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/ 11.06.2013
Peter Glotz

Die beschleunigte Gesellschaft. Kulturkämpfe im digitalen Kapitalismus

München: Kindler Verlag 1999; 288 S.; geb., 44,90 DM; ISBN 3-463-40363-3
Glotz begibt sich auf das schwierige Terrain der Zukunftsprognose. Viele sind hiermit gescheitert, haben für das neue Jahrtausend das goldene Zeitalter oder den Untergang des Abendlandes prognostiziert und niemand sollte recht behalten. Der Autor geht anders vor, er analysiert erst einmal die Gegenwart und konstatiert: unsere Welt befindet sich in einem massiven Umbruch. Hervorgerufen durch moderne elektronische Kommunikationsformen entsteht eine neue Ordnung, in der sich die entwickelten Staaten von industrialisierten zu "informierten Gesellschaften" wandeln. Im Kern des Wandels steht die digitale Netzinfrastruktur, in der elektronische Informationen zum wichtigsten Handelsgut werden. Dieser Prozeß wird, so Glotz, bis circa 2010 abgeschlossen sein (13). Im Kern sollen sich seine Ausführungen auf die Frage konzentrieren, "wie neuartige Kommunikationsverhältnisse die Gesellschaft des frühen 21. Jahrhunderts verändern werden" (9). Verbunden ist dies mit einem klaren Plädoyer für die Neubewertung von Erfindergeist, Anpassungsfähigkeit und Reaktionsschnelligkeit moderner Gesellschaften und ihrer Bürger, ganz besonders in Europa. Im weiteren beschränkt sich Glotz jedoch sehr auf eine Analyse der Gegenwart und der zur Zeit stattfindenden Veränderungen. Dabei kennzeichnet er zwei Bruchlinien in der Entwicklung: Eine verläuft zwischen den europäischen Staaten und den USA. Hervorgerufen wird sie durch den technologischen Vorlauf in den Vereinigten Staaten und einer dort stärkeren Anerkennung der von Glotz für das neue Zeitalter geforderten Eigenschaften. In erster Linie ist dieser Rückstand ein hausgemachtes Problem Europas, provoziert durch die Abwanderung von Spitzenkräften während und nach dem Zweiten Weltkrieg, der Vernachlässigung europäischer Eliteuniversitäten und der Starrheit der Industrie. Die zweite Bruchlinie verläuft innerhalb der Gesellschaften. Glotz unterteilt diese in die Gruppen der Be- und Entschleuniger des Wandlungsprozesses: Zwei Drittel werden sich den veränderten Gegebenheiten anpassen und diese mittragen. Das dritte Drittel, bestehend aus Ausgegrenzten und bewußten Verweigerern, wird in diesem Prozeß versagen. Glotz beschränkt sich auf das Aufzeigen der Probleme; Lösungsansätze abseits von Plädoyers und Wünschen kommen jedoch zu kurz. Gerade hier hätte der Autor aber hinsichtlich möglicher Strategien zu einem kontrollierten Wandel etwas Neues bieten können.
Stefan Göhlert (SG)
M. A., Politikwissenschaftler, Protokollchef und Bürgerbeauftragter in der Verwaltung der Stadt Jena.
Rubrizierung: 2.22.37 Empfohlene Zitierweise: Stefan Göhlert, Rezension zu: Peter Glotz: Die beschleunigte Gesellschaft. München: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/10574-die-beschleunigte-gesellschaft_12498, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 12498 Rezension drucken
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