/ 22.06.2013
Christoph Twickel
Gentrifidingsbums oder Eine Stadt für alle
Hamburg: Edition Nautilus 2010 (Nautilus Flugschrift); 127 S.; 9,90 €; ISBN 978-3-89401-726-2Gentrifizierung – kaum ein anderer wissenschaftlicher Terminus hat eine solch rasante Entwicklung zu einem politischen Kampfbegriff erfahren wie dieser. Er entstammt der Stadtsoziologie, wo er den durch ökonomische Aufwertung ausgelösten Transformationsprozess bestimmter Stadteile beschreibt, in dessen Verlauf die angestammte Bevölkerung durch eine sozial höherklassige ersetzt wird. Dieser Verdrängungsprozess stößt in den westlichen Gesellschaften auf zunehmende Kritik. Der Autor ist freier Journalist und begleitet und gestaltet den Protest gegen das Phänomen in Hamburg aktiv mit. Er versteht das Buch als eine bewusste Parteinahme gegen Gentrifizierung; er will erklären, was der Begriff eigentlich bedeutet, und Wege aufzeigen, auf denen dieser Entwicklung entgegengetreten werden kann. Twickel ist sich der Paradoxie von Gentrifizierung bewusst und sie durchzieht das Buch wie ein Leitfaden: Letztendlich sind die Kritiker der Gentrifizierung – Studenten, Freiberufler, die gesamte Alternativkultur –, diejenigen, die den Aufwertungsprozess eines Stadtviertels als Pioniere selbst anstoßen. Twickelt zeigt anschaulich, wie der US-Ökonom Richard Florida die Erklärung des Prozesses in einen größeren Zusammenhang eingebettet hat. Der Wettbewerb zwischen den Städten hat sich demnach aufgrund des Niedergangs der alten Industrien und damit der Arbeitsteilung intensiviert. Um wettbewerbsfähig bleiben und prosperieren zu können, müssen die Metropolen von heute sich mit einem Image, mit einer kreativen Klasse schmücken können. Twickel erkennt einen Paradigmenwechsel in der Stadtpolitik: Es dominiert nicht mehr die sozialdemokratische Wohnungs- und Baupolitik der Nachkriegszeit, in der es darum ging, möglichst vielen Bewohnern einen günstigen Wohn- und Lebensraum zu verschaffen, sondern eine Politik, die dem Standortwettbewerb und damit privaten Bauträgern und Investoren, Immobilienfonds und PR-Agenturen verpflichtet ist. Daraus folgt eine „Abkehr von der wohlfahrtstaatlichen zur unternehmerischen Stadt“ (28). Als Gegenmittel empfiehlt Twickel den Kritikern von Gentrifizierung, die Diskurshoheit wieder zu erlangen und sich gegen die Aneignung der kreativen Klasse durch Investoren und Politiker zu wehren: „Not in our Name“ (116).
Christian Haas (CHA)
M. A., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 2.325 | 2.331 | 2.35
Empfohlene Zitierweise: Christian Haas, Rezension zu: Christoph Twickel: Gentrifidingsbums oder Eine Stadt für alle Hamburg: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/32589-gentrifidingsbums-oder-eine-stadt-fuer-alle_38898, veröffentlicht am 25.10.2010.
Buch-Nr.: 38898
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M. A., Politikwissenschaftler.
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