebenso wie die Wahlentscheidung zugunsten von AfD oder CDU – eine Generationenfrage.

Tabelle 4: Direktwahlfrage in Sachsen-Anhalt nach Altersgruppen

 Altersgruppen 

 Sven Schulze 

 Ulrich Siegmund 

 18 bis 34 Jahre 

37%

47%

 35 bis 49 Jahre 

38%

48%

 50 bis 64 Jahre 

46%

41%

 65 Jahre und älter 

55%

32%

Quelle: Eigene Darstellung nach Daten von Infratest dimap.

Das in der Gesamtbevölkerung zu beobachtende Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Schulze und Siegmund schlägt sich auch in weiteren Daten der Meinungsforschungsinstitute nieder: Erstens gehörte der Ministerpräsident zur Gruppe der Amtsinhaber/innen mit ambivalenter Bewertung. Auf der -5/+5-Skala der Forschungsgruppe Wahlen lag er mit +0,1 nur knapp im positiven Bereich und weniger als einen halben Skalenpunkt vor seinem Herausforderer (-0,3). Die ambivalente Bewertung des Amtsinhabers wird – zweitens – auch mit Blick auf die einzelnen Items zu den persönlichen Eigenschaften deutlich. Die Befragten bewerteten Schulze als glaubwürdiger als Siegmund (41% vs. 26%) und attestierten ihm „mehr Sachverstand“ (41% vs. 21%). Aber bezüglich der Sympathie lag der Ministerpräsident (38%) nur sechs Prozentpunkte vor seinem Herausforderer (32%). Und bei der Frage, wer sich stärker für die Interessen der „einfachen“ Bürger/innen einsetzt, rangierten Schulze (32%) und Siegmund (33%) mit einem minimalen Vorsprung des Herausforderers nahezu gleichauf.

Angesichts der hohen Werte, die die Spitzenkandidaten von AfD und CDU bei der Direktwahlfrage erreichten, ist es nicht überraschend, dass Siegmund und Schulze ein wichtiger Faktor bei der Wahlentscheidung zugunsten ihrer jeweiligen Partei waren. Dem von Infratest dimap ermittelten „Kandidatenfaktor“ zufolge war für 39 Prozent der AfD-Wähler/innen und für 38 Prozent der CDU-Wähler/innen der Spitzenkandidat das wahlentscheidende Motiv.

Berlin: Wahl ohne Amtsinhaber

Die Berliner Abgeordnetenhauswahl fand – im Gegensatz zu den Urnengängen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt – ohne den Amtsinhaber statt. Alle Spitzenkandidatinnen bzw. -kandidaten der vor der Wahl in Fraktionsstärke parlamentarisch vertretenen Parteien hatten mindestens ein landespolitisches Amt respektive Mandat inne: Der für Finanzen und Kultur zuständige Senator Stefan Evers ersetzte Kai Wegner als CDU-Spitzenkandidaten. Für Grüne, Linke und AfD traten die Abgeordnetenhausmitglieder Werner Graf, Elif Eralp und Kristin Brinker an; Brinker und Graf waren außerdem Vorsitzende ihrer jeweiligen Fraktion. Der SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach, dessen Amt als Präsident der Region Hannover wegen des Wahlkampfs ruhte, aber wenige Tage vor der Wahl aufgrund staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen für öffentliches Aufsehen sorgte, war seit Mai 2026 Ko-Landesvorsitzender seiner Partei in Berlin.

Dieses Personaltableau ohne Amtsinhaber trug dazu bei, dass die Mehrheit der Bevölkerung niemanden von den Spitzenkandidatinnen und -kandidaten favorisierte. Bei der Direktwahlfrage lagen Evers und Eralp nur mit geringem Abstand vor der Konkurrenz; aber weder der Senator noch die Oppositionspolitikerin kam im Verlauf des Wahlkampfs auf Zustimmungswerte von mehr als 13 Prozent (Tabelle 5). Niedrige Zustimmungswerte waren nicht nur in der Gesamtbevölkerung, sondern auch in der Anhängerschaft der eigenen Partei zu verzeichnen. Den im Juli 2026 – also kurz nach Wegners Rückzugsankündigung – von Infratest dimap veröffentlichten Daten für die Direktwahl zufolge hätte sich bei keiner Partei die Mehrheit der Anhänger/innen für die eigene Spitzenkandidatin beziehungsweise den eigenen Spitzenkandidaten entschieden.

Tabelle 5: Umfragen für Berlin

 

 Evers 
 (CDU) 

 Krach 
 (SPD) 

 Graf 
 (Grüne) 

 Eralp 
 (Linke) 

 Brinker 
 (AfD) 

 keine/r 

 Juli 2026 

 11% (20%) 

 7% (12%) 

 3% (17%) 

 9% (22%) 

 5% (16%) 

 65% 

 September 2026 

 13% (21%) 

 9% (11%) 

 4% (18%) 

 13% (19%) 

 7% (18%) 

 54% 

Angegeben sind die Daten für eine hypothetische Direktwahl und die „Sonntagsfrage“ bzw. das vorläufige Wahlergebnis (in Klammern). Am Wahltag wurden keine Werte für die Direktwahlfrage veröffentlicht.

Quelle: Eigene Darstellung nach Daten von Infratest dimap.

Den am Wahltag veröffentlichten Umfragewerten zufolge war jeweils nur eine kleine Minderheit der Befragten mit der politischen Arbeit der Spitzenkandidatinnen und -kandidaten zufrieden (Eralp: 27%; Evers: 21%; Krach: 20%; Brinker: 11%; Graf: 11%). Auf die Frage, wer ein/e gute/r Bürgermeister/in wäre, nannten 30 Prozent Eralp und 24 Prozent Evers. Die ausbaufähige Popularität der Spitzenkandidatinnen und -kandidaten ist eine Ursache dafür, dass sich zum einen keine Favoritin beziehungsweise kein Favorit für das Amt an der Regierungsspitze herauskristallisierte und dass sich zum anderen lange Zeit vier Parteien (Linke, CDU, AfD, Grüne) ein relativ enges Rennen in der „Sonntagsfrage“ lieferten (Tabelle 5).

Vor dem Hintergrund der beschriebenen Umfragedaten für die Spitzenkandidatinnen und -kandidaten ist es naheliegend, dass der von Infratest dimap ermittelte „Kandidatenfaktor“ bei allen Parteien entweder vergleichsweise klein oder kaum vorhanden war (CDU: 22%; SPD: 18%; AfD: 16%; Linke: 15%; BSW: 14%; Grüne: 6%). Für die Wahlentscheidung war also das Personal letztlich nicht der entscheidende Aspekt; viel wichtiger als die Personen waren die inhaltlich-programmatischen Positionen der Parteien (BSW: 71%; Linke: 69%; AfD: 65%; Grüne: 64%; CDU: 50%; SPD: 43%).

Fazit: Auf die Amtsinhaberin kommt es an!

Unter den Spitzenkandidatinnen und -kandidaten für die drei Landtagswahlen im September 2026 sticht Manuela Schwesig hervor. Die große Popularität der Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern trug maßgeblich dazu bei, dass sich die Umfragewerte ihrer Partei seit Jahresanfang deutlich verbesserten und dass der Vorsprung der AfD als größter Landtagsfraktion deutlich geringer als in Sachsen-Anhalt ist. In Anlehnung an den Slogan auf einem CDU-Plakat zur Bundestagswahl 1969 („Auf den Kanzler kommt es an“) lässt sich mit Blick auf Manuela Schwesig konstatieren: Auf die Amtsinhaberin kommt es an!

In Zeiten besonders volatilen Wahlverhaltens kann die „richtige“ Amtsinhaberin beziehungsweise der „richtige“ Amtsinhaber der entscheidende Faktor für das Wahlergebnis sein. Die Frage, ob die CDU in Sachsen-Anhalt und Berlin größere Stimmenanteile erhalten hätte, wenn Schulze nicht erst zu Beginn des Wahljahres zum Ministerpräsidenten gewählt worden wäre und Evers von Wegner auch das Amt des „Regierenden“ übernommen hätte, gehört zu den hypothetischen Gedankenspielen, auf die es keine evidenzbasierte Antwort geben wird.

Literatur:


[1] Vgl. Campbell, Angus / Gurin, Gerald / Miller, Warren E. (1954): The Voter Decides, Evanston / White Plains: Row, Peterson and Company; Campbell, Angus / Converse, Philip E. / Miller, Warren E. / Stokes, Donald E. (1960): The American Voter, New York: John Wiley & Sons.

[2] Vgl. Schell, Toni Sebastian (2019): Personalisierungstrend der Wahlentscheidung. Spitzenkandidaten und Kontextbedingungen bei westdeutschen Landtagswahlen, Wiesbaden: Springer VS, S. 15-22.

[3] Vgl. Klein, Markus / Ohr, Dieter (2000): Der Kandidat als Politiker, Mensch und Mann. Ein Instrument zur differenzierten Erfassung von Kandidatenorientierungen und seine Anwendung auf die Analyse des Wählerverhaltens bei der Bundestagwahl 1998, in: ZA-Information 46, S. 6-25.

[4] Träger, Hendrik / Oppelland, Torsten (2021): Amtsbonus bei Landtagswahlen? Die Bewertung amtierender Ministerpräsidenten, in: Europäisches Zentrum für Föderalismus-Forschung Tübingen (Hg.): Jahrbuch des Föderalismus 2021, Baden-Baden: Nomos, S. 207-220, S. 209 f.

[5] Ebd., S. 210.

[6] Ebd.

[7] Vgl. Träger, Hendrik / Matthies, Celine (2023): Erfolgreiche Herausforderer bei Landtagswahlen. Eine Analyse der Kontextfaktoren der Ablösung von Amtsinhabern, in: Europäisches Zentrum für Föderalismus-Forschung Tübingen (Hg.): Jahrbuch des Föderalismus 2023, Baden-Baden: Nomos, S. 237-251.

[8] Vgl. Träger, Hendrik / Oppelland, Torsten (2025): Populäre und unpopuläre ‚Landesfürsten‘. Die Bewertung von Amtsinhabern bei Landtagswahlen, in: Heinze, Anna-Sophie / Jun, Uwe / Oppelland, Torsten (Hg.): Regionale Vielfalt? Neue Trends subnationaler Parteiensysteme in Deutschland, Wiesbaden: Springer VS, S. 99-118, S. 105 f.

[9] Die entsprechende Frage an die Umfrageteilnehmerinnen und -teilnehmer lautet: Was war für Ihre Wahlentscheidung am wichtigsten: die Kandidat/innen, das Programm oder die Bindung an eine Partei? Der Anteil der Befragten unter den Wähler/innen einer Partei, der sich für die Kandidatin oder den Kandidaten entscheidet, wird als ‚Kandidatenfaktor‘ bezeichnet.



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