/ 21.06.2013
Tanjev Schultz
Geschwätz oder Diskurs? Die Rationalität politischer Talkshows im Fernsehen
Köln: Herbert von Halem Verlag 2006; 400 S.; 29,50 €; ISBN 978-3-938258-24-8Diss. Bremen; Gutachter: L. Probst, H. Weßler. – Politische Gesprächsrunden im Fernsehen erzielen zum Teil hohe Einschaltquoten. Welche Funktion können sie in modernen Öffentlichkeiten haben – oder sind sie sinnlos, dysfunktional und geradezu irrational? Schultz wägt erst einmal den liberalen und deliberativen Ansatz eines Verständnisses von Öffentlichkeit gegeneinander ab und geht dann in einer eher losen Anlehnung an die Theorien von Habermas davon aus, dass die Polit-Talks die Funktion eines Spiegels haben. Demnach bieten sie nicht nur eine Bühne für die bloße Mitteilung von Ereignissen, Verlautbarungen oder Selbstdarstellungen, sondern auch „einen Raum für argumentative Beiträge [...], die von anderen beobachtet werden können“ (88). Es folgt ein Rückblick auf die politischen Gesprächsrunden, angefangen 1953 mit dem „Internationalen Frühschoppen“. Die Nachfolgesendung, der „Presseclub“, gehört zu den vier Sendungen, die der Autor eingehend daraufhin untersucht, ob in ihnen überhaupt – und wenn ja, in welchem Umfang – politisch diskutiert wird. Die anderen drei sind „19:zehn“ (auf 3sat), „Berlin Mitte“ sowie „Sabine Christiansen“. Es zeigt sich, dass die Beteiligung von Journalisten und Wissenschaftlern an einer Talkrunde dazu beiträgt, einen tatsächlichen Diskurs entstehen zu lassen. Am unergiebigsten schneiden jene Runden ab, in denen nur Spitzenpolitiker zusammensitzen – sie äußern sich eher ungern konkret zum Thema. Den Moderatoren attestiert Schultz, dass sie durch ihre Fragen die Teilnehmer anregen, einen Standpunkt zu beziehen und so tatsächlich einen Beitrag zur politischen Meinungsbildung leisten. Obwohl es zwischen den Sendereihen signifikante Unterschiede gibt, können sie aus „der Perspektive einer soziologisch gedämpften deliberativen Öffentlichkeitstheorie“ (316) durchaus mehr oder weniger einen vernünftigen Beitrag zur politischen Kommunikation leisten. Es wäre allerdings wünschenswert, beendet Schultz seine aufschlussreiche Studie, wenn ein Dissens einmal nicht nur oberflächlich artikuliert, sondern tatsächlich ausbuchstabiert würde.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.333
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Tanjev Schultz: Geschwätz oder Diskurs? Köln: 2006, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/26358-geschwaetz-oder-diskurs_30703, veröffentlicht am 25.06.2007.
Buch-Nr.: 30703
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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